Die gläserne Decke. Frauen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa im 20....

Marija Wakounig


Laut Studien wurde jede fünfte Slowakin von ihrem Partner bereits einmal misshandelt. Gleichberechtigung gibt es nur auf dem Papier. Nun eröffnete in Bratislava endlich ein Frauenbüro.

Gott sei Dank hat die Polizei eingegriffen. Sonst hätte ihr Mann sie wohl weiterhin geschlagen. Der hockt jetzt im Gefängnis, dennoch hat die 28-jährige Slowakin Angst. Weil ihr der Peiniger Drohbriefe schickt. In ihrer Verzweiflung wandte sich die junge Frau an das Frauen- und Familienbüro in Bratislava. Dort hat man mit solchen Geschichten Erfahrung. "Die Frauen kommen mit vielfältigen Problemen zu mir", sagt die Leiterin Anna Sotniková. Besonders viele besuchen sie aber, weil sie zu Hause geschlagen wurden.

Wie in ganz Europa sind auch in der Slowakei meist Frauen Opfer von häuslicher Gewalt - nur zehn Prozent der Fälle betreffen Männer. Dennoch wird das Thema großteils totgeschwiegen. Frauen, die es wagen, bei Sotniková Hilfe zu suchen, wollen anonym bleiben. Dabei sind sie mit ihrem Schicksal nicht allein: Studien zufolge wurde bereits jede fünfte Slowakin einmal misshandelt.

Um die Gesellschaft aufzurütteln, haben mehrere Frauenorganisationen deshalb die Kampagne "Fünfte Frau" gestartet. Mit dabei ist der feministische Verein "Aspekt" von Jana Cvikova. Sie findet zwar grundsätzlich gut, dass der Magistrat vergangenen Oktober ein Frauenbüro eingerichtet hat, bezweifelt aber, dass die neue Institution das Problem bei der Wurzel anpackt: "Es ist ein Frauen- und Familienbüro. Ich fürchte, dass Frauen in ihre traditionelle Rolle zurückgedrängt werden." Zumal in der Slowakei ohnehin noch ein sehr konservatives Geschlechterbild herrscht. Eine Untersuchung des Europäischen Parlaments schreibt der Slowakei "ein tief verwurzeltes Konzept der Rolle der Frau in der Gesellschaft" zu - und zu diesem Rollenbild gehört, dass der Mann das Sagen hat. Olga Pietruchova, eine andere Mitorganisatorin von "Fünfte Frau", meint: "Der Grund für die Gewalt gegen Frauen ist die Macht, die Männer in der Familie haben."

Immerhin haben Regierung und Parlament versucht, gegenzusteuern. Auf Druck von NGOs wurden einige Gesetze verabschiedet, die misshandelten Frauen helfen sollen. So können Gewalttaten nun nicht nur vom Opfer selbst angezeigt werden. Außerdem sollen nicht, wie bisher fast immer der Fall, die Opfer ihre Wohnung verlassen müssen, sondern die Täter. "Bratislava ist auf dem richtigen Weg", glaubt die Wiener Frauenstadträtin Renate Brauner, deren Frauenbüro als Vorbild für die Institution in der Nachbarstadt diente.

Slowakische Aktivistinnen sind weniger optimistisch. "Wohnheime für Frauen, denen Gewalt angetan wurde, gibt es in Bratislava nicht", kritisiert Cvikova. Das neue Frauenbüro ist unterbesetzt, die Leiterin gleichzeitig die einzige Mitarbeiterin. Sie kann ihre Klientinnen lediglich beraten, ihnen aber keinen Schutz bieten. Die 28-Jährige, die im Frauenbüro Hilfe gesucht hat, lebt nach wie vor in der gemeinsamen Wohnung. "Sie fürchtet sich davor, dass ihr Mann aus dem Gefängnis kommt", sagt Sotniková. Eine eigene Bleibe kann sie sich, wie viele Frauen in dieser Situation, nicht leisten. Denn die Wohnungen sind knapp und die Mieten hoch - bis zu 80.000 Kronen (2000 Euro) monatlich. In der Stadt gibt es fast nur Eigentumswohnungen, die sich Frauen mit ihrem Durchschnittslohn von weniger als 250 Euro - drei Viertel von dem, was Männer verdienen - selten leisten können. Sozialen Wohnbau gibt es in Bratislava kaum, gibt die christdemokratische Vizebürgermeisterin Tatiana Mikusová zu. "Wir haben derzeit bei 430.000 Einwohnern 800 Gemeindewohnungen", sagt Mikusová. Ende 2004 sollen 500 neue Wohnungen dazukommen. Die Nachfrage steigt, denn immer mehr Slowaken kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben vom Land in die Hauptstadt. Die Arbeitslosigkeit liegt landesweit bei rund 19 Prozent. "In Bratislava haben wir nur vier Prozent Arbeitslose", sagt Mikusová.

Die Vizebürgermeisterin ist eine der wenigen Frauen in der Politik. Die anderen drei Stellvertreter des Oberbürgermeisters sind Männer. Von den achtzig Abgeordneten im Stadtparlament sind 19 weiblich. Auf nationaler Ebene ist das Ungleichgewicht noch größer: In der Regierung sitzen nur Männer, lediglich zwei Staatssekretärsposten sind mit Frauen besetzt. Im Parlament beträgt ihr Anteil 19 Prozent.

Um die Diskriminierung zu bekämpfen, wurde eine Kommission für Geschlechtergleichheit geschaffen, die die Regierung bei Gesetzesbeschlüssen berät. An der Spitze dieser Kommission steht - erraten - ein Mann: Jozef Heriban. "Aber die meisten Mitglieder sind Frauen", beteuert er.

Derzeit wird im Parlament über eine Quotenregelung diskutiert. Der Frauenanteil soll auf 33 Prozent gesteigert werden. Nicht alle Politikerinnen sind dafür - etwa Monika Benyova von der Oppositionspartei SMER: "Wie soll ich Frauen im normalen Berufsleben erklären, dass wir in der Politik eine Quote haben? Damit ist denen nicht geholfen." Viel wichtiger wäre ihrer Meinung nach ein umfassendes Anti-Diskriminierungsgesetz. Das ist bisher an der christdemokratischen Regierungspartei KDH gescheitert, weil der Erstentwurf auch Schutz für homosexuelle Partner vorsah. Benyova: "Die haben Angst vor schwulen Paaren mit Kindern".

Jasmin Bürger in FALTER 1-2/2004



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