Und ich schüttelte einen Liebling

Friederike Mayröcker


Geschüttelt und gedacht

Das Werk von Ernst Jandl (1925–2000) ist noch nicht abgeschlossen, wie drei Bücher von, mit und über ihn beweisen.

Vor fünf Jahren starb Ernst Jandl, heuer wäre er achtzig Jahre alt geworden – das zieht ein paar Bücher nach sich: Bernhard Fetz vom Österreichischen Literaturarchiv versammelt in einem Profile-Band Ergebnisse aus der Nachlassarbeit sowie neue Jandl-Essays; Jandls Verleger Klaus Siblewski schickt aus Deutschland, was er von Jandl weiß und hat ("Briefe aus dem Krieg"), und Friederike Mayröcker setzt mit "Und ich schüttelte einen Liebling" die Poetisierung ihres Bewusstseins mit einem betörenden Buch fort, das viele Erinnerungen an Jandl verarbeitet, ohne den Lebenspartner auszustellen.
Jandl war ein Rezeptionsphänomen: Schon vor seinem Tod wurde er von Publikum, Kritik, Staat, ja sogar von der Kollegenschaft geliebt, obwohl er sich zeitlebens im kulturellen Widerreden geübt hat. Den in unserer Kultur immer noch dominierenden bürgerlichen Humanismus beantwortete er, in Form und Inhalt, mit einem immer wütenderen Antihumanismus; der Poesie entzog er programmatisch Wohllaut und Sinnfürsorge; die Philanthropie von Humanismus und Kultur war weder historisch noch biografisch aufrechtzuerhalten, also schon gar nicht literarisch.
Jandl war Zeitzeuge der nachhaltigsten Falsifizierung des humanistischen Menschenbilds im Naziregime. Umso neugieriger durfte man auf seine Briefe als Soldat zwischen 1943 und 1946 sein. Sehr viel mehr weiß man jetzt allerdings auch nicht. Die erhaltenen Briefe – Ausbildungszeit 1943/44, die kurze Zeit an der Westfront 1945 und ein Jahr in amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1945/ 46 – halten mehr unter Verschluss, als sie verraten, sowohl was die Kriegserlebnisse, als auch was das Verhältnis zum einzigen Adressaten, der Familie, betrifft. Jandls Ziel war von Anfang an gewesen: überleben und Dichter werden. Daher setzte er alles daran, unauffällig zu bleiben, und nützte an der Front sofort die Gelegenheit zum Überlaufen. Die Briefe referieren mehr den Alltag als die große Katastrophe, über die wir in den Gedichten später viel mehr erfahren.
Die Familie muss sich im Großen und Ganzen mit Konventionalverhalten begnügen: möglichst vollständiger Anrede aller Familienmitglieder, Dank für Zusendungen, Alltagsbericht, Bitte um Zusendungen. Zehn Reichsmark vom Vater sind "eine Aufmerksamkeit, die mich äußerst überrascht und ebenso erfreut hat". Wir wissen, dass Jandl sich in seiner ganzen Lebensführung (im Kontrast zu seinem Werk) gern dem Schutz der Konventionen anvertraut hat. Aber das prekäre Verhältnis zur Familie zwischen früher Loyalität und offener Aggression in manchen späten Gedichten bleibt weiterhin ein relativ unerschlossenes Feld. Was Klaus Siblewski den Briefen wohlmeinend zuspricht, nämlich "ein frühes Dichtungsdokument von hohem Rang" zu sein, das sind sie nicht. Biografisch und psychologisch interessant sind sie allemal.
Literarisch aufschlussreicher ist ein Bekenntnisbuch ("Gertrude"), das Siblewski in Auszügen (warum nicht vollständig?) eingerückt hat. Jandl, 19-jährig, bekennt darin sein erstes Sexualerlebnis, das er 16-jährig mit einem Dienstmädchen gehabt hat. Das erschreckende moralische und literarische Pathos dieser Schrift ist eine unwillkürlich überzeugende Selbstwiderlegung jenes verschleppten Humanismus, den Jandl später mit Willen poetisch vernichtet.
Der aktuelle Band 12 des vom Österreichischen Literaturarchiv herausgegebenen Periodikums Profile ist Ernst Jandl gewidmet, dessen Nachlass vom Literaturarchiv verwaltet wird. Er enthält über dreißig Seiten unveröffentlichter Jandl-Texte – poetische wie poetologische –, die bestätigen, dass Jandls gesammelte Werke noch nicht geschlossen sind und so ungeduldige Hoffnung auf weitere Veröffentlichung stimulieren. Und er enthält eine Reihe von erhellenden Essays: Daniela Strigl kümmert sich mit großer Umsicht und nur wenig kleinerer Einsicht um Jandls Alterslyrik; Wendelin Schmidt-Dengler lehrreich um dessen Poetik; Klaus Kastberger um die Wechselbeziehungen zwischen Jandls und Mayröckers Werk. Herausragend sind die Beiträge der Autoren István Eörsi und Arne Rautenberg, insofern als sie Jandl-Texte in die eigene Lebens- und Schreibpraxis einbauen. Am vergnüglichsten liest sich Yoko Tawadas Text, der auf verschmitzt-fantasievolle Weise Jandls poetische Auflösung der Grammatik erklärt, indem er sie durchführt.

Eigentlich ist es völlig ungehörig, Mayröckers Buch "Und ich schüttelte einen Liebling" in die Jandl-Literatur einzureihen. (Und Voyeurismus greift sowieso daneben.) In der Reduktion auf ein einzelnes Thema müsste Mayröcker ihre Poesie grundsätzlich verleugnen, die sich die Totalität eines Bewusstseins erschreibt und nicht ausgewählte Fälle aus dem Sortiment der Wirklichkeit behandelt. "Nichts und alles geschah, mitten im Endlosen" – das ist ihr Thema; ihre Absicht: "über nichts und alles zu schreiben". Jandl hat Mayröcker dafür ja als absolute Dichterin empfunden, die athematische, also allthematische Poesie Mayröckers steht mit dieser "Absolutheit" in der Nähe von Samuel Becketts "Texten um nichts".
Natürlich ist Jandl reichlich anwesend, in Flashs aus dem gemeinsamen Alltag und in der Einsamkeit der Hinterbliebenen; und so oder so als das Objekt einer fürsorglichen, immer ein wenig hilflosen Liebe, die andererseits in der eingeschränkten Alltagstauglichkeit der poetischen Existenz dem Alltag auch nicht ausgeliefert war. Mayröckers "Ausschweifung des Gedächtnisses" erfasst aber genauso auch Ely, eine frühe Liebe, die Mutter, Edith, Gertrude Stein und Jacques Derrida sowie in Zitaten alle mögliche Lektüre, den Alltag, das Altern ... Es geht in Mayröckers Buch um Mayröcker in der Selbstidentifizierung durch das Schreiben, eine existenzumspannende Tätigkeit.
Die assoziative Organisation und leitmotivische Rhythmisierung des Textes führt zu einem zauberhaften Schweben über den Themen – "wie mit ausgebreiteten Armen". Die Welt, angeschaut statt beurteilt, bestätigt in der Verwandlung in Poesie: "und es war eine Gedanken Aufregung (...) und in meinem Schosz die Notizblättchen zwitscherten (...) und es florte um mich herum und ich schüttelte einen Liebling."

Helmut Gollner in FALTER 42/2005



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