1968. Biografie eines Jahres

Mark Kurlansky


Alles Revolte

Mark Kurlansky hat einen etwas anderen Blick auf die Ereignisse des Jahres 1968 geworfen.

Es hat nie ein Jahr wie 1968 gegeben, und es ist unwahrscheinlich, dass es je wieder so ein Jahr geben wird." Mit dieser Feststellung eröffnet der US-Amerikaner Mark Kurlansky sein Porträt eines weltweiten Sturmangriffs auf Autoritäten, Systeme und Regierungen. Genauer gesagt beginnt der Autor mit den ersten Minuten der Neujahrsnacht 1968, in denen Einheiten des Vietcong die von Papst Paul VI. ausgehandelte Waffenruhe brechen. Die Vorzeichen des neuen Jahres stehen auf Eskalation und Brutalität – ganz im Gegensatz zum Ausklang, dem Start der Mondmission Apollo 8 am 21. Dezember, der die Hoffnung symbolisiert, einer Spirale der Gewalt und der Kriege zu entfliehen, die in den gut 340 Tagen dazwischen Untergangsstimmung hatte aufkommen lassen.
Nach einer Reihe populärer Sachbücher über die Kulturgeschichte von Alltagsgütern wie Salz und Kabeljau hat sich Mark Kurlansky erstmals eines Themas angenommen, bei dem er aus der eigenen biografischen Erfahrung schöpfen kann. Für seine US-amerikanischen Landsleute dürfte seine chronologisch lückenlose Zusammenfassung der weltweiten Freiheitskämpfe von 1968 nur eines von vielen Büchern sein, die aufs Neue die schmerzhafte Erinnerung an zwei der prägendsten Ereignisse ihrer jüngsten Geschichte – den Vietnamkrieg und die Ermordung Martin Luther Kings – wachrufen. Auf den Büchertischen Mitteleuropas hingegen, die unter Dutzenden von 1968er-Rückschauen mit dem Fokus auf Berlin und Paris nur so ächzen, schließt der voluminöse Band eine Lücke.
Denn Kurlansky berichtet über "Das Jahr, das die Welt verändert hat" aus der Perspektive eines Bürgers jener Weltmacht, die mit ihrem blutigen Engagement in Vietnam der Wut der Tschechen, Mexikaner, Japaner etc. so viel Nahrung gegeben hatte, dass überall in den Zentren des Aufbegehrens die Angst vor Verhaftung und Repression überwunden wurde und sich kleine Demonstrationen zu Massen- und Volksbewegungen auswuchsen. Der Beitrag, mit dem sich der Westen Europas für die Freiheit des Individuums stark gemacht hatte, erweist sich aus Kurlanskys Blickwinkel als weitaus geringer, als es die mittlerweile unzählbaren Titel suggerieren, in denen sich Veteranen aus Europas Westen um eine historische Analyse und Anerkennung ihrer Leistung bemühen.
Berlin und Italien, die das verschlafene Österreich erst im Nachhinein infizieren sollten, erscheinen als Marginalien, sobald die weltweiten Revolten miteinander verglichen werden. Und selbst die Ereignisse von Paris, die Westeuropas Bewegungen speisten, erweisen sich lediglich als zweitrangig. Das mag auch daran liegen, dass die Verhältnisse dort 1968 weitaus freier waren als in den Schwarzenghettos der USA, in den ausgebeuteten Ländern Afrikas und der Tschechoslowakei, wo der Unmut gegen Moskaus Internationalismus explodierte.

Im Westen Europas dominiert nach wie vor der Eindruck, es wäre 1968 darum gegangen, eine Welt zu gestalten, in der mehr Platz ist für Marx, Engels, Lenin, Bakunin und Mao. Die Sicht eines Veteranen der ideologisch zerrissenen Bewegungen der USA, die der Vietnamkrieg nur scheinbar einen konnte, hilft, diese falsche Interpretation zu relativieren. 1968, so Kurlansky, war das Jahr, in dem Hunderttausende für das Gegenteil der in ihrer Heimat herrschenden Systeme auf die Straße gingen. Das Gros der Aktivisten revoltierte nicht, weil sich durch die Blockbildung des Kalten Kriegs im Westen der Traum vom Sozialismus erledigt hatte, sondern weil ihnen – den Schwarzen der USA wie den Tschechoslowaken – der Zugang zum Kapitalismus verwehrt blieb. Kurlanskys Buch mag im Detail nichts wirklich Neues berichten. Seine Leistung ist es, neue Zusammenhänge zu stiften, zu relativieren und dazu zu verleiten, über den Tellerrand des westeuropäischen Selbstverständnisses hinaus zu blicken.

Martin Droschke in FALTER 42/2005



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