Etwas fehlt immer

Guy Helminger


Immer die Radfahrer!

Guy Helminger überzeugt mit seinem wunderbar abartigen Erzähl-Debut "Etwas fehlt immer".

Als Guy Helminger 2004 in Klagenfurt auftrat, weckte er einige Erwartungen. Nicht nur, dass er die handwerkliche Ebene des Erzählens ziemlich perfekt beherrschte: die Figuren, das Timing, die Dialoge und alles, was dazugehört. Was noch stärker in Erinnerung blieb, war ein literarischer Kosmos, der ganz unmittelbar faszinierte, weil er aus einer scheinbar realistischen Beschreibung hervorgeht, die nur ein klein wenig von dem weggerückt ist, was man als Welt einigermaßen zu kennen – und zu beherrschen – glaubt. Ein winziger Spalt tut sich da auf zwischen der Literatur und der Wirklichkeit, und wer in diesen Spalt blickt, den überkommt der Schwindel.
Helminger verließ Klagenfurt mit dem 3sat-Preis, ein Jahr später bestätigt sein erster großer Erzählungsband, was man seinerzeit vor dem Fernseher nur ahnen konnte. "Es gab wenig, was Frank Perl so erfreute wie das Fahrradfahren." So naiv beginnt eine der ersten Erzählungen, die freilich bald davon handelt, dass Frank Perl seine eigentliche Erfüllung beim Radeln darin findet, in voller Fahrt Fußgängern auf den Hinterkopf zu schlagen. Das klingt zunächst wie eine schnell durchschaute Satire auf den ewigen Kampf zwischen Fußgänger und Radfahrer – eindeutig zu wenig für einen Klagenfurter Preis.
In dieser wie in seinen anderen Erzählungen entwickelt Helminger jedoch aus dem für sich genommen nicht einmal besonders witzigen Erzählkern eine Figur, der man am Ende nicht nur wegen ihres Prügelticks lieber nicht begegnen möchte. Klingt nicht schon der Name verdächtig? (Und über die Namen von Helmingers Figuren könnte man in der Tat lange und gründlich räsonieren.) Sein Mitgefühl, mit dem er eine verunglückte Autofahrerin dilettantisch zwar, aber immerhin aus ihrem Wrack rettet, verwandelt sich in penetrante Verfolgungswut, die sein Opfer weder im Krankenhaus in Ruhe lässt noch danach, als sie wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt ist. Wie die Geschichte für beide endet, bleibt offen. Gut ganz bestimmt nicht.
Es gibt Momente, da fühlt man sich bei der Lektüre dieser Erzählungen an Patricia Highsmith, an Suspense-Geschichten überhaupt erinnert. Der Vergleich trägt aber nur ein Stück weit, denn der Schrecken und das Unheimliche in Helmingers Welt lösen sich an keiner Stelle auf. Auf den Kommissar wartet man vergebens, und psychologische Argumente, die ja den Schrecken ein Stück weit bannen könnten, laufen ins Leere, denn Helmingers Figuren haben sich schon so weit von der Durchschnittspsyche entfernt, dass ihnen mit deren Maßstäben gerade nicht mehr beizukommen ist.

Gewöhnlich liest man bei einem Debütanten Erzählungsbände als Fingerübungen für den großen Roman, der dann ein oder zwei Jahre später zu erwarten ist. Helmingers Erzählungen, die durch kleine, blinde Motive miteinander korrespondieren, bilden in ihrer Summe bereits schon so etwas wie einen verrückten, surrealen Roman. Kohärenz nämlich, von der ja größere Prosa zumindest ein Minimum braucht, ist in Helmingers Welt nicht vorgesehen. Vielleicht entwickelt sich die Suggestion der Lektüre gerade aus dem Bedürfnis, eine Logik, einen Zusammenhang hinter diesen Geschichten zu suchen?
Um am Ende wieder auf festeren Grund zu kommen: Hier ist ein Autor zu entdecken, der quer zu allen Kategorien steht. Er animiert zu allen möglichen Vergleichen, die man, kaum sind sie formuliert, sofort wieder zurückziehen möchte. Diese Eigenwilligkeit aber hat nichts von einer Pose, ist vielmehr Produkt einer bisweilen beängstigend konsequenten Fantasie. Selten genug, dass sich ein Debüt auf deren Kraft verlassen kann.

Tobias Heyl in FALTER 42/2005



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