Männlichkeiten. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts

Ernst Hanisch


Heimat großer Söhne

Männerforschung Ernst Hanisch untersucht österreichische Männlichkeitstypen im 20. Jahrhundert und findet Kämpfer und Liebhaber.

Das Wort, das es gebraucht hätte, um das Thema des rezensierten Buches gegenüber einer unvoreingenommenen Leserschaft einzugrenzen, kommt weder im Titel noch im Klappentext vor: Österreich. Denn der Name des Autors, Ernst Hanisch, signalisiert diesen Hinweis nur jenen Lesern, die mit seinem Werk bereits vertraut sind: Der Salzburger Historiker hat bereits mit "Der lange Schatten des Staates" eine "Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert" geschrieben. Darauf nimmt der Titel seines neuen Buches Bezug: "Männlichkeiten. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts".
Empfehlenswert ist es jedenfalls auch für jene, die sein mittlerweile vor mehr als zehn Jahren erschienenes Standardwerk zur Geschichte Österreichs nicht kennen. Wenn aber der Autor schon kokett Anschluss an ein früheres Werk sucht, soll ein direkter Vergleich nicht fehlen. Dazu bietet sich wegen der drastischen Unterschiedlichkeit in Inhalt und Länge die Einleitung der beiden Werke an.
Während Hanisch im "Schatten des Staates" eine lange methodische Diskussion über den Wert der von ihm praktizierten und sogenannten "Strukturgeschichte" bemüht, fallen derartige Präliminarien diesmal weg. Dagegen liest sich der Beginn von "Männlichkeiten" sehr rasch und flüssig, aber auch ein wenig skizzenhaft. In der kurzen Diskussion des Männlichkeitsbegriffs greift Hanisch auf klassische Texte von Robert Connell, Michael Meuser und Pierre Bourdieu zurück. Und kommt dann schnell zum Punkt: "Das Drama der Männlichkeit wird am österreichischen Beispiel analysiert."
Ein wenig mehr hätte es diesmal allerdings schon auch sein können. So ist vor allem die in der Geschlechterforschung zentrale, aber zugleich umstrittene Rolle der psychoanalytischen Theorie nicht in den theoretischen Korpus von Hanischs Buch eingebunden. Was zur Konsequenz hat, dass Motive der Psychoanalyse zwar verschiedentlich auftauchen, aber nicht weiter bestimmt sind. Deshalb bleibt der Leser mitunter auch ein wenig ratlos zurück: Handelt es sich, wenn Julius Raab als "Vater des Staatsvertrags" bezeichnet wird, um eine ironische Benennung oder um eine geschlechterstereotype Metapher? Aus dem Text geht das nicht hervor.
Ebenso bleibt bei der Auswertung des von Hanisch verwendeten Quellenmaterials die Frage offen, ob die darin aufgefundenen Geschlechtercharakterisierungen unmittelbar als "authentisch" gelten können oder ob sie nicht auch noch kritisch analysiert gehörten. Zweifellos ist das ein grundsätzliches methodisches Problem, das im vorliegenden Band aber zu wenig reflektiert wird. Dessen Stärke liegt vielmehr in der Vielfalt der erschlossenen Quellen, die zugleich Hinweis auf Möglichkeiten weiterführender Forschung ist, und der kompakten Weise, in der sich diese "andere Geschichte" Österreichs präsentiert.

Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen die Wandlungen und Ausdifferenzierungen zweier Männlichkeitstypen, die in ihrem historisch-gesellschaftlichen Kontext situiert werden. Da ist zum einen "der Krieger". In der Zwischenkriegszeit ist das der christlich-deutschnationale bzw. der sozialdemokratisch-heimatverbundene Mann: Bei allen ideologischen Differenzen war beiden Typen "die Hochschätzung des männlichen Kämpfers" gleich wichtig. Hanisch macht damit auch die eminente gesellschaftspolitische Dimension von "Männlichkeiten" deutlich.
Der "Liebhaber" deckt demgegenüber eher die kulturelle Seite ab – und den Gegensatz zwischen Stadt und Land wieder einmal auf. Die "neue Sachlichkeit der Liebe" nach 1945 war der Versuch einer Versöhnung dieses Gegensatzes, zunächst eindeutig zugunsten der Provinz.
Die "Doppelstrategie" der Reetablierung männlicher Hegemonie nach dem Krieg bestand für Hanisch "aus einer technologisch-ökonomischen Modernisierung, kombiniert mit einer kulturellen Antimoderne", die der Historiker auch als "Amerikanisierung" bezeichnet. Richtig "sachlich" wurden für ihn die Lebens- und Körperkultur aber erst mit der sexuellen Revolution, deren Protagonisten doch die größten Widersacher des Provinzialismus und der Massenkultur sein wollten.
Hanischs Verdienst in "Männlichkeiten" ist der Perspektivenwechsel – ein Wechsel, der in Bezug auf Österreich zuvor noch nicht vorgenommen wurde. Das fördert wichtige Kategorien gesellschaftlicher Analyse zutage und zeigt, welch wesentlicher Aspekt der Gesellschaftsgeschichte und -theorie die Geschlechterforschung sein kann.

Thomas König in FALTER 42/2005



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