Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze

Jürgen Habermas


Entgleisende Säkularisierung

Jürgen Habermas kritisiert in seinen neuen Aufsätzen die reduktionistische Naturwissenschaft und sucht sein Heil in einer von der Vernunft angeleiteten Religion.
Jürgen Habermas ist mittlerweile über 75. Man muss sich das vor Augen halten, um seine anhaltende Aktivität richtig zu würdigen. Statt sich verdientermaßen auf seinen Lorbeeren auszuruhen, produziert er ständig neue Bücher – neu auch in Bezug auf ihre Thematik und die Literatur, die er dabei verarbeitet. Die Fußnoten wimmeln von Publikationen aus den Jahren 2003 und 2004. Diese Lebendigkeit rührt nicht zuletzt daher, dass Habermas sein wesentlichstes Konzept, das der diskursiven Öffentlichkeit, selbst praktiziert. Wer ihn jemals live gesehen hat, hat eine Vorstellung davon.
In seinem neuesten Band mit Aufsätzen, "Zwischen Naturalismus und Religion", erleben wir Habermas in der Auseinandersetzung mit zwei gegenläufigen Tendenzen, die er als kennzeichnend für die Gegenwart sieht: dem wissenschaftsgläubigen Naturalismus und der Wiederbelebung der religiösen Kräfte. Erstaunlich ist, wie er sich selbst zu diesen beiden Tendenzen positioniert. Durchaus nachvollziehbar ist seine Kritik an einem Naturalismus, der "sein wissenschaftliches Konto überzieht" und – wie die neuere Hirnforschung – mentale Vorgänge reduktionistisch aus physiologischen Bedingungen erklären will.
Das ruft die Philosophie auf den Plan, und mit einem Seufzer, "man fühlt sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt", führt Habermas nochmals eine Debatte zur Willensfreiheit. Dabei stellt er die entscheidende Frage, ob der Determinismus eine naturwissenschaftlich begründete These oder Teil eines naturalistischen Weltbildes sei. Seine Antwort ist eindeutig, wenn er zeigt, wie solch ein Naturalismus die gesellschaftliche Dimension durchstreicht und Handlungen nur als verursacht, nicht aber als begründet bzw. als angebunden an ein "symbolisch gespeichertes kollektives Wissen" erachtet.
Politisch brisant wird diese akademische Debatte dort, wo solch eine Reduktion des Menschen auf ein monadisches Ich zum Argument in der Auseinandersetzung um Embryonenforschung, Behandlung von Komapatienten u.Ä. wird. Das ist der Punkt, an dem die zweite diagnostizierte Tendenz, das Wiedererwachen der religiösen Kräfte, ins Spiel kommt. Für Habermas bedrohen beide "gewissermaßen arbeitsteilig" den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wenn man nun meint, Habermas sähe die Gefährdung für das demokratische Gemeinwesen in der Rückkehr der Religionen, so irrt man gründlich. Völlig überraschend bezieht Habermas hier Position gegen das, was er eine "entgleisende Säkularisierung" nennt.

Nicht ganz so überraschend vielleicht, wenn man seine Friedenspreisrede von 2001 kennt. Oder wenn man an sein Treffen im Jahre 2004 mit dem damaligen Kardinal Ratzinger denkt, das nun ebenfalls in Buchform dokumentiert ist. Was Habermas mit entgleisende Säkularisierung bezeichnet, könnte man auch entgleisenden Liberalismus nennen. Und hier beginnt die Sache brisant zu werden. Offenbar erachtet Habermas die Sphäre, die Hobbes durch die weltanschauliche Neutralität des Staates eröffnet hat, als nicht ausreichend. Diese hat zwar eine Befriedung der Gesellschaft, aber keinen Konsens gebracht. Und da liest man das Entscheidende: Demokratie brauche mehr als rein formale Prozeduren, sie müsse über den Modus Vivendi hinaus die Bürger auch politisch integrieren. Und dazu bedarf es der politischen Tugenden, die sich aus "vorpolitischen Quellen" speisen wie etwa der Religion. Damit rekurriert Habermas auf E.W. Böckenförde, dessen Diktum, der freiheitliche Staat lebe von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann, seit einiger Zeit eine erstaunliche Karriere macht. Habermas versucht, den Schmitt-Schüler in einer "unverfänglichen" Version, als "Böckenförde light", ins Treffen zu führen. Für den Weg aus der von ihm diagnostizierten Krise in Gestalt der Marktdominaz, in allen Bereichen setzt er auf die Ressource Religion. Aber nicht im postmodernen Sinne, wo die Religion den Ausweg aus der Sackgasse der Vernunft weisen soll, sondern "undramatisch": Religionen seien nicht irrational, nicht das Andere der Vernunft, sondern gehören vielmehr zur Geschichte der Vernunft. Als solche hätten Religionen einen Beitrag zu leisten, den die radikale Säkularisierung nicht vernehmen wolle.
Die religiös verkapselten semantischen Potenziale böten "hinreichend differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten und Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge". Diese müssten nur in einer "rettenden Übersetzung" in die Sprache der Vernunft übergeführt werden. Wie eine Hebamme soll die Vernunft die Religionen von den ihnen selbst offenbar unzugänglichen Vernunftpotenzialen entbinden und sie zu Ressourcen für den politischen Konsens machen – also dem genauen Gegenteil, wofür sie bis zur Hobbes'schen Lösung standen.
Was Habermas hier mit mehr als 75 vorlegt, ist also nicht weniger als eine Neuformulierung des Liberalismus. Unser Zeitalter sei, so Habermas, nicht nur postmetaphysisch, sondern "postsäkular". Wir verstehen: Es ist die Fortführung der Religion mit anderen Mitteln – nämlich denen der Vernunft. Oder besser gesagt: Es sollte dies sein.Nachdenken übers Leben

Biophilosophie haben früher vor allem ältere Professoren der Biologie und angrenzender Wissensgebiete betrieben, die sich gegen Ende ihrer Karriere Gedanken über das Leben, das Universum und den ganzen Rest machten. Dabei sind zwar neben Belanglosigkeiten auch wichtige Texte entstanden – man denke etwa an Jacques Monods "Zufall und Notwendigkeit". Dennoch fehlte es dieser Disziplin häufig an systematischer Teamarbeit. Das ist heute anders, wie das von Ulrich Krohs und Georg Toepfer herausgegebene Buch "Philosophie der Biologie" zeigt.
Die darin versammelten Autoren haben eindeutig ihre Hausaufgaben gemacht, sprich: zumeist Biologie und Philosophie studiert, und nehmen daher die aktuellen Probleme ihrer Disziplin mit der entsprechenden begrifflichen Schärfe in Angriff. Also etwa die Klärung von klassisch biologischen Konzepten wie "Leben" und "Funktion" oder solchen, die eher aus der analytischen Philosophie importiert wurden, beispielsweise "Supervenienz" und "Emergenz". Die Texte sind zwar akademisch gehalten, dennoch als Einführung geeignet und bieten viel Information für wenig Geld.

Isolde Charim in FALTER 42/2005



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