I Can't Relax in Deutschland. + Audio-CD


Deutsches Befinden

"I Can't Relax in Deutschland" und Diedrich Diedrichsens "Musikzimmer" sind mehr als nur Popmusikbücher.

Früher einmal, und so lange ist dieses "Früher" noch gar nicht her, gab es in der alternativen deutschen Popkultur einen klar formulierten Konsens darüber, was man von seinem Heimatland zu halten habe. Rein gar nichts nämlich. "Deutschland muss sterben, damit wir leben können", sang die Punkband Slime, und die Hamburger Diskurspopszene reagierte auf die Wiedervereinigung einst mit T-Shirt-Sprüchen wie "Halt's Maul, Deutschland!". In den letzten Jahren hat sich da einiges geändert.
Plötzlich kommen schick gestylte, großmäulig auftretende und sich selbst durchaus als links und rebellisch verstehende Bands daher, propagieren ein neuartiges, entspanntes Verhältnis zur eigenen Nation und fordern die Möglichkeit, doch wieder unverkrampft stolz sein zu dürfen aufs Deutschsein. In angrenzenden Bereichen – Kino, Literatur, Mode – ist das Szenario ähnlich. Mit der Reformulierung einstiger linker Selbstverständlichkeiten reagiert darauf jetzt der schmale Band "I Can't Relax in Deutschland" in vier unterschiedlich gelungenen Beiträgen, die in ihrer strengseminaristischen Herangehensweise zwar nicht wirklich an einer aktiven Kommunikation und Einflussnahme interessiert scheinen, insgesamt aber durchaus lesenswert sind. Eine CD-Beigabe versammelt zwanzig Stücke von Bands, die wie die Autoren selbst noch an antinationalen Standpunkten der alten Schule festhalten – von Tocotronic bis zu Mouse On Mars und von Kante bis zu Von Spar.

Ein uneingeschränkt empfehlenswertes neues Buch ist "Musikzimmer" von Diedrich Diederichsen, dem einst einflussreichsten Popdenker und -kritiker im deutschsprachigen Raum. Diederichsen, der sich schon vor geraumer Zeit schwerpunktmäßig der akademischen Lehre sowie der journalistischen Arbeit in anderen Bereichen zuwandte, versammelt hier Musikkolumnen, die er in den Jahren 2000 bis 2004 für den Berliner Tagesspiegel verfasst hat.
Darin arbeitet sich der einstige Spex-Herausgeber nie einfach nur in popjournalistischer Manier an einzelnen Platten ab; vielmehr dient ihm Musik unterschiedlichster Genres immer wieder aufs Neue als Ausgangspunkt für erhellende Reflexionen zu Popgeschichte, Avantgarde, Politik und Alltagsleben – und zwar ohne dass die Musik selbst bei alledem zu kurz käme. Ihr widerfährt nur eine ungleich komplexere, kenntnisreichere, ernsthaftere und argumentationsmächtigere Behandlung, als dies in der alltäglichen Popkritik üblich ist. Diederichsens Texte bleiben so unabhängig vom jeweiligen Zeitpunkt des Verfassens interessant.

Gerhard Stöger in FALTER 42/2005



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