Das Klavier im Nebel

Eginald Schlattner


"Es muss durch mich durch"

Eginald Schlattner hat in seinen autobiografischen Romanen das Ende der Siebenbürger Sachsen festgehalten. Mit dem "Falter" sprach er über sein jüngstes Buch "Das Klavier im Nebel", das die Jahre 1948 bis 1952 behandelt.

Solange wir uns Geschichten erzählen, kann einer auf den anderen nicht böse sein", heißt es in Eginald Schlattners jüngstem Roman "Das Klavier im Nebel", der selbst den Beweis für diese These liefert: Die große Geschichte trennt, die kleinen Geschichten verbinden – das individuelle Schicksal mit den historischen Ereignissen und die Menschen untereinander. Wie vorangegangenen Büchern "Der geköpfte Hahn" (1998) und "Die roten Handschuhe" (2001), zwischen denen der dritte Roman nun den Bogen spannt, ist auch "Das Klavier im Nebel" mit Eckdaten der rumänischen, insbesondere der Siebenbürger Geschichte verknüpft: Waren es im ersten Roman die Jahre der "kommunistischen Monarchie" (1944–1948) und im zweiten die Verschärfung des politischen Klimas um 1957, so ist es nun die Zeit von 1948 bis 1951, die mit Zwangsdeportationen entlang der Grenze zum abtrünnigen Tito-Jugoslawien endet.
Ursprünglich wollte der Autor nur eine kurze Liebesgeschichte schreiben, wie er im Gespräch mit dem Falter erzählt: "Der Clemens aus Schässburg fährt ins Banat, weil er sich zwischen unterer Gasse und Oberstadt nicht entscheiden kann, zwischen Isabella und Petra, und begegnet dann im Banat einer dritten Person, die das Ganze auflöst." Doch wie immer begann sich das Material durch seine überbordende Erzählfreudigkeit und den üppigen, barocken Sprachduktus zu verselbstständigen, wucherten die Bilder im Wildwuchs und konnten nur noch durch die "Gartenschere" eines strengen Lektorats (Brigitte Hilzensauer) in lesbare Form gebracht werden. "Plötzlich merke ich, es werden 100 Seiten, 200, 300, 400, und Clemens ist noch immer nicht im Banat angekommen. Da hab ich mir gedacht, dann muss ich auch meine Familie hineinschmuggeln, damit das vielleicht doch die Spange zwischen dem ,Hahn' und den ,Handschuhen' wird."
Die Romane des evangelischen (Gefängnis-)Pfarrers aus Rothberg bei Hermannstadt tragen deutlich autobiografische Züge: "Es ist ein Identifikationsprinzip für mich, dass ich in meine Bücher nichts hineinnehme, was mich nicht persönlich betroffen hat oder nicht im Umkreis der persönlichen Betroffenheit geschehen ist. Das muss durch mich hindurch gegangen sein." Mit der in Einzelbiografien, Landschaftsbeschreibungen und geschichtsphilosophischen Überlegungen ausufernden Familiengeschichte findet jedoch auch die Historie ihren Eingang, was Eginald Schlattner, Jahrgang 1933, zum Chronisten der Siebenbürger Sachsen macht. Deren Geschichte sei offensichtlich zu Ende, meinte Sigrid Löffler einmal, das Ende in Schlattners Romanen ist exemplarisch aufgehoben. "Mir war wichtig zu zeigen, dass diese geschichtlichen Hammerschläge das Leben zertrümmern oder modellieren. Ich hätte diese Romane auf keinen Fall in einem gläsernen, abstrakten Raum schreiben können, obwohl es allgemein menschliche Dinge sind."
"Das Klavier im Nebel" erzählt die Geschichte des Fabrikantensohnes Clemens Rescher aus Schässburg, der durch die Enteignung im Juni 1948 mit einem Schlag seine unbeschwerte Jugend und bürgerliche Existenz verliert. Der darauf folgende Zerfall seiner Familie macht ihn zu einem rastlos Entwurzelten: Der Vater ist wegen Widerstands gegen die neue Staatsgewalt im Gefängnis, die Mutter freiwillig als Arbeiterin am Meer, die Großmutter muss in den Reitstall des ehemaligen Familienanwesens übersiedeln. Nach einem Ausbruchsversuch in eine Art Schäferidylle wird Clemens von der Realität des Sozialismus eingeholt und versucht fortan, "mit den Wölfen zu heulen": durch Schichtarbeit am Hochofen einer Porzellanfabrik, den Besuch des Abendlyzeums und ein bescheidenes Dasein in einem Baumhaus.

Mit dem wachsenden Misstrauen, das sich zwischen die Menschen schiebt, löst sich das soziale Gefüge seiner Umgebung vollkommen in gelebten Sozialismus auf, den Eginald Schlattner durch ironische Seitenhiebe zu unterminieren weiß: Die Kühe geben nur sächsischen Bauern und bei Musik von Mozart Milch; ein Arbeiterinnenaufmarsch verschmilzt mit dem Begräbnis eines Knopfes, der, Pars pro Toto, statt seines im Arbeiterlager umgekommenen ehemaligen Besitzers bestattet wird, zu einem Straßenfest; das Klatschen der Genossen führt dazu, dass Stalins Konterfei von der Wand fällt und das darunter liegende Bild des Königs sichtbar wird.
Verstärkt wird die allgemeine emotionale Verunsicherung durch Clemens' große Empfänglichkeit für Frauen, für die er durch halb Rumänien reist – auch um sie im Kreise seiner Verwandten in Fogarasch oder im Banat wieder zu vergessen. Als Siebenbürger Sachse gerät er auf diesem Wege nicht nur zwischen die Frauen, sondern auch zwischen die ethnischen Gruppierungen. Da ist die wilde Schönheit des sächsischen Proletarierkindes Petra und der Zigeunerin Carmencita, die distinguierte Haltung und Intelligenz der sächsischen Bürgerstochter Isabella und schließlich die große Liebe, die ihn über alle ethnischen Schranken hinweg mit der rumänischen Bürgerstochter Rodica unglücklich verbindet. "Meine jungen Männer sind ja immer von sehr gescheiten Mädchen umgeben. Es ist nicht nur ein Kompliment an die Frauen an sich, es ist auch meine Erfahrung, dass die jungen Frauen eigentlich immer viel authentischer reagiert haben. Auf alle Fälle sind sie viel aufgeweckter als die Buben."
An den Frauenfiguren lässt sich auch jene ethnische Differenzierung ablesen, die den gesamten Roman auf beinahe klischeehafte Weise durchzieht. Am deutlichsten wird dies in einer skurrilen Szene im Banat, wo beim gemeinsamen Tanz unter der Linde Spiegel in den Sandalen eines jungen Mannes entdeckt werden, der "die verborgenen Gefilde unter den Kitteln der Mädchen auszukundschaften" sucht: Die Serbin zertritt den Spiegel, durchschneidet seine Hosenträger und macht gerade noch vor seinem "schäbigen schwäbischen Schnippi" Halt, die Deutsche sammelt die Scherben ein, und die Rumänin weissagt sieben Jahre Unglück.

Natürlich schreibt der Autor aus der ihm nahe liegenden Perspektive der Siebenbürger Sachsen, denn niemand könne der eigenen Herkunft entrinnen: "Es gibt für mich einen homo transsilvanicus. Ein Siebenbürger Sachse ist dadurch ein Siebenbürger Sachse, dass ihn die anderen nicht nur in seiner Identität bestätigen, sondern ihn in diese hineinzwingen." Verschiedene Identitäten führen zu verschiedenen Sichtweisen, und dass die kollektive Geschichte zu keiner einheitlichen Perspektive führt, zeigt sich am deutlichsten an historischen Wendepunkten: "Der 23. August 1944 hat für jede der zwanzig ethnischen Hauptminderheiten eine andere Konnotation gehabt: Für die Juden war es die Befreiung von Todesangst; die Rumänen mussten sich daran gewöhnen, dass sie mit den Russen gegen die Kriegsgefährten von gestern anzutreten haben; für die Ungarn war es der Anfang vom Ende. Alle hatten einen historischen Schnittpunkt völlig unterschiedlich rezipiert." Im neuen Roman führt die Ausrufung der Volksrepublik und die damit einhergehende Enteignung von 1948 zur Umkehrung der sozialen Verhältnisse und stellt die nunmehr Besitzlosen vor die Entscheidung, sich zu bewähren oder sich zu bewahren, denn beides scheint unvereinbar. Zwei Ideale werden dem entgegengehalten: die "gute alte Zeit", die von allen, auch von überzeugten Genossen, besungen wird, und eine "adelige Haltung", die sich durch innere Freiheit, Souveränität und Stil im Handeln auszeichnet.
Eginald Schlattner will mit seiner Literatur "das Verständnis für den anderen wecken". Dass es sich dabei nur um die Darstellung von Teilwahrheiten handeln kann, entspricht seinem religionsphilosophischen Begriff der "Wahrheit als gewusster Wirklichkeit": "Ich habe die Dinge nur dargestellt, der mündige Leser muss selbst damit fertig werden." Literatur gibt weder Antworten, noch leistet sie Entschuldigung, diese könne, so Schlattner nur "in der persönlichen Begegnung mit dem, der an mir und durch mich leidet, stattfinden".
Anders als seine Landsfrau Herta Müller, welche die Unterdrückung durch Diktatur direkt in Poesie umwandelt, löst Eginald Schlattner sie nicht weniger sprachmächtig in einem wilden Reigen bunter, sinnlicher Bilder und Szenen auf. Er setzt ganze Menschenscharen in Bewegung, die zu melodramatischen Szenen des Chaos antreten, um jeder Tragik ein Quäntchen Komik abzugewinnen. Nach einem furiosen Ende bleibt man allein auf weiter Flur, nur ein Klavier steht in mahnender Stille am Perron.

Alexandra Millner in FALTER 42/2005



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