42

Thomas Lehr


Time Is on Their Side

Thomas Lehrs ebenso kluger wie spannender Roman "42" hält die Zeit an – wenn auch nicht für alle.

Der Schriftsteller Thomas Lehr macht es sich gerne schwer. Als wollte er unbedingt verhindern, dass man ihm Realismus unterstellte. Im Jahr 2001 legte er eine Novelle namens "Frühling" vor, das Gedankenprotokoll eines Mannes, dessen letzte 39 Lebenssekunden gerade ablaufen. In seinem neuen Roman "42" geht es ihm erneut um die Zeit. Nur hat er dieses Mal die Ausgangslage noch waghalsiger und rigider reguliert.
Das geht so: Siebzig Besucher des Teilchenforschungszentrums CERN in Genf haben mitangesehen, wie die Zeit plötzlich stehen blieb, Rauch in der Luft verharrte, die Bewegung von Menschen einfror, die Sonne seither wie festgezurrt an ihrer Position klebt. Allein ihre ganz persönliche Zeit läuft weiter: Jeder Einzelne von ihnen ist von einer Art Zeitblase umgeben, innerhalb derer die Uhren noch ticken. Um sie herum aber herrscht die absolute Gegenwart, fünf Jahre lang ist der 14. August, ist es zwölf Uhr, 47 Minuten und 42 Sekunden. Sie sind "gefangen im Käfig eines Wimpernschlags".
Die Gruppe, bestehend aus Journalisten – unter ihnen der Icherzähler Adrian Haffner –, Wissenschaftlern und einem Politiker inklusive Familie und Leibwächter, versucht am Anfang noch zusammenzubleiben, die Forscher arbeiten gemeinsam an einer Lösung des Problems, um die Zeit wieder in Gang zu bekommen. Schnell installieren sich eine Zeitung, eine Kneipe, eine Arztpraxis. Doch diese Gesellschaft hält nicht lange, man trennt sich, auch Adrian macht sich auf den Weg nach Hause. Nach München, zu Fuß. Denn den "Chronifizierten", wie Lehr sie (unter anderem) nennt, bleibt jeglicher technische Fortschritt vorenthalten: Alle Elektronik versagt in ihrer Gegenwart, und auch kein Auto können sie zum Laufen bringen. Nur verhungern müssen sie nicht, im Gegenteil: In den Luxusrestaurants des europäischen Kontinents ist jeder Hummer noch so heiß wie er zum Zeitpunkt des Stillstands war, nein: ist.
Die stillgestellten "Fotografierten" wiederum sind denen, deren Zeit noch läuft, hilflos ausgeliefert. Man tituliert sie nicht nur abfällig als "Fuzzis", sondern bedient sich zudem sexuell an ihnen, arrangiert aus ihnen groteske Bildwerke oder rächt die Taten der Vergangenheit: Diverse Kriegs- und andere Verbrecher finden ihren Tod, hingerichtet durch jemanden, der sich "Dornröschen" nennt.

Thriller? Science-Fiction? Endzeitroman? Alles in einem! Und noch viel mehr: "42" ist ein Roman, dem es trotz all der spannenden und wundersamen Handlung keinesfalls an Selbstreflexivität mangelt. Lehrs Sprache gleicht ihrem Gegenstand, sie ist in ihrem samtweichen Dahinfließen oft genug so unerhört, dass sie einen einmal hinreißt, ein andermal herrlich verstört zurücklässt ob ihrer forschen Gehversuche in der neuen Welt der Zeitlosigkeit.
Nachdem die 42. Sekunde fünf Jahre angedauert hat, erfolgt ein "Ruck", die Uhren springen wieder an, allerdings nur für drei Sekunden. Dann herrscht wieder Stille. Die Chronifizierten versammeln sich in der Folge in Genf, voll neuer Hoffnung, dass die Gegenwart sich endlich verflüchtige. Doch es kommt anders, ganz anders. Die eigentlichen Fuzzis nämlich, das sind wir. Waren wir. Und werden wir bei Lehr immer wieder gerne sein.

Karin Schuster in FALTER 42/2005



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