Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit

Dieter E. Zimmer


Schreiben, aber richtig

Die alten Männer und die gute Sprache: Wolf Schneider und Dieter E. Zimmer wüssten, wie es ginge.

"Hast du schon mal deinen Arm in einer Kuh gehabt?" Fragte die Tierärztin ein Mädchen, das ihren Beruf erlernen wollte. Ist das nicht ein toller erster Satz? Damit könne man jede Reportage wirkungsvoll eröffnen, schreibt Wolf Schneider, langjähriger Leiter der Hamburger Journalistenschule, dessen Stilkunden ganze Generationen geprägt haben. "Deutsch!" zieht die Summe seiner Erfahrungen, was einen guten von einem schlechten Text unterscheidet.
Der mittlerweile Achtzigjährige liefert 44 handliche Rezepte, es richtig zu machen. Die meisten sind Schneider-Lesern bekannt: "Den Leser abholen", "Hauptsätze ausreizen, Schachtelsätze meiden", "Verben hofieren", "Adjektive streichen", "Jargon meiden", "Keine Klischees", "Mit einem Erdbeben anfangen – und dann langsam steigern" (siehe oben). Neu sind die Zitate aus führenden deutschsprachigen Presseveröffentlichungen der letzten Jahre – meistens zeigen sie, wie man es nicht macht.
"Gutes Deutsch lässt sich definieren", sagt Schneider kategorisch. "Es ist das anschauliche, saftige, elegante Deutsch, verständlich ohne Rückstand, lesbar ohne Mühe." Und er führt sehr anschaulich vor, wie das geht. Siehe den Satz mit dem Arm und der Kuh.

Wesentlich skeptischer in Bezug auf die Verbesserlichkeit der Sprache zeigt sich der 71-jährige Dieter E. Zimmer. Auch er zählt zu den Doyens der deutschen Sprachkritik und liefert mit seinem Buch so etwas wie die linguistische Metaebene zu Schneiders Handbuch: Zimmer zeigt nur selten, wie man es besser machen könnte, er analysiert kritisch den Zustand unserer Sprachverwendung heute.
Besonders niederschmetternd sind seine Beobachtungen im Internet, also bei eBay und in diversen Diskussionsforen: Hier regiert die "Private Spontane Alltagsschriftsprache" (PSA) – "miserable Orthographie, semantisch ungeschickte Wortwahl, verbaute Sätze, falsche logische Bezüge – schlecht gedacht, ungeschickt formuliert, falsch geschrieben". Die heutige Sprachbarriere verlaufe nicht mehr zwischen den Klassen, sondern zwischen den wenigen schriftlich Beschlagenen und dem Gros der Unbeholfenen. Man könnte böser formulieren: zwischen denen, die sich noch Mühe geben, und den vielen, denen das treffende Wort, grammatikalische Regeln oder gar die neue deutsche Rechtschreibung längst schnuppe sind. Sie sind schon zu faul, offensichtliche Tippfehler zu korrigieren.

Diese Wurschtigkeit erbittert Zimmer. Noch mehr erbittert ihn die Gleichgültigkeit vieler Linguisten gegenüber solchen Anzeichen eines Sprachverfalls. Für Sprachwissenschaftler gebe es keine "gute" oder "schlechte" Sprache, für sie sei alles gleich gut, wenn es nur der Kommunikation dient. Auf Sprachkritiker wie Schneider und Zimmer sähen sie mit Verachtung herab: Die seien unwissenschaftlich, undemokratisch, kulturpessimistisch, schulmeisterlich.
Stimmt, sagt Zimmer, denn Sprachkritik bewertet. Er versucht zwischen beiden Lagern zu vermitteln. Deshalb ist sein Buch über weite Strecken eine kluge, aber etwas weitschweifige Einführung in die Linguistik geworden. Der neuen deutschen Rechtschreibung widmet er fünfzig kluge Seiten inklusive einer Chronik der Ereignisse seit 1855 (!). Aber will man das wirklich noch wissen?
Beide Autoren im Pensionsalter blicken nicht indigniert herab auf die Jüngeren. Im Gegenteil: Sie loben den kreativen Umgang mit Sprache – abseits der PSA im Internet, in der Presse und auch in der Werbung. Anglizismen sind für sie nicht per se des Teufels, sondern bereichern in ihrer Prägnanz und Kürze oft das Deutsche. Es besteht also Hoffnung.

Thomas Askan Vierich in FALTER 42/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×