Ritter - Einhorn - Troubadour. Helden und Wunder des Mittelalters

Jacques LeGoff, Annette Lallemand


Mythenbildung der anderen Art betreibt Jacques LeGoff, der in seinem neuen Werk "Ritter - Einhorn - Troubadour" weiter an seiner These vom langen Mittelalter bastelt. Mittlerweile ist der Mediävist im 18. Jahrhundert angelangt, und warum da aufhören? In seinem üppigen Bildband arbeitet er auch mit Bildern aus Filmen aus dem 20. Jahrhundert. Der Band dient als Einführung ins (französische) Mittelalter, und an der gelungenen Auswahl der Illustrationen werden auch Experten ihre helle Freude haben.Es war einmal Zwei neue Sachbücher über Märchen im Allgemeinen und Mittelerde im Speziellen.

Wir alle sind mit ihnen aufgewachsen, den Geschichten von Schneewittchen und den sieben Zwergen oder vom kleinen Muck. Der Innsbrucker Literaturwissenschaftler Stefan Neuhaus holt in dem schlicht nach seinem Untersuchungsgegenstand betitelten Band aus der Universitätstaschenbücherreihe gleich einleitend ordentlich aus. Er legt ein Plädoyer für den Terminus Märchen als Gesamtbegriff vor und erklärt die Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen als weitgehend hinfällig.
Obwohl sein Buch erst den Eindruck erweckt, diese Herangehensweise ausführlicher zu untermauern, schwenkt er dann doch um. Eine Ehrenrettung für die ältere Methode des "positivistischen Faktensammelns" ist auch dabei. Immerhin gebührt der vergleichenden Märchenforschung ein Verdienst bei der Abwehr nationalistischer und xenophober Tendenzen, wenn auch auf Kosten zu leichter Instrumentalisierung durch diverse Deutungsansätze.
Anstatt eine Auswahl an Märchenmotiven vorzustellen und zu untersuchen, wählt Neuhaus den Weg über von ihm für beispielhaft gehaltene Exemplare des Genres. Chronologisch von den "Erzählungen aus den Tausendundein Nächten" über Collodis "Pinocchio" bis zu Cornelia Funkes "Tintenherz" versucht Neuhaus lieber, in 38 Abschnitten einen Überblick einer vielseitigen Gattungsgeschichte zu geben. Seine Auswahlkriterien erläutert er zwar, die Detailbehandlung nimmt dann aber bisweilen doch wunder.
Aus den 1001 (in Wahrheit schon immer viel weniger) Märchen der orientalischen Sammlung untersucht er ausgerechnet das bekannte von Aladdin und der Wunderlampe, gibt aber selbst zu bedenken, dass dieses gar nicht von Anfang an dabei war. Wenigstens kann er die Veränderung der Mär noch am Disneyfilm von 1992 erklären. Auch Kästners "Der 35. Mai" oder Rowlings "Harry Potter (und der Stein der Weisen)" werden als zur Gattung gehörig erklärt, bei anderen Erzählungen lässt er den Leser die Entscheidung treffen: Horvaths "Sportmärchen" stellt Neuhaus zwar vor, aber in einen anderen Kontext hinein. Warum Hoffmanns "Prinzessin Brambilla" ein Meta-Märchen sein soll und gesondert behandelt wird, ist nicht unbedingt ersichtlich, dafür wittert Neuhaus jedoch allüberall Zahlensymbolik. Insgesamt eine nette, wenn auch wohl doch subjektive Zusammenstellung vieler Erzählungen.

Wenn C.S. Lewis' Chroniken von Narnia zu den Märchen gezählt werden, Tolkiens Geschichte des Einen Ringes aber nicht, dann soll sich eine andere Disziplin dieser Untersuchung annehmen. Für Teilaspekte springt hier gerne der Bonner Literaturprofessor für Mittelalter und Skandinavistik Rudolf Simek in die Bresche. In zehn Abschnitten klopft er Mittelerde des verstorbenen Oxforder Kollegen auf Entlehnungen aus den vor allem germanischen Mythologien (nach Simeks Forschungshypothese gibt es mehrere davon) ab. Er frägt nach Geografie, göttlichen, freundlichen und bedrohlichen Mächten, Fabeltieren oder Motiven im Herrn der Ringe, dem Hobbit und auch in von Tolkiens Sohn Christopher posthum veröffentlichten Simarillion, das der Vater wohl in dieser Form nicht gerne publiziert hätte, wie Christopher Tolkien später eingestand und dann flugs auch den letzten Schnipsel aus seines Vaters Papierkorb als Geschichte von Mittelerde in mindestens 16 Bänden aufbereitete. In seiner trotz der Kürze detailreichen Arbeit passieren Simek zwar einige kleine Schnitzer (Tolkiens Zwerge sind im Hobbit eben doch als Dichter fassbar; Beowulfs Drachengegner kann fliegen, zumindest war zu Lebzeiten des Oxfordprofessors aus den Beowulf-Handschriften nichts Gegenteiliges bekannt; das finnische Kalevala, auf welches sich Tolkien ausdrücklich bezieht, lässt Simek fast zur Gänze unbeackert; Runennamen stammen wahrscheinlich doch erst von Philologen des 17. Jahrhunderts). Im Gesamturteil aber überraschen einige Parallelen sogar den eingefleischten Mittelerdekenner. Für Freunde von Frodo verfasst, können doch auch andere Interessierte einiges aus "Mittelerde" lernen.Erzählmotive des Mittelalters
Schwerter, die sich nur von einem bestimmten Helden schwingen lassen, feuerspeiende Drachen, Ringe, die Flugkraft verleihen – das sind Erzählmotive, wie sie aus Märchen und anderen Volkserzählungen, aber auch aus der mittelalterlichen Literatur bekannt sind. Basierend auf dem von dem US-Amerikaner Stith Thompson in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts entwickelten System zur Katalogisierung und Kategorisierung von Erzählmotiven (eine Buchstaben-Ziffern-Kombination) erstellten die Wiener Mediävisten Karin Lichtblau, Christa Tuczay, Ulrike Hirhager und Rainer Sigl unter der Leitung von Helmut Birkhan den "Motif-Index of German Secular Narratives from the Beginning to 1400", dessen erste zwei Bände nun erschienen sind.
Hier finden sich die fast motivreichsten Texte der mittelhochdeutschen Literatur, die Matière de Bretagne – also der Erzählkreis um den König Artus –, in englischsprachigen Exzerpten vertreten. Weitere Bände – zu den Chansons de Geste (also den Geschichten um Karl den Großen), den Antikenromanen, den höfischen Romanen, den Mären und Novellen und der Alexanderdichtung – sind in Vorbereitung. Der letzte Band ist der interessanteste: das Register. Denn damit findet man dann querbeet alle Zauberhüte, Schätze, Spiegel, die die Zukunft zeigen, und wonach der Sagen- und Märchenforscher, die Ethnologin, die Germanistin und andere Interessierte auch suchen mögen.

Martin Lhotzky in FALTER 42/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×