Heillose Medizin. Fragwürdige Therapien und wie Sie sich davor schützen...

Jörg Blech


Zweiklassenmedizin?!

Jörg Blech zeigt, warum sich mündige Patienten gegen Untersuchungen und Behandlungen entscheiden dürfen.

Wenn, wie in Österreich alle Jahre wieder, die Angst umgeht, dass die vermeintlich bestmögliche Gesundheitsversorgung nicht allen Versicherten zuteil wird, lachen sich Ärztevertreter und Pharmaindustrie ins Fäustchen. Dann ist es ihnen wieder gelungen, die Mär von der Zweiklassenmedizin unters Volk zu bringen. Die Mär, dass es die neuesten und teuersten Therapien und Präparate sind, die am besten heilen und vorbeugen, weshalb die happy few, die es sich dank Zusatzversicherungen oder aus eigener Tasche leisten können, am gesündesten sind.
Tatsächlich verläuft die Grenzlinie an ganz anderer Stelle. Die Patienten zweiter Klasse sind nicht jene, die zu wenig medizinische Versorgung erhalten, sondern jene, die alles mit sich geschehen lassen. Mündige Patienten entscheiden sich oft gegen eine Untersuchung oder Behandlung – vorausgesetzt, sie finden und verfügen über halbwegs unabhängige Informationen und Ratgeber.
Dabei kann man sich in ungewohnter Weise an den Vertretern der Medizin orientieren. Diese verschmähen nämlich die von ihnen selbst verordneten Vorsorgeuntersuchungen und lassen viele der von ihnen durchgeführten Eingriffe seltener an sich durchführen als der Durchschnittspatient. Ärzte lassen sich seltener die Mandeln, die Gallenblase oder die Gebärmutter entfernen, schrecken häufiger vor Operationen an Hämorrhoiden oder nach Leistenbruch zurück.
In "Heillose Medizin" hangelt sich Jörg Blech an weithin üblichen, aber fragwürdigen Therapien entlang. Er zeigt, dass überdurchschnittlich oft operiert wird, wer am wenigsten gebildet und am besten versichert ist. Damit zeichnet der Spiegel-Redakteur zwei Jahre nach seinem Bestseller "Die Krankheitserfinder" weiter am Sittenbild einer an Über- und Fehlversorgung prosperierenden Gesundheitsbranche. Stellte er in seinem vorigen Buch die nimmersatte Pharmaindustrie an den Pranger, ist nun die von Profitstreben geleitete Ärzteschaft dran.
Besonders dreist geht Blech zufolge die Orthopädenschaft zu Werk. Von einer Kniegelenksarthroskopie profitiert in der Regel nur der behandelnde Arzt. Der beliebten Chirotherapie fehlt es an Wirksamkeitsbelegen. An der Bandscheibe würden sich die wenigsten Fachärzte selbst operieren lassen. Dagegen hätten sie einer Studie zufolge nach Ansicht von Röntgenbildern in dreißig Prozent der Fälle zum Skalpell gegriffen, ohne zu ahnen, dass ihnen Aufnahmen tadellos gesunder Studenten vorgelegt worden waren.
Dass nur belegt wirksame Therapien verbreitet sind, ist ein landläufiger Irrtum. Ausgerechnet in der auf ihren Status bedachten Chirurgie gilt das für die wenigsten Eingriffe. Statistische Evidenz kann aber auch den Blick trüben, wenn sie falsch verstanden wird. Dass die herkömmliche Chemotherapie bei fortgeschrittenen Tumoren die restliche Lebenszeit nur vergiftete, ließ sich lange kaschieren. Weil viele Krebserkrankungen früher erkannt wurden und die Überlebenszeit nun einmal ab der Diagnose gerechnet wird, war der Anschein entstanden, dass die ebenso teure wie belastende Therapie lebensverlängernd wirkt. Aber wer will einem mutmaßlich Todkranken den letzten Strohhalm rauben – wenn es auch noch profitabel ist?

Stefan Löffler in FALTER 42/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×