Big Bang. Der Ursprung des Kosmos und die Erfindung der modernen...

Simon Singh, Klaus Fritz


Wie alles anfing

Der britische Physiker und Bestsellerautor Simon Singh erzählt anhand der Entdeckung des "Big Bang" eine kurzweilige Geschichte der Astronomie.

Wissenschaftlich gesehen ist diese Big-Bang-Annahme die bei weitem ungenießbarere. Denn es handelt sich um einen irrationalen Prozess, der nicht in wissenschaftliche Begriffe gefasst werden kann. (...) Auch aus philosophischer Sicht kann ich keinen guten Grund erkennen, weshalb der Big-Bang-Gedanke vorzuziehen wäre." Immer wenn Fred Hoyle zu den Worten "Big Bang" kam, nahm seine Stimme einen etwas verächtlichen Tonfall an. Schließlich ging es ihm bei dieser 1950 ausgestrahlten BBC-Radiosendung darum, seine wissenschaftlichen Gegner mit dem von ihm gerade erfundenen Begriff lächerlich zu machen. Die Attacke des Kosmologen aus Cambridge ging allerdings nach hinten los. Und so kam es, dass ausgerechnet der größte Kritiker der Theorie des Big Bang sie unversehens selbst taufte.
Das ist nur eine der vielen "guten Geschichten", die der britische Physiker und Wissenschaftspublizist Simon Singh in seinem neuen Buch über die Vorgeschichte, die Entdeckung und die Bestätigung der Urknalltheorie erzählt. Doch sein neues 500-Seiten-Werk ist noch mehr: Singh, der mit seinen ersten beiden Büchern, "Fermats letzter Satz" und "Geheime Botschaften", zwei internationale Bestseller lieferte, will in "Big Bang" gleich auch noch die Erfindung der modernen Naturwissenschaft mitbeschreiben.
Entsprechend früh geht es los in seiner chronologisch angeordneten Tour de Force durch die Geschichte der Astronomie und der ihr verwandten Disziplinen. Auf den ersten hundert Seiten rekapituliert Singh gleich einmal den Übergang von der Mythologie zur Kosmologie, wie Eratosthenes bereits im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung mit einem einfachen Experiment den Erdumfang berechnete, ehe er über die anschaulich geschilderte Durchsetzung des heliozentrischen Weltbilds durch Kopernikus & Co am Beginn des 20. Jahrhunderts landet.
Vom Big Bang ist da weit und breit noch keine Spur: In der Kosmologie um 1900 herrschte unangefochten das Bild des ewigen und immergleichen Universums, das erst durch Albert Einstein erschüttert wurde – obwohl der selbst am allerwenigsten daran ändern wollte. Denn obwohl seine 1915 veröffentlichte Allgemeine Relativitätstheorie eigentlich darauf hinauslief, dass das Universum aufgrund der Gravitation kollabieren könnte, wollte Einstein das statische Universum "retten", indem er die "kosmologische Konstante" einführte und damit seinen wohl größten physikalischen Irrtum beging.
So war es dem belgischen Priester und Kosmologen Georges Lemaître vorbehalten, auf Basis der Allgemeinen Relativitätstheorie als erster Wissenschaftler überhaupt zu behaupten, dass es irgendwann einmal einen Moment der Schöpfung gegeben haben müsse. Einsteins Kommentar auf die von Lemaître 1927 präsentierten Berechnungen fiel zunächst vernichtend aus: Die seien zwar richtig, "aber Ihre Physik ist scheußlich!"
Wie Singh im Detail schildert, sah Einstein zwei Jahre später seinen Fehler reumütig ein, als der Astronom Edwin Powell Hubble zeigen konnte, dass sich unser Universum ausdehnt – und dass es auch einen Anfang gehabt haben muss. Damit war der Big Bang aber noch lange nicht bewiesen. Und da hat man dann noch die zweite Hälfte von Singhs Wälzer vor sich, in der dann die weiteren Bestätigungen des Big Bang – vor allem durch die Entdeckung der Hintergrundstrahlung – anschaulich und spannend rekonstruiert werden: insbesondere die Entdeckung der Hintergrundstrahlung durch die Astronomen Arno A. Penzias und Robert W. Wilson.
Der nie langweilige und weder über- noch unterfordernde Grundkurs in Astronomie endet dann im Jahr 1992, als nach aufwendigen und lange vergeblichen Experimenten die genaue Struktur der Hintergrundstrahlung bestimmt werden konnte und damit auch das Alter des Universums, nämlich rund 14 Milliarden Jahre. Die Entwicklung seitdem erspart sich Singh. Zum einen, weil es dazu schon jede Menge Bücher gibt, wie er im Interview erklärt. Zum anderen aber auch, weil das meiste davon noch Spekulation ist.

Stattdessen folgt eine eigenwillige Sammlung von Zitaten, die erklären, was Wissenschaft ist, ein Glossar und eine kommentierte Literaturliste. Denn auch "Big Bang" ist so wie Singhs frühere Bücher völlig fußnotenfrei gehalten, die der Autor selbst übrigens als Trilogie versteht. Ging es ihm in "Fermats letzter Satz" um eine etwas andere Einführung in die Mathematik und in "Geheime Botschaften" um die angewandte Forschung, so ist "Big Bang" nun seine Sicht der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung und ihrer Geschichte.
Dabei gelingt es ihm, einige vergessene Wissenschaftler und vor allem Wissenschaftlerinnen zu rehabilitieren, deren Leistungen in den einschlägigen Darstellungen oft übergangen werden. Um die wissenschaftshistorische oder wissenschaftssoziologische Literatur macht der studierte Physiker allerdings einen relativ weiten Bogen. Und erkenntnistheoretisch steht das Ganze etwas konservativ auf den Beinen von Poppers "Logik der Forschung", in der das Experiment und die Falsifikation, mitunter aber einfach auch der Zufall den Fortschritt der Wissenschaft bestimmen.
Erzähltechnisch freilich spielt einmal mehr der menschliche Faktor die entscheidende Rolle, der sich auch schon in seinen beiden früheren Büchern als Erfolgsmodell bewährt hatte: Forscher sind für Singh auch nur Menschen, die sich irren, aber eben auch geniale Einfälle haben können. Wie zum Beispiel Fred Hoyle, der die Theorie seiner Gegner dadurch diskreditieren wollte, indem er sie mit dem Begriff "Big Bang" bedachte.

Klaus Taschwer in FALTER 42/2005



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