Das Schwert von Karthago

Gisbert Haefs


Eine Ode auf den Schmutz

Vom antiken Karthago bis zum alternden Sherlock Holmes: Das Genre des historischen Kriminalromans blüht – und hat diese Saison einige Highlights hervorgebracht.

Nach Beendigung des Ersten Punischen Krieges und des auf diesen folgenden Söldneraufstandes herrscht wieder Ruhe in Karthago. Da wird ein bedeutender Ratsherr ermordet, der in flagranti ertappte Täter jedoch, Bomilkar, dem ermittelnden Hauptmann der Stadtwache, von einem übereifrigen Richter entzogen. Der Mörder nimmt sich im Arrest das Leben, doch Bomilkar forscht weiter. Denn dem hochgestellten Mordopfer ist auch das Schwert von Karthago gestohlen worden, ein Artefakt, das die Herrschaft der nordafrikanischen Metropole über die Numider symbolisiert. Planen diese gar eine Erhebung gegen Karthago?
Gisbert Haefs erzählt in seinem zweiten Krimi aus dem alten Karthago ("Hamilkars Garten oder Das Gold von Karthago" erschien 1999) einen spannenden Fall von Geschäft, Politik und Verrat in dieser später von Cato der Zerstörung geweihten Stadt. Zwar gibt Haefs offen zu, über die konstitutionellen Verhältnisse nur Mutmaßungen anzustellen (und entscheidet sich im Zweifelsfalle für die unwahrscheinlichere Variante), aber die Umstände sind solide genug konstruiert, um die Lösung glaubhaft zu machen.

Knapp zweitausend Jahre später, mitten in den Napoleonischen Kriegen im Februar 1813, wird Pastor Johann Georg Tinius unter dem Verdacht verhaftet, Raubmord an einer Postratswitwe verübt zu haben. Ermittlungen und Prozess ziehen sich über Jahre hin, dazwischen verschieben sich durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses sogar einige Grenzen in Europa, der Pastor gesteht nichts, wird aber schließlich aufgrund von Zeugenaussagen und Indizien wegen Mordes zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Auch nach Verbüßung der Kerkerhaft beteuerte der bibliophile Kleriker, der für die Erweiterung seiner Sammlung gemordet haben soll, seine Unschuld.
Diesen historischen Kriminalfall rollt Detlef Opitz von Neuem auf, wofür er, eigenen Angaben zufolge, zehn Jahre lang recherchierte. Die Ergebnisse verarbeitete er in einem Werk, das die Bezeichnung Roman nur aus Hilflosigkeit trägt; denn "Der Büchermörder" ist weit mehr als die Rekonstruktion eines Verbrechens. Opitz arbeitet seine eigene Erzählung vom Suchen, die zahlreichen Unterfangen anderer Amateurforscher und zentrale Fragen über den richtigen Umgang mit Archiven in sein Buch ein. Ein Satz wie "Denn wir sind es gewohnt, vor dem Schlafen ein wenig Haschisch zu rauchen", der die Bemühungen um einen Joint in New York zusammenfasst, oder die Begründung eines Antrags auf Forschungsförderung in Spanien können den Leser für dieses skurrile, keinesfalls leicht, aber dafür mit Gewinn zu lesende Buch eines entweder genialen Sonderlings oder begnadeten Blenders restlos einnehmen.

Auch dieser Krieg war schrecklich. Als der Ingenieur William May, fast an der Ruhr verreckt, endlich nach London zurückkehrt, findet er wenig Trost bei Frau und Kind. Nur wenn er sich selbst mit dem Messer blutige Wunden zufügt, findet er für einige Zeit Frieden. Niemand darf von seinem Laster erfahren, niemand war 1857 so weit, diese psychische Störung zu verstehen. Da trifft es sich gut, dass das Parlament endlich, nach einem Katastrophensommer voller Pestilenz und Cholera, die gesamte Londoner Kanalisation erneuern lässt. In diesen unterirdischen Gängen, wo städtisches Proletariat nach Verwertbarem im Unrat und fetten Ratten als Köder für die illegalen Hundekämpfe stöbert, findet May Arbeit und die Ruhe für sein blutiges Verlangen, langsam sogar Entwöhnung davon. Knapp vor Weihnachten 1858 geschieht dann ein Mord, und May wird durch seinen Vorgesetzten schwer belastet, kann sich darüber hinaus nicht daran erinnern, was er zur Tatzeit gemacht hat.
"Der Vermesser" erzählt nicht einfach von einem Verbrechen im Unterbauch des alten London, vielmehr kündet dieses wunderbar poetische Buch von der anbrechenden Moderne, trägt eine Ode auf Schmutz, Verwesung und Unrat vor, besingt das, was man gewöhnlich als Abschaum der Gesellschaft bezeichnet. Clare Clark beschreibt in ihrem für den Orange Prize for Women Writers in Fiction nominierten Debütroman nach penibler Recherche auch eines der waghalsigsten Projekte des 19. Jahrhunderts, nämlich einer lebenden Stadt einen unterirdischen Doppelgänger, ein Schattenreich, anzumessen. In der sehr schönen Übersetzung des Kollektivs Druck-Reif dringt ein lautes Echo der sprachlichen Wucht dieses vielleicht besten Kriminalromans der Saison an den Leser.

Mitten im Zweiten Weltkrieg kommt dem stummen Flüchtlingskind Linus Steinmann sein geliebter Papagei, sein Sprachrohr zur Welt, abhanden. Ein alter Imker will ihm helfen, den Vogel wiederzufinden. Möglicherweise kennt der gefiederte Freund aber auch ein Geheimnis von größerer Tragweite, plappert er doch dauernd Zahlen daher. Die Spionageabwehr vermutet einen deutschen Code. Weil das Ganze im Süden Englands spielt und es nur einen großen Detektiv gibt, der sich nach seinem Rückzug ins Privatleben der Bienenzucht verschrieben hat, vermuten wir mit Recht den allerletzten Fall von Sherlock Holmes hinter dieser Geschichte.
Dass sich Holmes in den (Geheim-)Dienst ihrer Majestät begibt, kennt man aus den Verfilmungen mit Basil Rathbone. Pulitzer-Preisträger Michael Chabon aber zeigt uns einen fast neunzigjährigen, müden Detektiv, der seinen Ruhestand unterbricht, um "Das letzte Rätsel" zu lösen. Chabon tut dies mit so viel Hingabe und so großem Respekt vor der bekanntesten Figur der Kriminalliteratur, dass man dieses wunderbar melancholische Buch erst nach dem letzten Satz aus der Hand legen kann.

Martin Lhotzky in FALTER 42/2005



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