Wind und Gras. Moderne koreanische Lyrik

Marion Eggert


Zaghafter Sonnenschein

(Süd-)Koreanische Autos sind bekannter als die Autoren der Region. Die Frankfurter Buchmesse versucht, daran etwas zu ändern. Ein Überblick über eine Literatur zwischen Vergangenheitsaufarbeitung und Wohlstandsskepsis.

Das koreanische Fernsehen berichtete ausführlich. Denn es kam einer kleinen Sensation gleich, dass Ende Juli 2005 erstmals ein Treffen von Schriftstellern aus beiden Teilen Koreas realisiert werden konnte. Der große Lyriker Ko Un und der bedeutende Romancier Hwang Sok-yong, die seit Jahrzehnten den Glauben an die Einheit des Volkes und ihre kulturellen Traditionen beschworen hatten, gehörten zu den Initiatoren auf südkoreanischer Seite. Sechzig Jahre nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft (1910–1945) und der Teilung Koreas am 38. Breitengrad begannen die Mauern der Ideologien langsam etwas durchlässiger zu werden.
Seit der ehemalige südkoreanische Präsident Kim Dae-Jung mit seiner "Sonnenscheinpolitik" und seinem Besuch im Norden im Jahre 2000 eine (auch mit viel Geld beförderte) langsame Annäherung eingeleitet hatte, gab es immer wieder Rückschläge. Doch letztlich sind vertrauensbildende Maßnahmen zukunftsträchtiger als das Ausrufen von "Achsen des Bösen". Jenseits bedrohlicher Nachrichten über den Norden weiß man hierzulande über Korea nicht viel. (Süd-)Koreanische Autos sind bekannter als koreanische Autoren. Zwar haben Ereignisse wie die Verleihung des Friedensnobelpreises an den ehemaligen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-Jung, die Austragung der Fußballweltmeisterschaften in Südkorea und nunmehr der Gastlandstatus von Korea auf der Frankfurter Buchmesse die Bedingungen für einen Dialog der Kulturen günstiger gestaltet; aber zugleich wird deutlich, dass Sympathie (für das von Bruderkrieg und Teilung gezeichnete Korea) ohne Wissen nicht weit führt.
Für viele junge Europäer ist der Koreakrieg tote Geschichte. Dabei bewegten die Ereignisse damals auch hier die Gemüter. Pablo Picasso schuf sein Gemälde "Massaker in Korea", und Peter Weiss suchte noch in den Sechzigerjahren in seinem Diskurs über die Vorgeschichte des Befreiungskrieges in Vietnam einen Vergleich mit dem Koreakonflikt. Hierbei sollte nicht vergessen werden, dass der dreijährige Koreakrieg (1950–1953) aus der Situation des "kalten Krieges" nach 1945 erwuchs und ähnlich wie später die Kubakrise oder der Beginn der deutschen Teilung am 13. August 1961 weltweite Auswirkungen hatte.
Der Süden des letzten noch geteilten Landes auf unserem Planeten ist heute eine führende Industrienation, die sich nach den wirtschaftlichen Erfolgen nunmehr auf kulturellem Gebiet (koreanische Filme und Musik werden zunehmend beachtet) der Weltöffentlichkeit präsentieren möchte. Auch mit seiner Literatur. Erfreulicherweise liegt inzwischen eine Reihe von Übertragungen koreanischer Bücher ins Deutsche vor, die gelebten Alltag in Gegenwart und Geschichte schildern. Vor allem die Verlage Pendragon, Peperkorn, Abera und secolo haben sich in den letzten Jahren um die Veröffentlichung moderner koreanischer Literatur verdient gemacht. 1996 erschienen ein Band zur zeitgenössischen Literatur und bildenden Kunst aus Korea in der Zeitschrift die horen und die Gedichtsammlung des bedeutenden Poeten Ko Un bei Suhrkamp (Neuauflage 2005). Für 2006 ist ein weiterer Band des Lyrikers im Wallstein Verlag geplant.
In Südkorea bezeichnet man heute die Autoren, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren geboren wurden und sich erst nach der Unabhängigkeit Koreas von Japan (1945) in ihrer Muttersprache Koreanisch (Hangul) ausbilden durften, als "Hangul-Generation". Während der Zeit der kolonialen Abhängigkeit war es den Koreanern nicht gestattet, auf Koreanisch zu schreiben oder gar zu publizieren. Verschiedenste Persönlichkeiten des modernen Korea (etwa der Dichter Kim Soo-Young und der Diktator Park Chong-Hee) wurden in Japan erzogen und ausgebildet. In den Schulen Koreas durfte nur Japanisch gelehrt werden, das auch offiziell Amtssprache in der Kolonie Korea war. Ziel dieser Politik war die kulturelle Auslöschung.
Blättert man in Werken der Schriftsteller Südkoreas, so wird man aus der Sicht verschiedener Autorengenerationen immer wieder mit der Darstellung der kolonialen Vergangenheit und der Thematik Koreakrieg und nationale Teilung konfrontiert – oft über das Schicksal getrennter Familien. In den letzten Jahrzehnten sind verstärkt literarische Wortmeldungen hinzugetreten, die sich mit den Jahren der Militärherrschaft und dem nationalen Trauma von Kwangju auseinander setzen, der Hauptstadt der Provinz Chollanam-do, wo im Mai 1980 der Widerstand gegen die damalige Militärregierung unter Chun Do-Hwan blutig niedergeschlagen wurde.
Ein Ereignis, das das Land und seine Kunst nachhaltig beeinflusst und einen schwierigen Befreiungsakt von Unterdrückung und Duckmäusertum eingeleitet hat. Die polierte Industriegesellschaft Südkoreas wird so in nicht wenigen Publikationen kritisch hinterfragt.

Während die älteren Autoren und Autorinnen wie Lee Hochol oder Pak Kyongni sich der historischen Aufarbeitung verpflichtet fühlen, setzen vor allem jüngere Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie Kim Yong-ha oder Jo Kyung-Ran auf eine kompromisslose Bestandsaufnahme der Lebensformen in der modernen Industriegesellschaft – im Großraum der Hauptstadt Seoul leben inzwischen 13 Millionen Menschen. Die rasante Industrialisierung in nur dreißig Jahren war mit der Zerstörung traditioneller Lebensformen verbunden.
Autoren, die in die aufstrebende Industriegesellschaft Südkoreas hineingeboren und durch die politischen Unruhen der Achtzigerjahre geformt wurden (auch "Generation 386" genannt), geben ihren Lesern einigen Zündstoff an die Hand. Ihnen wird in ihrer Heimat übrigens eine ähnliche Rolle wie in Europa der 68er-Generation zugeschrieben. Mit illusionslosem Blick orten sie die Defizite der Wohlstandsgesellschaft. Die oft psychologisierenden Momentaufnahmen bestechen besonders bei schreibenden Frauen wie Kang Sok Kyong durch den mit Radikalität und doch jenseits feministischer Klischees vorgetragenen Liebesanspruch. Erzählen wird so zu einem Vorgang des Öffentlichmachens von Vergessenem und Verdrängtem.
Die moderne südkoreanische Literatur ist ein Spiegel verschiedenster historischer Umbrüche, Krisen und Wandlungen, die tief in Mentalität und Alltagskultur hinabreichen. Dabei leiten die Arbeiten der jüngeren Autorinnen und Autoren einen formalen und thematischen Umbruch in der südkoreanischen Literatur ein. Sie sind nicht nur welthaltiger als ihre Vorgänger, sondern wenden sich auch einer konfliktreichen Innerlichkeit zu, erzählen von alltäglicher Entfremdung, Liebesunfähigkeit und Anpassung, legen Widersprüche und Ängste frei. Auch für sie gilt Franz Kafkas Diktum, demzufolge Dichtung immer nur "eine Expedition nach der Wahrheit" ist.

Sylvia Bräsel in FALTER 42/2005



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