Das Burgtheater. 1955 -2005

Klaus Dermutz, Klaus Bachler


55 Jahre Klaus Bachler

Am 29. März 2006 jährt sich die Wiedereröffnung Klaus Bachlers zum 55. Male. Rechtzeitig zum runden Geburtstag ist in der Edition Burgtheater (herausgegeben von Klaus Bachler und Klaus Dermutz) ein Band erschienen, der den etwas irreführenden Titel "Das Burgtheater 1955-2005" trägt. Doch damit nicht genug der Bescheidenheit: Nur 46 von 288 Seiten des Buches sind Klaus Bachler gewidmet; unter den zahlreichen Fotos finden sich nur acht, auf denen der Jubilar abgebildet ist.

Der Band beginnt also mit einem Essay über den amtierenden Burgtheaterdirektor Klaus Bachler. Als Autor konnte der wohl profundeste Bachler-Kenner dieser Tage gewonnen werden: Klaus Bachler. Aus erster Hand erfahren wir, dass seine Traumkarriere früh abzusehen war: "Schon als Kind war ich sprachlich sehr begabt. Ich war Schulsprecher und habe Demonstrationen organisiert." Kaum war der junge Bachler in die Pubertät gekommen, verwandelte sich das "unglaublich brave Kind" in einen aufmüpfigen Revoluzzer. "Ich ging in die totale Rebellion, und meine Mutter wurde zur wirklichen Kampfpartnerin. Sie war eine Anhängerin der Wiener Klassik, für sie gab es nur Mozart, Beethoven, Haydn - vielleicht noch die Schubert-Lieder. Diese Auswahl lehnte ich ab. Ich hörte die Musik des 20. Jahrhunderts und fing an, mich für Gustav Mahler zu interessieren, ebenso für Wagner." Während eine solche Trotzphase bei anderen jungen Leuten schnell vergeht, dauerte sie bei Bachler mehrere Jahre. "Erst im Alter von zwanzig Jahren fand ich meinen Weg zurück zur Basis, zu Mozart und Monteverdi."

Bestimmte Lebensstationen bleiben auch dem Hochbegabten nicht erspart ("Nach der Matura musste ich zum Bundesheer"), aber das macht ihn nur menschlich. Das Geheimnis des Klaus Bachler besteht vermutlich darin, dass er sich selbst immer wieder überraschen kann. Als er zum Beispiel Festwochenintendant wurde und um die Welt reiste, ist er dadurch "eine andere Person" geworden. "Ich habe an mir selbst Offenheit und Begeisterung, Weite, künstlerische und innere Großzügigkeit kennen gelernt und weiterentwickelt." Als es dann endlich so weit war und Bachler zum Burgtheaterdirektor ernannt wurde, war das "ein unerwartet unaufgeregter Vorgang". Damit auch Normalsterbliche wie Elfriede Jelinek seine damaligen Empfindungen nachvollziehen können, findet Bachler dafür einen anschaulichen Vergleich: "Es ist, als würde man den Nobelpreis erhalten."

55 Jahre Klaus Bachler, das sind mehr als nur 55 Jahre gelebte Theatergeschichte: "In meiner Person ist die Tradition Österreichs lebendig. Ich bin ein monarchistisches Gebilde, von Ungarn bis Slowenien, die Verhaltensweisen dieser Länder lebten und leben in meiner Familie fort. Ich komme nicht aus Bremen." Auch Letzteres unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Claus Peymann. Trotzdem ist es ausgerechnet ein Deutscher, dem sich Bachler seelenverwandt fühlt: Als Teamchef Franz Beckenbauer nach dem gewonnenen Finale bei der WM 1990 einsam über das Spielfeld flanierte, konnte Bachler das gut nachfühlen - und das, obwohl er damals noch gar nicht Burgtheaterdirektor war. "Man ist auf dem Gipfelpunkt dessen angelangt, wofür man lange Zeit gearbeitet hat. So geht es mir bei Premieren am Burgtheater."

Der Rest des Buches, sozusagen der Anhang, ist leider nicht ganz so aufschlussreich wie Bachlers Essay und etwas konfus gestaltet. Der für diesen Teil verantwortliche Klaus Dermutz verzettelt sich in Details und ergeht sich in umständlichen "Don Carlos"-Analysen, weshalb für das eigentliche Thema - das Burgtheater 1955-2005 - kaum Platz blieb. Abgeschlossen wird der Band mit einem lückenlosen Verzeichnis sämtlicher Burgtheaterinszenierungen seit 1999 - dem Jahr, in dem Klaus Bachler seinen ganz persönlichen Nobelpreis bekam.

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×