Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer

Kurt Kaindl, Karl-Markus Gauß


Unzuverlässig und faul

Für sein neues Buch reiste Karl-Markus Gauß zu den versprengten Deutschen in Osteuropa.

Autoren, die in die Nachkriegsordnung hineingeboren wurden und sich eher als links denn als bürgerlich verstehen, haben lange einen großen Bogen um das Schicksal der deutschen Volksgruppen gemacht, die während der letzten ethnisch motivierten Verfolgungen entweder ihre Heimat, mindestens aber ihre historische Identität hatten aufgeben müssen. Kein Wunder, denn wer nicht das Gegenteil der Position der Landsmannschaften vertrat, riskierte, sich den Ruf eines Rechtskonservativen einzuhandeln.
Erst seit die Vertriebenenverbände an Einfluss verloren haben, ist es leichter geworden, Bücher über die deutschen Volksgruppen zu schreiben. So wie zum Beispiel "Die versprengten Deutschen" von Karl-Markus Gauß, der für seinen Bericht deutsche Minderheiten in Litauen, der Slowakei und der Ukraine besuchte. Diese Exkursion durch Restbestände einst blühender Siedlungsgebiete endet unweit von Odessa, wo aus Kirgisien ausgewanderte Dörfler vergeblich darauf warten, als Spätaussiedler in das Paradies Deutschland weiterziehen zu dürfen. Dort am Schwarzen Meer findet Gauß eine Minderheitengemeinschaft, die ähnlich verwahrlost ist wie die slowakischen Roma, denen er seine letzte Reportage gewidmet hat.
Zunächst freilich stellt Gauß den Lesern eine Hand voll Verbitterter im Baltikum vor, denen er ob ihrer beinharten Biografien selbst die Verehrung Hitlers nachsehen muss. Danach kann man in der slowakischen Zips mit einer Vielzahl von unverzagten, kauzig-sympathischen Menschen Bekanntschaft schließen. Nach mindestens sechs Jahrzehnten, in denen die Deutschstämmigen wieder und wieder von den Machthabern getreten wurden, als wären sie der Ball im Spiel um die Europameisterschaft des Totalitarismus, liegen ihre Mikrokulturen in den letzten Zügen.
Der Untergang wird nicht aufzuhalten sein. Greise, von denen kaum einer die Chance hatte, einen realitätsnahen Bezug zur Gegenwart seines politischen Staates aufrechtzuerhalten, bevölkern den Band. Weder Rechtschaffenheit noch Anpassung vermochte vor den traumatischen Ereignissen der Vierziger- und Fünfzigerjahre zu schützen. Gauß erfährt von strammen deutschen Kommunisten, die trotzdem in stalinistische Säuberungswellen gerieten, von Wolfskindern, die sich irgendwie durchgeschlagen haben, von zwangsrekrutierten SS-Männern und von Familien, deren Söhne zu gleichen Teilen der Wehrmacht und der Roten Armee zugeteilt worden waren.
Dennoch: Bis zum Bericht über die Kolonien am Schwarzen Meer decken sich die Vor-Ort-Erkundungen von Karl-Markus Gauß mit dem landläufigen Bild, das man sich im Zuge der Medienberichterstattung anlässlich der EU-Osterweiterung hat machen können. Doch dann die letzten Deutschen am Schwarzen Meer: Charaktere, die auf ihre Situation mit Selbstaufgabe, Selbstmitleid und asozialen Verhaltensweisen reagierten. "Weil die Deutschen unzuverlässig, faul und verlogen sind", bestätigt ein in den Neunzigerjahren zurückgekehrter Deutschukrainer, beschäftigt er in seiner Tischlerei nur Menschen anderer Nationalitäten. Aus gutem Grund, liegen die Deutschen doch schon vormittags betrunken auf der Straße herum. Es ist diese Reportage, die Gauß' drittem Fahrtenbuch durch das Europa der Minderheiten eine ganz besondere Dimension verleiht.

Trotz großer finanzieller Unterstützung aus dem Westen wollen die weltgewandten unter Gauß' Gesprächspartnern den jüngsten Anstrengungen, ihre Minderheitenidentität neu zu beleben, keine rechte Zukunft bescheinigen. Denn es sieht nur so aus, als würden die Jungen die Kultur ihrer Großväter für sich entdecken. Von den wiedereröffneten deutschen Schulen profitieren vor allem nichtdeutsche Kinder – Sprösslinge aus der Oberschicht, deren Eltern über die nötigen Mittel verfügen, den Nachwuchs in Institutionen zu schicken, die als Sprungbrett für internationale Karrieren dienen.
Die letzten Deutschen Litauens, der Zips und der Ukraine scheinen auf dem Marsch ins vereinte Europa von der Mehrheit niedergerannt zu werden. Möglicherweise ist "Die versprengten Deutschen" von Karl-Markus Gauß bereits die letzte große Momentaufnahme dieser Minderheiten, die so in das Museum des Erinnerns hinübergerettet werden.

Martin Droschke in FALTER 42/2005



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