FALTER.maily #10 – Rote Augen

Guten Morgen,

während ich diese Zeilen schreibe, ist es Dienstag Nacht und ich bin geschafft. Der Falter ist endlich fertig, ich komme vom Interview beim ORF-Report und vor ein paar Stunden fragte Kollegin Stefanie Panzenböck aus der Feuilleton-Redaktion, wieso alle Politik-RedakteurInnen so rote Augen haben. Es liegt vermutlich daran, dass wir die letzten Tage und Wochen sehr viel Kleingedrucktes gelesen haben, nämlich die Buchhaltungsunterlagen der ÖVP. Ja, der Teufel und die Politik-Redaktion des Falter schlafen nie.

Falter-Leserinnen und Leser wissen es ja schon: ein anonymer Hinweisgeber, wir kennen seine Identität nicht, hat uns eine enorme Menge an Dokumenten überreicht, die erstmals genaue Einblicke in die Schulden, Spesen und Spender der Volkspartei bietet. Wir wissen nun auch, wieviel der Chefberater von Sebastian Kurz in Rechnung stellt (33.000 Euro pro Monat, ohne Spesen, Überstunden und Wahlkampfbetreuung), mit welchen Privatjets Sebastian Kurz fliegt (Learjet) und wie viel Friseur-Kosten und Make-Up des Instagram-Kanzlers ausmachen (bis zu 600 Euro). Doch das sind nur Peanuts, die skandalisieren wir nicht. Die Daten zeigen vor allem, wie überschuldet die Partei ist und welche Honorare sie unter anderem für den Lifestyle der Liste Kurz ausgeben muss. Die Recherche der Politikredaktion finden sie hier.

 

***

Weil wir gerne das Licht aufdrehen, wo es Machthaber dunkel haben, hat uns die ÖVP nicht mehr so gerne. Aber das ist unser Berufsrisiko. Auch Christian Kern war einst sauer auf uns, als wir Unterlagen aus der SPÖ veröffentlichten. Sie erinnern sich an die Affäre Silberstein, die die Presse und das Profil als Erste aufdeckten. Da hatten ÖVP-nahe Lobbyisten Daten aus dem Innersten einer Partei verteilt. Von einem Anschlag auf die Demokratie war damals nirgendwo die Rede. Wir hatten auch eine Coverstory geschrieben. Die Kritik der ÖVP, wir würden die SPÖ außen vor lassen, ist also falsch. Auch die Grapsch-Affäre rund um Peter Pilz wurde übrigens im Falter enthüllt, so wie die Skandale rund um Herbert Kickl oder die Folgen der Ibiza Affäre. Wir sind eben Journalisten und keine Parteigänger

Aber um es auch hier klarzustellen: der Falter hat weder Daten gehackt noch Hacker beauftragt. Wir veröffentlichen Unterlagen, die wir zugeschickt bekamen und die wir auf Echtheit und Relevanz überprüft haben. Und wir interpretieren diese Daten. Die ÖVP hilft uns dabei leider kaum. Wenn wir Recherche-Anfragen stellen, sticht sie die Geschichte mit eigenem Spin an befreundete Medien durch, sie ladet uns zu Hintergrundgesprächen kaum noch ein und spricht mit uns derzeit vor allem durch Anwälte.

Vorgestern wurde dem Handelsgericht angeblich eine Unterlassungsklage zugestellt. Was darin steht, wissen wir nicht, die Klage ist noch nicht bei uns. Die ÖVP will allerdings festgehalten wissen, dass eine Rechnung über 430.000 Euro, die wir problematisierten, weil sie so knapp vor Beginn der Frist für die Wahlkampfkosten verbucht wurde, nicht dem Nationalratswahlkampf diente, sondern dem EU-Wahlkampf. Das nehmen wir erleichtert zur Kenntnis, so wie ein paar andere kleine Fehlerchen (etwa die Frage, wie Kugelschreiber verbucht wurden).

Bleibt die Frage, wieso die ÖVP in der Wahl 2017 und vermutlich auch 2019 die Wahlkampfkostengrenze um insgesamt neun Millionen überschreitet und damit das gesetzliche Fairness-Abkommen verletzt. Darauf haben wir noch keine Antwort erhalten. 

 

Ihr Florian Klenk

 

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Herausgeber Wolfgang Fellner behauptete am Sonntag in der Gratiszeitung Österreich, wir würden „Postwurfjournalismus“ betreiben und Daten einfach ungefiltert und ungeprüft ins Netz stellen. Ich habe Fellner angerufen und über unsere interne Rechercheprozesse aufgeklärt. Immerhin: er berichtete dann über unsere Sicht der Dinge.

 

Die Kleine Zeitung zitierte aus dem Maily von Josef Redl, in dem dieser unseren Recherche-Prozess offenlegte. Unter anderem schilderte Redl, dass sich in eine Anfrage an die ÖVP ein Fehler geschlichen hatte, auf den uns die ÖVP hinwies, so dass der Bericht korrekt erscheinen konnte. Und die Kleine, was schrieb die? „Der Falter hat eingeräumt, dass bei der Zuordnung der türkisen Wahlkampfkosten in einem ersten Entwurf ein Fehler passiert“ sei. Erst in einem zweiten Satz wird klargestellt, dass wir nie etwas Falsches berichtet haben. Sogar Armin Wolf kritisierte auf Twitter diese irreführende Headline. Wir warten auf eine Flasche südsteirischen Weißweins als Entschädigung.

 

Christian Nusser ist Chefredakteur von Heute. Vor der Pressekonferenz der ÖVP heute morgen hat er getwittert: „Jede Partei kann einladen wen sie will. Jede Redaktion kann autonom entscheiden, welche Termine sie besucht und welche nicht. Wir sind heute Vormittag verhindert.“

 

Es gibt diese Momente, wo man auch etwas ganz anderes tun will, als in Akten zu wühlen, bis die Augen erröten. Daher ein ganz abseitiger Buchtipp: „Das Lachen im alten Rom“ der grandiosen Altertumswissenschafterin Mary Beard. Es ist ihre Vorlesung aus Berkeley, die zeigt, wie schon vor 2000 Jahren Satire und Humor die Menschen entspannte.

 

ORF 2, 20.15 Uhr: Die Wahlkonfrontationen gehen weiter. Es diskutieren:

  • Sebastian Kurz, ÖVP – Werner Kogler, Die Grünen
  • Norbert Hofer, FPÖ – Peter Pilz, JETZT
  • Pamela Rendi-Wagner, SPÖ – Beate Meinl-Reisinger, NEOS
  • Werner Kogler, Die Grünen – Peter Pilz, JETZT
  • Sebastian Kurz, ÖVP – Norbert Hofer, FPÖ

ATV, 22.20 Uhr: In „Reality Check“ geht es diesmal um die SPÖ und Pamela Rendi-Wagner.

ORF 3, 22.40 Uhr: In der klingenden „Runde der Wahl[Duell]BeobachterInnen“ werden die TV-Duelle aus ORF 2 analysiert.

PULS 4, 22.45 Uhr: In der Diskussionssendung Pro & Contra sind diesmal die Tierschutzsprecherinnen und -sprecher zu Gast, Thema ist also der Tierschutz. Es wird unter anderem darum gehen, ob sich Fleischkonsum und artgerechte Tierhaltung vereinbaren lassen.

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