Bob Dylans Like a Rolling Stone. Die Biographie eines Songs


Auf Reisen mit Bob Dylan

Greil Marcus schreibt ein Buch über einen einzigen Dylan-Song, Sam Shepard war 1975 auf Tour mit dabei, und das Scrapbook liefert die passenden Souvenirs.

Ob Bob Dylan nun will oder nicht, irgendwas gibt es bei ihm immer zu feiern. Jedenfalls veranstaltet der akademisch versierte Popprofessor Greil Marcus eine Geburtstagsparty anlässlich von vierzig Jahren "Like A Rolling Stone". Herzlichen Glückwunsch! Platz eins war der Song zwar nie in den Charts, dafür führt er seither unwiderruflich alle Pop-Bestenlisten an: Es muss also der wichtigste Song aller Zeiten sein.
Der Untertitel führt in die Irre. Es ist nicht "die Biographie eines Songs", die Gratulant Marcus verfasst hat. Vielmehr ist es das Porträt einer Generation, wenn nicht gar die Geschichte seines Heimatlandes USA, die uns der Autor hier anbietet – reflektiert in Songs, die allesamt Bob Dylan geschrieben hat. Das wenig erhellende Abspulen der handelsüblichen Sixties-Mythen gestaltet sich in den einleitenden Kapiteln als müßige Lektüre. Von einem radikalen Berkeley-Geist ist bei Marcus nichts mehr spürbar.

Das allmähliche Abgleiten ins Konservative signalisiert er nicht nur mit der Erwähnung des Kommerz-Countrybarden Garth Brooks und seines Hits "That Summer" als Beispiel für einen gelungenen Popsong der Neunziger. Dazu gehört auch die schamvoll gestandene eigene Vergangenheit: "Und plötzlich nehme ich Drogen und die Dinge verändern sich Bei irgendeinem Acid Test kommt so ein Irrer auf dich zu, mit Vollbart und Zylinderhut – und du starrst in seine leeren Augen und fragst ihn: Willst du einen Deal machen? Das habe ich erlebt. Öfter, als mir lieb war." Ist das die Entschuldigung für wackelige Erinnerungsbilder voller Verzerrungen?
Zum Buchtitelsong an sich schöpft Marcus dann in einem raffinierten dramaturgischen Twist das Reservoir an Bedeutungsebenen voll aus. Es geht um ein ihm hinlänglich bekanntes Thema: "Ich fand immer, das war auch irgendwie meine Story." Wir erfahren, welche Bücher er gelesen hat, welche Filme er gesehen hat und dass er sich anscheinend nicht für bildende Kunst interessierte. Der Song wird in alle Einzelteile zerlegt. Allein das einleitende Niedersausen des Trommelstocks beschwört mächtige Bilder: "Sobald der Stock auf das Trommelfell kracht, wird die Vergangenheit abgesprengt wie eine ausgebrannte Raketenstufe." In den folgenden Sekundenbruchteilen hört Marcus ein Haus einen Abhang runterrutschen, eine Tür, die aufgestoßen wird, oder einfach nur ein Vakuum.
Neun Seiten gibt die scheußliche "Like A Rolling Stone"-Version der italienischen HipHop-Combo Articolo 31 her, die Hendrix-Variante aus Monterey nur knapp vier. Als Epilog werden dann natürlich alle Takes der zweitägigen Aufnahmen nacherzählt. Bei einem Marcus-Buch darf ein voluminöser Anhang nicht fehlen. Er enttäuscht uns nicht und ackert sich durch einen endlosen Bootleg-Strom, inklusive "unschätzbarer" 14-CD-Boxen. Weiß er denn nicht, dass der Handel mit diesem Zeug strafbar ist? Insgesamt steht hier alles drinnen, was Sie schon immer über "Like A Rolling Stone" wissen wollten, auch wenn Sie nie danach gefragt haben.

Sam Shepard zäunt im Herbst 1975 gerade seine Pferderanch in Kalifornien ein, als das Telefon läutet. Es ist Bob Dylan, der einen Drehbuchautor für eine auf Achse entstehende Filmextravaganz benötigt. Sam fährt mit und liefert uns ein manchmal sanft poetisches, aber meist in saloppem Plauderton gehaltenes Zeitdokument über eine Tour: "Rolling Thunder – Unterwegs mit Bob Dylan". Im Gegensatz zur ersten Taschenbuchausgabe ist das Buch diesmal ansprechend aufgemacht, mit hartem Deckel und vielen frisch gesichteten Fotos.
Shepard gibt lässige Kommentare, macht lustige Beobachtungen und spickt sie mit Drehbuchnotizen zum arg improvisierten Zelluloidvehikel, das Jahre später als "Renaldo & Clara" wenig Furore machte. Er sinniert über artistische Ambitionen und spart auch eher dekadente Episoden der All-Star-Reisegruppe nicht aus. Wenn es ihm zu viel wird, tunkt er wahlweise seine nackten Füße in ein kaltes Bächlein oder genehmigt sich ein Getränk in einem gewöhnlichen Diner.
Die gesunde Distanz zum fortschreitend absurder werdenden Revuetreiben ist ein deutlicher Pluspunkt. Endlich ein Autor, der nicht davon besessen ist, Speichelreste auf weggeworfenen Servietten zu analysieren. Dylan ist eigentlich nur eine Figur in diesem Stück, in dem jeder Charakter seinen kleinen Auftritt hat und in dem Allen Ginsberg für die heitersten Momente sorgt. Freilich werden wir auch Zeuge, wie Bob Dylan im Duett mit Joan Baez "Blowin' In The Wind" singt, mit Muhammad Ali den Madison Square Garden zum Sieden bringt und folgerichtig Rubin "Hurricane" Carter aus dem Gefängnis befreit.

Das Bob Dylan Scrapbook" wiederum ist ein Fetisch und richtet sich an das Kind im Dylan-Aficionado. Es präsentiert in ebenso verspielter wie kostspieliger Weise Erinnerungsstücke aus der Zeit 1956 bis 1966. Jede Menge liebevoll gestaltete Reproduktionen: Konzertprogramme, handschriftliche Songtexte auf Hotelpapier, Werbeartikel, Fotos. Ein hübsches Paket für den Fan, das von einem unerheblichen Text durchzogen wird, der einmal mehr die gängigen Klischees abstottert.
Beigelegt ist eine CD mit Interviews. Fünf kurze Ausschnitte aus den frühen Jahren, die schon das exemplarische Problem der ungewollten Vereinnahmung dokumentieren. "Ich betrachte mich eigentlich nicht als Folksänger", gibt Dylan schon im Jänner 1962 zu Protokoll. Den gewichtigeren Teil bilden Auszüge aus einem langen Gespräch für "No Direction Home", der Dokumentation von Martin Scorsese. Ein Film, der dank eines großzügigen Zugriffs auf die Archive mit ein paar Mythen aufräumen kann.
Wer will heute noch behaupten, dass die Band 1965 bei ihrem ersten elektrischen Konzert chaotisch klang oder Platten wie "Highway 61 Revisited" spontane Zufallsprodukte waren? Der Text im Scrapbook tut es. Und Bob Dylans Mythologisierung schreitet dank der drei neuen Bücher munter voran.

David Mochida Krispel in FALTER 42/2005



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