Wrong about Japan. Eine Japanreise

Peter Carey, Eva Kemper


Starbucks auf Japanisch

Peter Carey wundert sich über Japan, Kenzaburo Oe muss das nicht – er stammt von dort und begibt sich nach Berlin.

Vorweg: Der Titel des aktuellen Buches des australischen Autors Peter Carey ist zumindest ehrlich; er war es, bevor dieser nach Japan kam, und bleibt es, nachdem er das Land wieder verlassen hat: "Wrong about Japan". Careys zwölfjähriger Sohn Charley ist ein großer Fan japanischer Comics, sogenannter Mangas; als der Vater eines Tages vorschlägt, ihn nach Japan zu begleiten, willigt der Sohn unter der Bedingung ein, dass nicht das "echte Japan" besucht werden dürfe – also Tempel, Museen und dergleichen.
Die meisten Bücher oder Reiseberichte über Japan beschreiben ungläubig, fasziniert und hilflos genau das Gegenteil von dem, was zum Beispiel Japaner bei uns aufsuchen. Uns fasziniert ihr Alltag, sie interessieren sich für Dürer-Hasen und Sachertorten, nicht aber fürs Spira-Land. Das liegt daran, dass Japan das einzige Land der Welt ist, das ein wenig über der Erdoberfläche zu schweben scheint; dass dort zwar vieles gleich, aber das Gleiche komplett anders ist.
Der zwölfjährige Charley hat das natürlich längst verstanden. Auf jeden Fall kann er nur müde lächeln, als sein Vater sich weigert, in Tokio ausgerechnet in einer Filiale der amerikanischen Coffeeshopkette Starbucks zu frühstücken. "Das hier", fasst Charley mit einem einzigen Satz das System der feinen Unterschiede im 21. Jahrhundert zusammen, "ist das japanische Starbucks". Aber solche Stellen sind in dem eher uninspirierten Buch, das nicht eben arm ist an unfreiwillig komischen und falschen Passagen wie "ich fühlte mich der Sache nicht gewachsen, so wie ein Tourist, der plötzlich einem Picasso gegenübersteht" oder "die Tokyoter U-Bahn ist groß und kompliziert", selten.
Einmal gehen die beiden doch ins "echte Japan", nämlich ins zähe Kabukitheater. Der Autor hatte gehofft, dass der Sohn Interesse für eine Kunstform entwickeln könne, "die einmal für ebenso verrufen und abartig gehalten wurde wie Manga". Das ist natürlich Unsinn. Mangas werden und wurden schon immer mit großem Appetit in Japan konsumiert. Zu keiner Zeit gab es eine Phase der Ächtung. Zwei Drittel aller Druckerzeugnisse sind Mangas und erreichen telefonbuchdicke Millionenauflagen, wöchentlich! Was Carey "begreift" an japanischem Alltag ist so rudimentär, oberflächlich und kontextfern, wie es für jeden staunenden Gast bleiben muss, der auf das Staunen immer noch eine neue Schicht Verblüffung legt, anstatt den Wurzeln auf den Grund zu gehen.
Der Autor fragt beispielsweise einen Bekannten, warum "Milch" im Japanischen "miruku" heißt, also ans englische milk angelehnt ist und ob sie kein eigenes Wort hätten? "Oh doch, natürlich", antwortet dieser. ",Und warum sagst du dann miruku?'
,Miruku ist moderner.' ,Und was stimmt mit dem anderen Wort nicht?' ,Nicht so hygienisch.' ,Warum das?' ,Das andere Wort lautet gyuunyuu. Es bedeutet Flüssigkeit aus dem Euter.'"
Ja, ja, die Japaner, diese verrückten Hühner, und Blockflöte nennen sie Burokkufureete. Man gibt Carey noch den Rat, dass es besser ist, nichts zu wissen als zu wenig. Schade, dass er sich nicht an diese Direktive gehalten hat, dann hätte er sich dieses Buch erspart.

Nicht ärgerlich ist das neue und virtuose, wiewohl sperrige Textmöbel des 1935 geborenen Nobelpreisträgers Kenzaburo Oe "Tagame". So bezeichnet Kogito, die Hauptfigur des Romans und schon wieder ein Schriftsteller, einen schildkäferförmigen Kassettenrekorder, mit dem er zahlreiche Bänder abhört, die ihm sein engster Freund, der Regisseur und Schwager Goro, hinterlassen hat, bevor er aus einem Hochhaus in den Tod spazierte. Darauf erinnert sich Goro an die gemeinsame Jugend, spricht über seine Erfahrungen als Regisseur und Kunstdebatten, deutet monologisierend geteilte Liebschaften an.
Für Kogito wird es immer schwerer, der Stimme des verblichenen Freundes zuzuhören, weil es zur Sucht wird. Er nimmt eine Professur in Berlin an, quasi als Methadon – um wegzukommen von dem kalten Kumpel, stößt dort aber erst recht auf dessen Spuren, weil Goro offenbar mal bei der Berlinale reüssiert hat. Kogito will den Tod des Freundes begreifen und gerät dabei in ein Labyrinth aus Gegenwart und Vergangenheit, Innen und Außen. Im Laufe seines Fortgangs wird der Roman immer mehr zur Auseinandersetzung mit dem eigenen, bevorstehenden Tod. Der Zuhörer absorbiert alles Elend immer mehr und mehr, sodass der ideale Schwebezustand erreicht ist: Es gibt kein Oben und Unten mehr, kein Rechts oder Links.
Oe verankert die moralische und ethische Vorstellungskraft des Menschen und seiner literarischen Figuren nie in der Religion, sondern stets im irdischen Leben. "Tagame" ist sein leisestes und persönlichstes Buch, eine ambitionierte Synthese aus Melancholie und Ohnmacht. Die Figur des Goro ist übrigens der Regisseur des Nudelsuppendokudramas "Tampopo". Müsste wohl jeder kennen.

Tex Rubinowitz in FALTER 42/2005



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