Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden

Harald Welzer


Der Täter in uns

Harald Welzer analysiert, wie leicht Menschen zu Massenmördern werden können.

Gewiss, der Holocaust war in seinen unbegreiflichen Dimensionen einzigartig. Diese Einmaligkeit sollte aber nicht zum falschen Schluss verleiten, dass eine derart perfekte Tötungsmaschinerie nur von außergewöhnlich sadistischen Leuten betrieben werden konnte. Der Sozialpsychologe Harald Welzer, Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen, verweist in seinem neuesten Buch über den Tötungsalltag im Dritten Reich darauf, dass den Hauptangeklagten der Nürnberger Prozesse eine völlig normale Persönlichkeitsstruktur und sogar eine hohe emotionale Intelligenz bescheinigt wurde. Das Einzige, was sie vom statistischen Mittelmaß unterschied, war ihre Kreativität – eine eigentlich sehr positive Eigenschaft.
Offenbar konnte in der NS-Zeit jeder zum Täter werden. Zumal in der von Welzer rekapitulierten Anfangsphase des Holocaust, in der Gaskammern noch nicht existiert hatten und Hunderttausende osteuropäische Juden gleichsam einzeln exekutiert wurden. Die Mitglieder der Polizeibataillone standen ihren Opfern jedenfalls noch persönlich gegenüber. Die vom kollektiven Gedächtnis nur als Randerscheinung gespeicherten Massaker um das Jahr 1941 sind für Welzers Anliegen besser geeignet als die Maschinerie der späteren Jahre. Seiner im Untertitel aufgeworfenen Frage, wie aus diesen "ganz normalen Menschen Massenmörder werden" konnten, setzt er die Rekonstruktion einer schrittweisen Wandlung gruppenverbindlicher Normen gegenüber. Nur wer sich dem dynamischen Wertewandel anzupassen bereit war, konnte das menschliche Grundbedürfnis befriedigen, Teil einer sozialen Gemeinschaft zu sein.
Die kollektive Veränderung der Persönlichkeit hatte bereits mit der Machtergreifung Hitlers begonnen. Die neue Identität einer starken Gemeinschaft basierte auf der Konstruktion einer Bedrohung. Der Propaganda war es gelungen, das Programm "Sicherung einer besseren Zukunft" an das Programm "Antisemitismus" zu koppeln. 1933 wurde für jeden, der sich nicht als "sozialer Parasit" fühlen wollte, Judendiskriminierung zur moralisch verbindlichen Pflicht. Mit dem Überfall auf Polen und der Eroberung großer Teile Osteuropas hatte man sich auch die dort lebenden Juden einverleibt, die nun für die Nazis das Kriegsziel, die Kolonisierung und damit das Glück der folgenden Generationen ernsthaft gefährdeten. Innerhalb weniger Monate verschob sich der Rahmen des Normalen so weit, dass man sich einig war, es den eigenen Kindern schuldig zu sein, jüdische Kinder hinzurichten.

Dieselbe sozialpsychologische Mechanik, die Welzer mit der Akribie eines Wissenschaftlers belegt und analysiert, ist auch auf andere Bereiche und Zeiten übertragbar, in denen Widerstand gegen verordnetes Massentöten unterblieb. Sie prägt, und das ist das wirklich Erschreckende an diesem schwer verdaulichen, dringend empfehlenswerten Buch, weltweit den Ablauf von Konflikten, Kriegen und Völkermorden. Exemplarisch werden Vietnam, Ruanda und Jugoslawien unter die Lupe genommen.
Welzers Resümee fällt entsprechend düster aus: "Am Ende bedarf es nicht viel, um aus ganz normalen Menschen Massenmörder zu machen. Ganz offensichtlich haben die zwei-, dreihundert Jahre der aufklärerischen Erziehung des (westlichen) Menschengeschlechts ziemlich wenig an jener psychischen Eigenschaft hervorgebracht, die an die Stelle der fraglosen Einfügung in Gruppen treten sollte: Autonomie. Diese nun scheint in der Tat als Einziges der Verlockung entgegenzustehen, verantwortungslos Teil eines mörderischen Prozesses zu werden." "Alles ist möglich", hat Welzer seine abschließendes Zusammenfassung überschrieben. Die Warnung gilt.

Martin Droschke in FALTER 42/2005



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