Der unheimliche Papst. Alexander XI. Borgia 1431–1503

Volker Reinhardt


Vati im Vatikan

Päpstlicher Sex and Crime: Abenteuerliches über Alexander VI. und die Frauen im Bannkreis des Heiligen Stuhls.

Eigentlich hätte sich Giovanni Michiel sicher fühlen können. Der venezianische Kardinal hatte beim Konklave 1492 Rodriga Borgia mit zum Papst Alexander VI. gewählt, ermuntert durch üppige Geschenke. Im April 1503 aber war der oberste Kirchenherr wieder einmal in großen Geldnöten und konnte der Verlockung nicht widerstehen. Er hatte durchgesetzt, dass das Erbe eines Kardinals an den Heiligen Stuhl fiel, und so gab er den Giftanschlag in Auftrag. Kaum war Michiel erkaltet, räumten die päpstlichen Häscher schon seinen Palazzo leer.
Dass der Papst seine Feinde beseitigen ließ, daran hatte man sich in Rom schon fast gewöhnt. Aber ein Raubmord an einem früheren Bundesgenossen, um mit dessen Dukaten weitere Feldzüge zu finanzieren? Damit sicherte sich der Borgiapapst Alexander VI. (1431–1503) endgültig den Spitzenplatz unter den als ohnehin verrucht geltenden Renaissancepäpsten: Zum mehrfachen Mord und zu endemischer Korruption gesellten sich mindestens acht Kinder, gezeugt im geistlichen Stand.
Dass ihm angesichts seines üppigen Sündenregisters auch noch Inzest mit seiner Tochter Lucrezia angedichtet wurde, wundert kaum. Bei der Skrupellosigkeit wurde er nur noch von seinem eigenen Sohn Cesare Borgia übertroffen, der Modell stand für Machiavellis Vision des reinen Machtmenschen, wie er sie in seinem Fürstenhandbuch "Il Principe" entwarf.
In "Der unheimliche Papst" macht der Renaissancekenner Volker Reinhardt aber deutlich, dass Alexander VI. nicht völlig aus dem römischen Rahmen fiel. Der heißblütige Spanier war, so widersprüchlich das für uns heute klingen mag, durchaus ein frommer Mensch, der insbesondere die Gottesmutter Maria verehrte. Er verschob lediglich die Grenzen dessen, was für ein Kirchenoberhaupt seinerzeit üblich war, beharrlich und immer weiter. Bestechung im Konklave war um 1500 eher die Regel. Auch dass Geistliche Kinder hatten, war damals nichts Außergewöhnliches.
Die große Anzahl der Nachkommen, von denen manche offen als seine Kinder im Vatikan lebten, war aber schon damals ein Skandal. Im Sommer 1501 übertrug der umherreisende Alexander VI. seiner Tochter sogar die Führung über die weltlichen Amtsgeschäfte. Während "normale" Päpste ihre Neffen zu Kardinälen erhoben, setzte Alexander VI. seinem eigenen Sohn Cesare den roten Hut auf. Fruchtbarkeit zu demonstrieren war für den Papst mit dem Stier im Wappen jedenfalls wichtiger als die Wahrung einer Fassade der Enthaltsamkeit. Zumal der Kinderreichtum nicht nur fleischlicher Lust, sondern auch dynastischem Kalkül entsprang.
Es galt, die begrenzte Zeit auf dem Stuhl Petri – der Kirchenstaat war ja eine Wahlmonarchie – zu nutzen, um der Familie ein weltliches Fürstentum aus dem Flickenteppich italienischer Territorien zu schneidern. Dies gelang aber nur einer einzigen Papstfamilie, nämlich den Farnese, die sich 1545 das Fürstentum Parma und Piacenza schufen. Den Kardinalshut verdankte Alessandro Farnese, der spätere Paul III., seiner Schwester Giulia, der Geliebten von Alexander VI. – ein schöner Treppenwitz der Geschichte.
Alexander VI. hingegen hatte den Bogen überspannt, und nach seinem plötzlichen Tod im August 1503 löste sich die Macht der Borgia in nichts auf. Der Imageschaden für die Kirche hingegen war enorm, für viele war er ja der Antichrist schlechthin. Der wenig heilige Vater bot den bald auf den Plan tretenden Reformatoren jenseits der Alpen eine dankbare Angriffsfläche.

Während Reinhardts Fallstudie durch historische Tiefenschärfe überzeugt, breitet Alois Uhl in "Die Päpste und die Frauen" ein buntes Spektrum aus, das von der antiken Kaiserin bis zu Mutter Teresa reicht. In Kurzporträts stellt er die Mystikerinnen des Mittelalters vor, die den Papst an seine Aufgaben erinnerten und Orden gründeten, die Töchter und Mätressen der Renaissancepäpste sowie die machtbewussten Adelsdamen im Barock.
Für kurze Zeit führten Frauen gar das Regiment in Rom, die durchtriebene Olimpia Maidalchini etwa, als ihr Schwager Innozenz X. Ende 1654 sterbenskrank darniederlag. Uhl stilisiert sich bei seiner Tour de Femme zum Frauenversteher, fast zum Frauenrechtler. Streicht er die Verdienste einer Hildegard von Bingen oder das Selbstbewusstsein der Christina von Schweden heraus, die sich im römischen Exil nicht anpassen wollte, gerät das stellenweise zum patscherten Feminismus. Seine Einfühlsamkeit in Ehren – aber woher weiß er, dass sich zwei Geliebte des Papstes vor dem aufgebahrten Alexander VI. ohne Groll umarmt haben? Im Dunkeln bleiben muss auch, was dessen Kindern durch den Kopf ging, als die Menge bei festlichen Anlässen "Viva il papa" skandierte.

Oliver Hochadel in FALTER 42/2005



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