Das Burgtheater. Architektur, Geschichte und Geschichten

Claudia Kaufmann-Fressner


Feste Burg

Am Wochenende feiert das Burgtheater den fünfzigsten Jahrestag seiner Wiedereröffnung. Ein Rundgang durch die Geschichte eines sagenumwobenen Hauses.

Die Sonntagvormittagsführung ist besser besucht als so manche Abendvorstellung kleinerer Wiener Bühnen. Dreißig Leute, hauptsächlich Touristen, haben sich eingefunden, um sich für 4,50 Euro das Burgtheater zeigen zu lassen. Die Führung startet bei der Feststiege auf der Landtmann-Seite; die freundliche Kustodin, die durch das Burgtheater wie durch ihr Wohnzimmer schreitet, beginnt ihre Ausführungen mit einer unmissverständlichen Ansage: "Das Burgtheater ist eine der bedeutendsten Bühnen Europas."

Das Museum

Die beiden Feststiegen - eine für den Kaiser, eine für den Erzherzog - sind die Prunkstücke des Hauses; die unter anderem vom jungen Gustav Klimt gemalten Deckengemälde, die theaterhistorische Motive zeigen, haben den Krieg unversehrt überstanden; Statuen und Büsten berühmter Schauspieler und Dramatiker verstärken den Eindruck, sich in einem Museum zu befinden. Eigentlich ist ein Theater, in dem untertags Führungen veranstaltet werden, eine Absurdität.

Das Burgtheater ist, nach der 1680 gegründeten Comédie Française, das zweitälteste Ensemble Europas, das Haus am Ring mit seinen 1175 Sitzplätzen die größte Sprechtheaterbühne. Die Geschichte des Burgtheaters reicht bis ins Jahr 1741 zurück, als in einem Ballhaus am Michaelerplatz unter Maria Theresia ein "Königliches Theater nächst der Burg" eröffnet wurde. Als Geburtsjahr des Burgtheaters gilt 1776, als Joseph II. das Haus zum Deutschen Nationaltheater erklärte und die Schauspieler Beamte mit Pensionsrecht wurden: Das sagenumwobene Burgtheaterensemble konnte sich entwickeln.

Das alte Burgtheater war zunächst noch ein 3-Sparten-Haus (unter anderem wurden hier drei Mozartopern uraufgeführt), erst seit 1810 wurde das Haus am Michaelerplatz ausschließlich fürs Sprechtheater genutzt. Im Lauf der Zeit war es immer wieder umgebaut und erweitert worden, sodass es zuletzt aus allen Nähten platzte: Die Gänge des Theaters waren so verwinkelt, dass es nach den Vorstellungen etwa eine Stunde dauerte, bis alle Zuschauer draußen waren.

Das Haus

Die Führung ist mittlerweile im Zuschauerraum angelangt. Der Spatenstich für den Neubau am Ring war 1874 erfolgt; neben dem deutschen Stararchitekten Gottfried Semper zeichnete dafür der junge Wiener Karl von Hasenauer verantwortlich. Diesem unterlief in der Planung ein entscheidender Lapsus: Der verspielte Einfall, den Zuschauerraum in Form einer Lyra zu gestalten, hatte katastrophale Auswirkungen auf die Akustik. "Im Rathaus sieht man nichts, im Parlament hört man nichts, im Burgtheater sieht und hört man nichts", höhnte der Volksmund. Eröffnet wurde das neue Haus am 14. Oktober 1888 mit Grillparzers "Esther".

Im Februar und März 1945 war das Burgtheater von Bomben getroffen worden; fatalere Folgen hatte ein kurz vor Kriegsende, am 12. April, ausgebrochener Brand, dem der gesamte Zuschauerraum und Teile der Foyers zum Opfer fielen. Bereits 18 Tage später, am 30. April, wurde der Spielbetrieb des Burgtheaters in dem als Ausweichquartier adaptierten Ronacher wieder aufgenommen (gegeben wurde natürlich wieder Grillparzer, diesmal "Sappho"). Für den Wiederaufbau wurde 1948 ein Wettbewerb ausgeschrieben; der damalige Burgtheaterdirektor Josef Gielen favorisierte zwar einen Entwurf, der den Umbau in ein modernes Rangtheater vorsah, stimmte dann aber doch für das konservative (und preisgünstigere) Projekt von Michael Engelhardt. Der Charakter des Logentheaters wurde weitgehend beibehalten; anstelle der zentralen Hof-Loge wurden allerdings zwei Ränge eingezogen, eine neue Deckenkonstruktion verbesserte die Akustik.

Wir stehen jetzt auf der Bühne, wo das Bühnenbild für Stefan Bachmanns "Verschwender"-Inszenierung aufgebaut ist. Die riesige Drehbühne (21 Meter Durchmesser, 350 Tonnen Gewicht) mit vier großen Versenkungen war bei der Wiedereröffnung "state of the art" und sucht heute noch ihresgleichen. In nur fünfzig Sekunden kann das Bühnenbild komplett gewechselt werden.

Wie das mit der Lüftung funktioniere, will eine Besucherin wissen. Die Frischluft kommt vom Volksgarten und wird über Gitter unter den Sitzen in den Raum geleitet, erklärt die Führerin. Über acht Öffnungen an der Decke verlässt die verbrauchte Luft den Raum wieder. "Haben Sie am Dach den Engel mit der Posaune gesehen? Durch die Posaune strömt die Abluft ins Freie."

Die Eröffnung

Wer hat an der Uhr gedreht? Genau fünfzig Jahre nach der Wiedereröffnung des Burgtheaters wird am Wochenende mit einer Art Remake des Jubiläums gedacht. Wie am 14. Oktober 1955 steht auch am 14. Oktober 2005 ein Festakt auf dem Programm: Unter dem Motto "Das Burgtheater feiert" werden fast alle Ensemblemitglieder des Burgtheaters (37 Damen, 59 Herren) auf der Bühne stehen und eine (geheim gehaltene) Textcollage präsentieren, der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani wird eine Rede halten, und wie vor fünfzig Jahren werden die Wiener Philharmoniker (Dirigentin: Simone Young) musizieren.

Am 15. Oktober steht dann, wie 1955, eine Premiere von Franz Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende" auf dem Spielplan. Dass das Haus am Ring mit dem habsburgerfreundlichen Königsdrama wiedereröffnet wurde, erscheint aus heutiger Sicht naheliegender als damals: Der damalige Burgtheaterdirektor Adolf Rott hatte eigentlich mit Goethes "Egmont" starten wollen und war erst nach heftigen Protesten auf Grillparzer umgeschwenkt. Sogar im Nationalrat war debattiert worden, ob ein Drama über den Freiheitskampf der Niederlande gegen einen Habsburger, den spanischen König Philipp II., das passende Stück für die Eröffnung des österreichischen Nationaltheaters sein könne.

Der von Direktor Rott persönlich inszenierte "Ottokar" war keine Sternstunde des Theaters. "Das gesellschaftliche Ereignis überstrahlte das künstlerische bei weitem", analysiert die Wiener Theaterwissenschaftlerin Hilde Haider-Pregler die Reaktionen auf die Premiere. In den Zeitungen wurde nach der fünf Stunden dauernden Aufführung mehr über die Garderobe der Festgäste in den Logen geschrieben als über die offenbar mäßig spannenden Ereignisse auf der Bühne. Wenn fünfzig Jahre danach Martin KusÇejs erstmals bei den Salzburger Festspielen gezeigte "Ottokar"-Inszenierung ihre Wiener Premiere erlebt, ist weder ein Marathon (die Aufführung dauert drei Stunden) noch ein patriotisches Bühnenweihespiel zu befürchten: KusÇej zeigt Rudolf von Habsburg als zynischen Bürokraten der Macht.

Die eigentliche Eröffnung hatte 1955 bereits einen Tag vor der "Ottokar"-Premiere stattgefunden, als Direktor Adolf Rott von Unterrichtsminister Heinrich Drimmel feierlich der goldene Schlüssel des Burgtheaters überreicht wurde; dieser war von fünf Maurer- und Steinmetzmeistern, gekleidet in der Tracht ihrer Zünfte, auf die Bühne gebracht worden. Kein Wunder, dass dem Burgtheaterdirektor daraufhin die Worte fehlten: "Es ist unmöglich, Ihnen zu sagen, welche Gedanken und Empfindungen durch uns alle hindurchgehen. Worte sind furchtbar arm manchmal, und nie habe ich sie ärmer empfunden als an der Stätte dieser hohen Sprachkultur." Programmatisch war Rott noch ganz vom Geist des Wiederaufbaus beseelt: "Ich muss Sie enttäuschen, wenn Sie heute von mir ein Programm erwarten. Ich habe Arbeit, viel Arbeit."

Der Mythos

Das Burgtheater ist mehr als nur ein Haus, es ist ein Mythos. Schrullige Rituale wie die Aufbahrung von Ehrenmitgliedern auf der Feststiege (bevor der Sarg einmal rund um das Theater getragen wird), der testamentarisch weitergegebene Iffland-Ring (aktueller Inhaber: Bruno Ganz) oder das erst 1983 aufgehobene "Vorhangverbot" (nach Vorstellungen im Burgtheater durften die Schauspieler nicht zum Applaus auf die Bühne) haben das Ihre zum Mythos beigetragen.

Als Relikt der k.k. Monarchie ist das Burgtheater auch Metapher für den melancholischen Größenwahn eines Kleinstaats, der die Vergangenheit verklärt. "Wir müssen und werden dieses neue Burgtheater erbauen müssen, nicht nur aus Stein, sondern vor allem aus österreichischer Geisteskraft", heißt es in einer Rede von Bundestheater-Chef Egon Hilbert 1946 programmatisch. "Vergessen wir nicht, dass unabhängig von politischen Systemen und Verbrechen dieses Kulturösterreich seit Jahrhunderten besteht und wir ein heiliges Bekenntnis zu dem Österreich Haydns, Mozarts, Beethovens, Gustav Mahlers, zu dem Österreich Walthers von der Vogelweide, Grillparzers und Wildgans' immer abzulegen bereit sein sollen."

Abgesehen davon, dass ein "Kulturösterreich", das auch einen mittelalterlichen Minnesänger unbekannter Herkunft eingemeindet, ein weites Land ist, hat das Burgtheater seine Unabhängigkeit von politischen Systemen und Verbrechen nach dem Krieg in der Tat vorbildlich unter Beweis gestellt. Lothar Müthel etwa, der während der NS-Zeit Burgtheaterdirektor war und 1943 einen nach allen Regeln der antisemitischen Hetze inszenierten "Kaufmann von Venedig" verantwortete, durfte sich im Dezember 1945 mit Lessings "Nathan der Weise" quasi rehabilitieren; nicht einmal der Emigrant Ernst Haeusserman, der in den Sechzigerjahren Burgtheaterdirektor war, ließ auf seinen Nazivorgänger etwas kommen: "Müthel war ein guter Direktor, der in der Nazizeit sehr viel Schlimmes verhindert und gutes Theater gemacht hat." Als die 1938 geflüchtete Schauspielerin Lilly Karoly 1948 aus dem Exil zurückkehrte, reagierte der interimistisch eingesetzte Direktor Erhard Buschbeck, als hätte er im Urlaub eine alte Schulfreundin getroffen: "Jessas, die Karoly!"

Weitergegeben wird der Mythos ausschließlich von Schauspielerinnen und Schauspielern, die ehrfürchtig "Burgschauspieler" genannt werden. Direktoren hatten hier selten viel zu reden, Regisseure schon gar nicht. Obwohl kein Lebender den Schrei gehört hat, für den die Burgschauspielerin Charlotte Wolter (1834-1897) berühmt war, scheint sein Echo immer noch durch die marmornen Hallen zu tönen. Die Führung durch das Burgtheater endet nach einer Dreiviertelstunde auf der Feststiege an der Volksgarten-Seite des Theaters. Über diese Treppe betrat der Kaiser das Theater. Oben links steht die Büste der Wolter.

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2005



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