Július Koller. Univerzálne Futurologické.... Kölnischer Kunstverein, 18. Juli - 21. September 2003

Kathrin Rhomberg, Roman Ondak, Július Koller, Vit Havranek,...


Die junge slowakische Kunstszene kämpft gegen die Ignoranz der Kulturpolitik und setzt auf Eigeninitiative.

Auf dem Platz vor dem Alten Rathaus weihnachtet es kräftig. In die von den Adventmarktständen aufsteigenden Glühweinschwaden mischen sich die Gerüche gegrillter Zwiebel, Kotelette und Speckwürfel, die für das Traditionsgericht Sedliacka cmunda zusammen mit Sauerkraut in Crêpesteig gefüllt werden. Die Knusperhäuschen fügen sich hübsch in die sorgsam renovierten alten Fassaden des Platzes. Wie die Altstädte in Graz, Ljubljana oder Bozen zeigt sich nun auch jene von Bratislava, die jahrzehntelang dem Verfall preisgegeben war, als schmuckes Historyland. An ihren Rändern bezeugen Bankentürme die Herrschaft der neuen Zeit. Für die Kunst der Gegenwart bleibt zwischen Opernhaus, Casinos und Businesshotels allerdings kaum Platz. Wer sich die hohen Mieten in der City nicht leisten kann, zieht in die Trabantenstadt Petrzalka. Oder mietet - wie der Künstler Boris Ondreicka - ein Bauernhaus an der nördlichen Peripherie, dort, wo die Hügel der Karpaten beginnen. "Ich hab die schlechte Luft und den Verkehr nicht mehr ausgehalten", begründet der ehemalige Punkmusiker seinen Ortswechsel.

Ondreicka ist in der Slowakei für jene Kunstprojekte zuständig, die unter dem Namen Tranzit von der Wiener Erste Bank gesponsert werden. So wurde etwa im Kölnischen Kunstverein eine Ausstellung des Konzeptkünstlers Július Koller unterstützt. Die dazugehörige Publikation bezeichnet Ondreicka als "erste international vertriebene Kunstpublikation der Slowakei" überhaupt. "Um die hiesige Kunstszene zu begreifen, muss man mit kleinem Maßstab messen." Jeder kennt jeden, Jurybestellungen ohne Freunderlwirtschaft sind fast unmöglich. Oder es wird über eine Kunsthalle diskutiert, und die lokalen Kuratoren haben Angst, dass jemand von außen kommen könnte, der ihnen den Job wegnimmt. Dabei herrscht bei allen befragten Akteuren der jungen Kunstszene in Bratislava Einigkeit darüber, dass nichts notwendiger wäre als eine Öffnung nach außen.

Für eine solche Öffnung steht die von Juraj Carny betriebene Galéria Priestor. Sie ist im Keller einer Werbeagentur in einer zentrumsnahen Villengegend untergebracht. Die Agentur stellt den Galerieraum und einen Büroplatz zur Verfügung. Carny plante hier 1999 einen Galeriebetrieb nach westlichem Muster. Da es aber keine Käufer gab, sieht er seine Aufgabe nun darin, Künstler von auswärts in die slowakischen Hauptstadt zu holen und umgekehrt lokale Künstler woandershin zu vermitteln. Um das geringe öffentliche Interesse an Gegenwartskunst ein wenig anzufachen, lässt er sich einiges einfallen. So lud er im vergangenen Oktober für die Ausstellung "Pretty Communication" Künstlerinnen ein, sich als "hübsche" Künstlerinnen zu präsentieren. Der Andrang bei der Vernissage war ungewöhnlich groß, obwohl oder gerade weil keine Kunstwerke, sondern lediglich die als Popsternchen verkleideten Künstlerinnen Anna Baumgart und Agata Bogacka zu sehen waren. "Da kam sogar das Fernsehen zu uns", sagt Carny, der wie die anderen Gesprächspartner auch einen vorsichtigen Optimismus verströmt, und das, obwohl es in der Slowakei kaum öffentliche und private Künstler und keinen Kunstmarkt gibt.

Mária Risková ist die Schlüsselfigur der jungen Kunstszene von Bratislava. Treffpunkt für das Interview ist das Café Jules Verne auf dem Hviezdoslav-Platz vis-à-vis der amerikanischen Botschaft. In dem mit alten Möbeln eingerichteten Lokal treffen sich die Studierenden der im benachbarten Gebäude befindlichen Kunstakademie. Es gibt keinen wichtigen Namen, den die allseits geschätzte Kunsthistorikerin nicht in ihrem digitalen Adressbuch gespeichert hätte. Zusammen mit der Designergruppe STUPIDesign gründete sie 2001 die Wohnungsgalerie Buryzone, wo Ausstellungen und jeden Freitag kleine Events stattfanden - vom Vortrag eines Genetikers über eine von Künstlern gestaltete Party bis zum Konzert mit elektronischer Musik. "Es herrschte eine Art Hippie-Atmosphäre. Leute aus unterschiedlichen Szenen haben sich getroffen, nicht nur solche aus der Kunst", sagt Risková, die mit gutem Beispiel vorangehen, andere zur Eigeninitiative anregen wollte. Das größte Hindernis für die Entwicklung der Kunstszene erblickt sie in einer allgemein verbreiteten Angestelltenmentalität: "Jeder will einen warmen Platz haben - am besten in einem staatlichen Museum." Die Malereistudentin Lucia Tkácová stimmt ihr zu. Dem Beispiel Riskovás folgend, richtete sie im Keller der Akademie die kleine Galeria Hit ein. Beim Verputzen blieb sie allerdings meist auf sich alleine gestellt: "Es will kaum wer für eine Struktur arbeiten, deren Erfolg sich erst herausstellen muss", sagt die junge Künstlerin. Immerhin sieht Risková in der Existenz des kleinen Offspace ein Indiz dafür, dass die Leute "nicht mehr so ängstlich sind wie noch vor drei Jahren."

Nach 200 Events und drei Jahren ohne freies Wochenende stellte Risková den Betrieb der bereits zum Mythos erhobenen Buryzone ein. Ihr neues Projekt heißt Burundi und soll vieles sein: eine Mediathek, ein Labor für die unter chronischen Technologiedefiziten leidende Netzkultur, Ausstellungsraum und Verlag. Auch einen Ort hat sie bereits ins Auge gefasst: das in den Siebzigerjahren errichtete und am zentralen Platz des Slowakischen Nationalaufstands gelegene Haus der Kultur, das auf Betreiben des Vereins für zeitgenössische Oper, des Zeitgenössischer Tanz Vereins und des Verlags Atrakt Art zum neuen Treffpunkt der unabhängigen Kulturszene werden soll. Mit Unterstützung des Kulturministeriums sollen hier ab 17. Jänner freie Kulturinitiativen Programm machen - vorerst einmal für ein Jahr. Platz wäre genug vorhanden, eine Bühne für Oper und Tanz auch. Des Weiteren schwebt dem Kulturminister die Einrichtung einer Kunsthalle vor, die in Bratislava ebenso fehlt wie ein Museum moderner Kunst. Der Musikwissenschaftler Slávo Krekoviè, der mit seinem Kulturmagazin 3/4 revue auch in das A4 genannte Zentrum ziehen möchte, zeigt sich den Ambitionen der Politik gegenüber allerdings skeptisch: "Wenn wir davon reden, wie wichtig Kultur für das Image der Stadt wäre, wissen die Politiker gar nicht, wovon wir reden." Wenn sich das A4-Konzept bewährt, wird ein großes Stück Aufklärungsarbeit geleistet sein.

Matthias Dusini in FALTER 1-2/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×