Der Eckenknick. oder Wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen

Nicholson Baker


Knack dir eine Ecke ab!

Der Schriftsteller Nicholson Baker hat eine animierte Polemik gegen die im Namen des technischen Fortschritts betriebene Büchervernichtung durch US-amerikanische Bibliotheken verfasst.

Der Hauptinhalt dieses im US-amerikanischen Original bereits vor vier Jahren erschienenen Buches lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wertvolle Bestände an Druckwerken, vorwiegend aus den USA, wurden in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in öffentlichen Bibliotheken auf Mikrofilm aufgenommen oder später gescannt, dann aber zur Raumgewinnung vernichtet oder ausgegliedert, weil man meinte, dass das säurehaltige Papier zu Staub zerfalle, eine Annahme, für die es, wie der Autor durch zahlreiche Beispiele belegt, keine wissenschaftlich gesicherte Grundlage gibt.
Bewahren durch Zerstören, lautet die paradoxe Devise der betriebsamen Bibliothekare, und gegen diese zieht der Romancier Baker mit Verve zu Felde: Er attackiert sie, erzählt von seinen Recherchen seit 1998, geht gegen die fragwürdigen Gesellen mit scharfen satirischen Pointen vor und plädiert für neue Bibliotheksgebäude mit ordentlichen Regalen. Auch Verbündete sucht er.
Im Zentrum seines polemischen Interesses steht der "Eckenknick"("Double Fold"), ein pseudowissenschaftliches Verfahren, das durch Umbiegen des Papiers dessen Sprödigkeit beweisen soll, was das Todesurteil für unzählige gebundene Zeitungen und Bücher bedeutete und das letzte große Bücher-Autodafé ins Werk setzte, an denen das vergangene Jahrhundert so reich ist. Mikrofilm und Scan, so Baker, wären kein Ersatz für Originale, und: Eine Bibliothek habe Bücher aufzubewahren, unabhängig von der Nachfrage, da der Geist der Wissenschaft wehe, wo er will – welche Dokumente in der Zukunft von Interesse sein werden, könne man heute nicht absehen.
Ein respektabler Ansatz, dem allerdings das Marketing entgegensteht, das so erfolgreich auch in den Bibliotheken Einzug gehalten hat. Mit Nachdruck verlangt Baker, dass die öffentliche Hand die Verantwortung für die großen Bibliotheken zu tragen habe (Oh, hört es, ihr bekennenden Privatisierer!). Bakers Engagement wirkt durchgehend glaubhaft, schließlich hat er eine gemeinnützige Gesellschaft zur Rettung der abgestoßenen Bestände gegründet und obendrein dem Erwerb des von der British Library ausgegliederten und versteigerten Materials sein eigenes und das Vermögen seiner Familie geopfert. Die Buchzerstörer hingegen bekamen für ihre "Forschungsarbeiten" im Dienste der Raumgewinnung durch Zerstörung Unsummen von Geldern der öffentlichen Hand.

Der Eckenknick oder Wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen" ist ein wichtiges, ein sympathisches Buch. Der darin erkennbaren Tendenz schadet eigentlich nur der Autor selbst, indem er sie zu verstärken sucht. Bei seinem Schreiben lässt er sich weniger von einer klaren Konturierung der Ziele seiner Attacken leiten, sondern erzählt drauf los, überschüttet uns mit Personennamen und Informationen und schreckt vor Wiederholungen nicht zurück. So stellt sich nicht selten bei der Lektüre ein Unbehagen ein, das durch die außerordentlich ungelenke Übersetzung verstärkt wird, die offenkundig davon ausgeht, dass die englische Wortstellung mit ihren Eigenheiten beizubehalten sei. Mitunter meint man, einen englischen Text zu lesen, und ist erstaunt, dass die Worte fast durchgehend deutsch sind.
Dass Scans und Mikrofilme bei der praktischen Arbeit auch Vorteile haben, gibt Baker nur zaghaft zu. Wäre er da etwas weitherziger, würde seine Argumentation ein nicht unbedeutendes Quantum an Objektivität gewinnen. Ich jedenfalls wäre froh, wenn wir von den verlorenen Tragödien des Aischylos, Sophokles und Euripides Mikrofilme hätten; aber damals war man noch nicht so weit. Das wären statt der erhaltenen 33 Dramen etwas über 200. Ich kannte allerdings einen ernstzunehmenden Altphilologen, der meinte, der Bibliotheksbrand von Alexandria habe die Bedeutung der antiken Literatur begründet: So sei alles nur in spärlicher Auswahl auf uns gekommen und die Macht der Überlieferung habe uns nicht erdrückt.
Auch bin ich mir nicht sicher, wie sehr wir uns auf die von Baker des Öfteren zitierte Fiktion des zukünftigen Historikers verlassen sollten, der dieser Macht der tradierten Masse standhält und irgendwann einmal alle Jahrgänge der Times Picayune aus New Orleans durcharbeitet. Der Verlauf der Geschichte macht mich zum Skeptiker, und doch: Wir können heute nicht anders, wir müssen aufbewahren. Vor einer Reflexion, die auch die potenzielle Gefahr dieser Fülle des Überlieferten anvisiert, scheut Baker wohlweislich zurück.

Und doch, ich wiederhole: Es ist ein wichtiges Buch und ein gutes Buch, vor allem dann, wenn man es als Allegorie auf den Innovationsterror unserer Gegenwart liest. Die Praxis der Büchervernichtung hat das europäische Festland noch nicht erreicht, sehr wohl aber der sie verursachende unreflektierte Reformwahn, der die Bürokratie in Ministerien, Universitäten und in – dort allerdings noch am wenigsten – Bibliotheken fröhliche Urstände feiern lässt. Zur mickrigen Ideologie dieser Pseudoreformer legt der Mikrofilm zumindest eine Sprachspur.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 42/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×