Der Freund und der Fremde

Uwe Timm


Erinnerte Irrwege

Als Deutschland einmal rot wurde: Stephan Wackwitz und Uwe Timm arbeiten sich an der (eigenen) politischen Vergangenheit ab.

Revolten gewinnen mit den Jahrzehnten an Würde, aber erst in der Phase ihrer endgültigen Historisierung wird darüber entschieden, ob sie als bedeutende Wegmarken oder bloß als Episoden in die gesellschaftliche Erinnerung eingehen. Für die Studentenbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre ist es noch nicht so weit, sie befindet sich in einem Zwischenreich: noch gegenwärtig in vielen ihrer Protagonisten, aber schon geschichtlich in ihren Ansprüchen und Haltungen. War sie eine Komödie, war sie eine Tragödie? Und ereignet sie sich in der Literatur ein zweites Mal: als Farce?
Für Stephan Wackwitz, der seine Zeit im marxistischen Studentenbund Spartakus zum Ausgangspunkt seiner weitgespannten Reflexionen nimmt, muss man zweifelsohne mit "ja" antworten. Als müsse die Totalitarismustheorie erst erfunden werden, reflektiert der Autor über seine ideologischen Verstiegenheiten von einst und nimmt sich dabei über Gebühr wichtig. Der Text, der daraus entsteht, strebt kunstvolle Essayistik an und endet in überspannter Prosa. Wie Wackwitz mit seinen studentenbewegten Jahren abrechnet, kann nicht anders als altherrenhaft genannt werden, gipfelnd in dem ebenso kreuzbraven wie analytisch wertlosen Fazit: "Es ist damals nichts wirklich Schlimmes passiert. Helmut Schmidt und Gerhard Baum haben auf uns aufgepasst."
Dieser Report über Unordnung und frühes Leid wird in Beziehung gesetzt zur Geschichte des Elternhauses, die in dieser Form nur wegen eines, allerdings äußerst spannenden Aspekts mitteilenswert erscheint: die Wandlung Vater Wackwitz' vom Kindernazi zum Liberalen. In diesem Abschnitt bietet das Buch ungewöhnliche Innenansichten einer Metamorphose, die durch lange Kriegsgefangenschaft und das didaktische Geschick eines schwulen Lehrers ausgelöst wurden. Aber seinem Hang folgend, aus individueller Erfahrung allgemeine Formeln zu destillieren (wie damals, anno 68!), nutzt Wackwitz diese Passage gleich wieder, um das homosexuelle Milieu zum freundlichen Gegenpol eines verbiesterten Weltverbesserertums zu verklären. "Neue Menschen" ist gespickt mit Klassikerzitaten, Psychovokabular und Philosophemen, die der weltlichen Mystik eines Walter Benjamin nacheifern: ein Schelm, wer sich dabei in jene Tage zurückversetzt sieht, von denen sich Wackwitz so lautstark zu distanzieren vermeint.Uwe Timms "Der Freund und der Fremde" stellt geringere Ansprüche, verwirklicht jedoch ungleich mehr. Auf den ersten Blick erzählt Timm über seinen Jugendfreund Benno Ohnesorg, jenen Studenten der nach einer Anti-Schah-Demonstration 1967 erschossen wurde und so posthum zur Radikalisierung der Studentenbewegung beitrug. Die Reminiszenz an eine introvertierte, im Grunde unpolitische Märtyrerfigur wider Willen bliebe jedoch nicht mehr als eine zeitgeschichtliche Petitesse, verstünde es der Autor nicht, die mehr oder weniger private Erinnerung in eine Schilderung jener gesellschaftlichen Entwicklungen zu verwandeln, die die Bundesrepublik aus den Wirtschaftswunderjahren in den Ausnahmezustand katapultierten.
Den Kürschner Timm und den Schaufenstergestalter Ohnesorg führt der zweite Bildungsweg zusammen. Lesehunger, erste Schreibversuche und die existenzialistische Philosophie verbinden die beiden ansonsten recht verschiedenen Charaktere, den seine Bindungslosigkeit geradezu zelebrierenden Timm und den in sich gekehrten Ohnesorg. Das Studium trennt die Freunde, aber dennoch geraten sie unabhängig voneinander in den Sog der Studentenbewegung, eher mitgerissen als tatsächlich politisiert.
Skeptisch, aber nicht denunziatorisch schildert Timm seine damalige Revolutionseuphorie: Wenn es denn ein Irrweg war, dann ein aus der Vorgeschichte verständlicher, vielleicht sogar ein notwendiger. Dazu passt, dass der Autor, der sonst, wenn es um sein vergangenes Selbst geht, gerne zwischen erster und dritter Person changiert, gerade angesichts der Studentenrevolte in der Ichform verharrt, so als blieben ihm die Kapriolen von 1968 letztlich doch vertrauter als die Fünfzigerjahre.
Zu den berührendsten Passagen des Buches gehört der Besuch bei Ohnesorgs Sohn, der den in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangenen, für ihn selbst jedoch unbekannten Vater in einer Neurose aufzubewahren versucht: Nichts kann er wegwerfen, Relikte toter Familienangehöriger umgeben ihn, seine Wohnung ist ein Museum.
Uwe Timm weiß, wie man mit autobiografischem Schreiben umzugehen hat, nirgends setzt er sich unnötig in Szene, nirgends drängt er dem Leser seinen "Bildungsroman" auf. Ob man dieses Stück Literatur wie der Verlag nun "Eine Erzählung" nennen will oder ob nicht die Rubrik der literarischen Reportage genauso ehrenvoll gewesen wäre, bleibe dahingestellt. "Der Freund und der Fremde" ist jedenfalls ein zartes, melancholisches Buch, das auch vom Erlebnis des Schreibens handelt und es mehr als einmal versteht, in einem winzigen Absatz eine Welt zu öffnen: "Auch das begleitet mich jetzt in den letzten Tagen, nach sieben Monaten Schreiben, ein Druck auf der linken Brust, hin und wieder beim Durchatmen. Es sind nicht Schmerzen, kein Stechen, ein sanfter Druck, so ist das Herz spürbar geworden."

Stephan Steiner in FALTER 42/2005



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