An der Kreuzung der Augenblicke

Ernst Kostal


Leichtathlet im Nationalteam, Wissenschaftler, Literaturhoffnung, Trinker, Psychiatriepatient: Ernst Kostal hat ein Leben zwischen Extremen hinter sich. Von diesem exzessiven Leben erzählt er auch in seinem neuen Lyrikband.

Ein ordentliches Büro an der Universität, voller Aktenschränke, mit einer tüchtigen Sekretärin und eifrigen Studenten, die einem in überfüllten Hörsälen an den Lippen hängen. Graue Dreiteiler tragen, sich mit "Herr Professor" ansprechen lassen. So ein Leben hätte Ernst Kostal führen können - ehrwürdig, angepasst, mit akademischen Ehren. Der 59-Jährige, groß, schlaksig, graues Haar, trägt stattdessen Jeans zu roten Turnschuhen, ist kein bisschen professoral, und als Wissenschaftler arbeitet er nur zu Hause. "Natürlich denk ich mir manchmal, ohne die Exzesse der Vergangenheit wäre ich heute wahrscheinlich ganz woanders", sagt Kostal nachdenklich. "Aber dann hätte ich wichtige Erfahrungen nie gemacht." Erfahrungen im Grenzbereich zwischen Normalität und Wahnsinn, zwischen intellektueller Hochleistung und selbstzerstörerischen Exzessen.

Kostal war Leistungssportler, Wissenschaftler, preisgekrönte Literaturhoffnung, schwerer Trinker, regelmäßiger Psychiatriepatient. Seine jahrzehntelange Alkoholsucht hat ihn die universitäre Laufbahn gekostet und seine literarische Karriere versaut. Erst jetzt, nach 22 Jahren Pause, ist wieder ein Buch von ihm erschienen. "An der Kreuzung der Augenblicke" heißt der Lyrikband, der Gedichte aus vier Jahrzehnten umfasst. Der Autor verarbeitet darin auch seine persönliche Geschichte, ohne Wehleidigkeit oder peinliches Pathos. Er hat überlebt und will seine Erfahrungen teilen. Seit zwei Jahren ist Kostal komplett trocken, ohne Rückfall. So lange leitet er auch die Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke bei pro mente, einer Organisation, die psychisch kranke Menschen unterstützt. 330.000 Österreicher gelten offiziell als alkoholabhängig, weitere 870.000 als akut gefährdet - so betrachtet ist Ernst Kostal einer von vielen.

Nur seine Lebensgeschichte liest sich wie ein tragischer Film. 1944 als Sohn einer Jüdin und eines "Ariers" im Hitler-Wien geboren, wächst Kostal zwischen Extremen auf. Der Vater, ein Versicherungsangestellter, stirbt früh, der Bub wohnt alleine mit der Mutter im Familienhaus in Hietzing. "Die existenziellen Ängste meiner Mutter haben mich geprägt. Schon als kleiner Bub war ich ein Alles-oder-nichts-Typ", erzählt der Mann mit dem hageren Gesicht. Was er anpackt, macht er ordentlich. Anfang der Sechzigerjahre schafft es der Kurzstrecken- und Weitsprungspezialist so ins österreichische Leichtathletik-Nationalteam. Er studiert Germanistik, weil er "lernen will, wie ein Dichter schreibt". Dann entdeckt der Leistungssportler das Nachtleben und den Alkohol. In den nächtlichen Studentenrunden gehört Kampftrinken dazu. Kostal merkt, dass er sich selbstsicherer fühlt, wenn er ein Seidl oder Achtel kippt, bevor er ins damalige Szenelokal Atrium kommt. Er beginnt schon tagsüber zu trinken, "einen gewissen Pegel" zu halten. Auch mit dem Leistungssport ist es aus und vorbei - nach einem miesen Lauf im leichten Rausch.

Um seine Dissertation zu bewältigen, hört der junge Mann Anfang der Siebziger radikal mit dem Trinken auf. Fünf Jahre hält er durch, dann wird ihm ein einziges Krügel im Gastgarten zum Verhängnis. "Ich dachte, ein Bier nach Jahren der Abstinenz kann nicht schaden - damals war ich noch völlig ahnungslos, was den Suchtmechanismus betrifft." Ein gnadenloser Kreislauf, einmal süchtig, immer süchtig. Kurz nach dem ersten Krügel ist Kostal wieder bei einer Tagesration von einer Flasche Schnaps angelangt. Er kann jetzt ungestört trinken - er ist zwar Habilitand, Spezialgebiet Ästhetik, beim Philosophie-Professor Erich Heintel, arbeitet aber weiterhin von daheim aus, weil es am Institut gerade keine freie Stelle gibt. Neben der wissenschaftlichen Arbeit schreibt er Lyrik, gewinnt Preise, unter anderem zweimal den Dr.-Theodor-Körner-Preis.

Trotzdem verliert er langsam den Boden unter den Füßen. Kippt Unmengen an Medikamenten und Alkohol in sich rein. Dann der erste stationäre Entzug in Kalksburg. 1982 schlittert Kostal in eine "wilde Manie", schnappt total über, eine Folge der extremen Sauf- und Entzugsphasen. "Mein Gefühlsleben ist sozusagen implodiert", sagt Kostal. Er wird zum ersten Mal in die Psychiatrie eingeliefert, als er wieder nach Hause kommt, will er seine Habilitation endlich ins Reine schreiben und fertig machen - und muss feststellen, dass nichts davon brauchbar ist, eine "Dokumentation des Irrsinns". Sein Lebenstraum von der universitären Karriere zerplatzt, er schlittert in eine tiefe Depression. Er stirbt beinahe an einer akuten Bauspeicheldrüsenentzündung, verliert sein Elternhaus, kommt immer wieder in die Psychiatrie. Als Wissenschaftler ohne universitäre Heimat schließt er Kontakte zu deutschen Forschern, arbeitet in einer psychiatriekritischen Gruppe mit. Den Einstieg in das, was man ein normales Leben nennt, findet er nicht mehr: Der Doktor der Philosophie lebt bis heute von Sozialhilfe.

Ernst Kostal ist gezeichnet. Nicht nur in seinem Gesicht hat das exzessive Leben Spuren hinterlassen. Der Mann ist trotzdem ein Rebell. "Ich bin Psychiatrie-, Kapitalismus- und Neoliberalismuskritiker." Seine Grenzerfahrungen möchte er nicht missen, erklärt er. "Nachdem ich aus dem Wahnsinn heraußen bin, kann ich daraus Erfahrungen gewinnen, die mir beim Schreiben, im Alltag und beim Umgang mit anderen Menschen helfen." Oder wie es der Autor auch im Gedicht "Selbstportrait" sagt: "Ich bin ein Kind der Suche und der Sucht." Den Suchtmechanismus hat Kostal nach diversen Rückfällen endgültig durchbrochen, hofft er, "meine Energie will ich künftig in Sinnvolleres und Konstruktiveres investieren." Und Ernst Kostal hat einen guten Grund, nicht mehr zu trinken: seinen sechsjährigen Sohn Adrian.

Erhältlich bei pro mente oder Morawa.

Julia Ortner in FALTER 1-2/2004



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