Die Analphabetin

Agota Kristof, Andrea Springler


Aneignung der Feindsprache

Mit "Die Analphabetin" liefert Agota Kristof das kleine Buch zum "Großen Heft" und die Genese einer Schriftstellerkarriere.

Ich lese. Das ist wie eine Krankheit." So beginnt die 1935 in Ungarn geborene Autorin Agota Kristof ihre autobiografischen Skizzen, die doch den Titel "Die Analphabetin" tragen. In diesem ersten Bild ist sie vier Jahre alt und kann, zum Stolz des Großvaters, fehlerfrei aus der Zeitung vorlesen. Der Vater ist Dorfschullehrer und erlaubt ihr, im Klassenraum zu sitzen und zu lesen. Sie liest alles, was ihr in die Hände fällt: Schulbücher, Flugblätter, Kochrezepte, Plakate, Kinderbücher.
Zur Analphabetin wurde Agota Kristof erst viel später, nachdem sie nach der gescheiterten ungarischen Revolution im Herbst 1956 die Flucht in den Westen gewagt hat. Sie strandete in der französischsprachigen Schweiz und musste eine neue Sprache erlernen, die sie "Feindsprache" nennt, weil ihr dadurch die Muttersprache allmählich abhanden kommt. Auf Französisch begann Agota Kristof mit dem Wörterbuch in Griffweite zu schreiben. Das prägt ihren sparsamen, präzisen Stil aus kurzen Hauptsätzen, die sachliche Härte ihres Tones und die vorsichtige Melancholie ihrer Erinnerungen.
Kristofs "Die Analphabetin" besteht aus elf kurzen Kapiteln, autobiografischen Skizzen, die den grenzüberschreitenden Weg vom lesenden Kind zur Autorin von Weltrang wie im Zeitraffer zusammenfassen. Die Motive, die ihren Lebensweg prägen, sind aus ihren Romanen bekannt, besonders aus dem Buch, das 1986 ihren Ruhm begründete: "Das große Heft": die Kindheit in einem kleinen ungarischen Dorf und später an der ungarisch-österreichischen Grenze, das Internat und die Trennung von der Familie, der Tod Stalins, die Flucht mit ihrer vier Monate alten Tochter, der Heimatverlust und die Arbeit in einer Schweizer Uhrenfabrik, deren Monotonie ihr erlaubte, nebenbei Gedichte zu entwerfen.
Schreiben, so der Tenor dieser Erinnerungen, beginnt mit der Erfahrung der Isolation. In sparsamen Andeutungen macht Kristof die bleierne Atmosphäre im Ungarn der Fünfzigerjahre deutlich. Nur nebenbei erfährt man, dass der Vater schon vor Jahren verhaftet wurde. Die Mutter schlägt sich mühsam als Hilfsarbeiterin durch und packt in einem Keller Rattengift ab. Doch die Verbindung zu ihr ist unterbrochen. Die Tochter selbst leidet im Internat unter der Trennung vom geliebten Bruder und der ideologischen Indoktrination. Die Flucht außer Landes wird dennoch nicht politisch begründet – das Politische spielt nur eine Rolle, indem es sich atmosphärisch niederschlägt. Die Flucht erscheint wie ein märchenhafter Traum, und erst im Exil wird Agota Kristof zur Schriftstellerin. "Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte?", fragt sie und ahnt die Antwort: "Härter, ärmlicher, denke ich, aber auch weniger einsam, vielleicht glücklich."

Agota Kristof liefert mit diesem Buch biografischen Klartext zu ihren Romanen, die ja auch schon sehr stark autobiografisch gelesen wurden. Ihren Lebensstoff behandelt sie mit derselben Lakonie, die auch ihre Romane auszeichneten, und mit der Fähigkeit, sich aufs Wesentliche zu beschränken. Kein Wort ist zu viel in dieser Prosa. Nichts wird bedeutungshuberisch aufgebauscht, keinerlei Sentimentalität zugelassen. Das Geheimnis ihrer Ästhetik hat Agota Kristof schon in "Das große Heft" verraten. Damals schrieb sie: "Die Wörter, die die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, das heißt an die getreue Beschreibung der Tatsachen." Daran hat sie sich auch in "Die Analphabetin" gehalten. Deshalb ist aus ihren Erinnerungen ein schmales, dafür aber hochkonzentriertes Buch geworden.

Jörg Magenau in FALTER 42/2005



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