Erfindungen der Natur. Bionik – Was wir von Pflanzen und Tieren lernen können

Zdenek Cerman, Wilhelm Barthlott, Jürgen Nieder


Die Hightechkäfer

Bionik wird als die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts gehandelt. Zwei Neuerscheinungen widmen sich ihrem enormen Potenzial auf sehr unterschiedliche Weise.

Der Bombardierkäfer Brachynus crepitans kriecht durch das Gras und befeuert Feinde mit seiner C-Waffe Wasserstoffsuperoxid: heutiger Treibstoff von Weltraumraketen. Ein kohlrabenschwarzer Wüstenkäfer erklimmt im Morgengrauen eine Düne, streckt die Hinterbeine samt Körper in die Höhe und bietet so dem vom Meer heraufziehenden Nebel eine Auffangfläche: perlende Wassertropfen liefern den Morgentrunk. Aber das ist noch lange nicht alles: Es gäbe auch noch ultraleichte Flugzeugflügel aus dem Panzer des Schwarzen Zuckerkäfers, Superkleber aus dem Bioleim von Muscheln oder Seile für den Bau von Hängebrücken aus den Fäden der Goldseidenspinne.
"Eine Fülle von Vorbildern der Technik bietet die Natur auf dem Präsentierteller." Das ist die Botschaft von Kurt G. Blüchel, die sich wie ein roter Faden durch sein neues Buch "Bionik" zieht, nach dem "Großen Buch der Bionik" (2003, gemeinsam mit Werner Nachtigall) sein zweites über das anscheinend unerschöpfliche Thema. Biologie und Technik verbinden, so lautet die Zauberformel. Seit Millionen von Jahren hat die Natur im steten Rüstungswettlauf der Evolution ausgeklügelte Techniken für Problemlösungen geschaffen. Blüchel konstatiert, die Kunst der jungen Querschnittswissenschaft sei es, die Baupläne der Natur zu erkennen und daraus mit Kreativität und Fantasie technische Anwendungsmöglichkeiten zu entwickeln – aber nur keine bloßen Blaupausen!
Doch dem Wissenschaftsjournalist geht es um noch viel mehr als bloß Bionik: zum Beispiel um das Sackgassendenken der (Bio-)Wissenschaftler und Ingenieure, denen der streitbare Autor das Verständnis für die Moral abspricht. Oder es geht ihm um die Abschaffung von Tierexperimenten und die Anprangerung krummer Machenschaften der Pharmaindustrie. Die persönlichen Feldzüge von Blüchel haben mit Titel und Thema des Buches eher nur am Rande zu tun. Und die kaum enden wollende Abhandlung über das Sexualverhalten der Pflanzen lässt eher schmunzeln. Blüchel besticht allerdings durch Referenzreichtum von der Antike bis heute sowie mit vielen Beispielen der Technikwunder der Natur.
Der Sachbuchautor will sein Buch als "ein Plädoyer für eine demokratischere und pluralistischere Wissenschaft" verstanden wissen, das streckenweise allerdings recht langatmig ausfällt. Wiederholungen tragen das ihre dazu bei. Und allzu heftige Emotion in der Sprache und übertriebene Vehemenz beim Argumentieren schüren Zweifel. Ist es wirklich so leicht, die Techniken der Natur auf die Maßstäbe des Menschen zu übertragen? Steht wirklich nur die Ignoranz der Wissenschaft und Politik den schier grenzenlos erscheinenden Möglichkeiten der Bionik im Weg?

Das Biologentrio Zdenek Cerman, Wilhelm Barthlott und Jürgen Nieder bietet die sachlichere Lektüre für den Bionikneuling. Kurz und bündig liefern die Autoren neben einem kurzen Abriss der Entwicklung der Wissenschaftsdisziplin, den treibenden Kräften hinter ihr und der Qualifikation eines Bionikforschers auch eine wohl strukturierte Sammlung von Erfindungen der Pflanzen und Tiere, die bereits heute Anwendung finden oder es wahrscheinlich bald tun werden. Scheinen die Autoren aufs Äußerste bedacht, mit ein- bis zweiseitigen Unterkapiteln dem Leser nicht zu viel spezialisierten Lesestoff zuzumuten, so bietet das Taschenbuch auch zahlreiche Illustrationen, darunter Fotos, Grafiken und Zeichnungen.
Cerman und Co liefern das Kompendium, das dem technisch interessierten Leser grundlegende Erkenntnisse aus der bionischen Schatztruhe der Natur mit auf den Weg gibt – und sie tun das im Gegensatz zu Blüchel eher technisch fundiert. Aus der Forschungsperspektive vergessen die Autoren auch nicht, die Herausforderungen bei bionischen Kooperationen von Wissenschaft und Wirtschaft anzusprechen, vor allem die Sicherung von Patenten und Schutzrechten. Obwohl oder gerade weil die Bionik eine noch junge Forschungsdisziplin ist, glauben sie, dass das Scheitern des Fortschritts auf Kosten der Natur nur eine Frage der Zeit sei. Vielmehr ginge es darum, sich gemeinsam mit der Natur weiterzuentwickeln.
Eines ist sicher: Bionik liegt im Trend. Nicht nur, dass Blüchel für sein Buch im Rahmen des Corine Internationalen Buchpreises 2005 ausgezeichnet wurde. Auch die Expo 2005 in Japan verließ sich auf das Motto "Die Weisheit der Natur". Der Deutsche Pavillon huldigte ihm mit einem Schwerpunkt zur Bionik ("Lernen von der Natur") und gewann dafür die Goldmedaille der Expo Association im Rahmen des Nature's Wisdom Award. Die mediale Aufmerksamkeit ist also auch vorhanden – ein zusätzlicher Auftrieb für einen möglichen Aufstieg der Bionik zum neuen Grundlagenfach des 21. Jahrhunderts.

Lena Yadlapalli in FALTER 42/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×