Durchblick

Peter Iwaniewicz überlegt, was er heutzutage röntgenisieren würde

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 36/18   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Zu den unerfüllten Wünschen meiner Kindheit gehörten der Schwimmkerl und die Röntgenbrille. „Endlich unsinkbar“ war der Reklametext einer patentierten Badehose mit aufblasbaren Luftpolstern, die auch schlechten Schwimmern ein angstfreies Erlebnis im Badeteich ermöglichen sollte. Und die Röntgenbrille war der verschwitzte Jungmänner-Traum, mit dem man angeblich anderen Menschen – also Frauen – unter die Kleidung sehen konnte.

Delfine hingegen brauchen solchen Spielzeugkram gar nicht, denn sie können beides: Sie sind quasi unsinkbar und besitzen einen Röntgenblick.

Obwohl jeder diese Säugetiere kennt, weiß man eigentlich nicht so viel über sie. Erst vor Kurzem fand man heraus, dass sie beim Schwimmen, um den Strömungswiderstand gering zu halten, alle zwei Stunden ihre äußeren Hautzellen erneuern. Seitdem interessiert sich auch die Kosmetikindustrie für sie.

Und obwohl sie äußere Ohröffnungen haben, werden diese nicht mehr zum Hören verwendet. Töne werden vom Unterkiefer aufgefangen und über das Mittel- zum Innenohr geleitet.

Die Nasenlöcher sind zu einem Blasloch verschmolzen und die Stimmlippen liegen gleich darunter. Damit können sie Töne im Ultraschallbereich bis zu 130 Kilohertz erzeugen und mit den Schallwellen weiche Objekte durchdringen. Auf diese Weise können sie in andere Tiere „hineinsehen“, nur von Knochen und Knorpeln werden die Schallwellen zurückgeworfen. Das kann sehr praktisch sein, um beispielsweise festzustellen, ob ein Hai gerade einen vollen Magen hat oder doch sehr hungrig ist. Auch schwangere Weibchen werden so frühzeitig von den anderen Mitgliedern der Gruppe erkannt, und im Meeresboden eingegrabene Fische lassen sich bis zu einer Tiefe von einem Meter im Sand aufstöbern.

So ein Röntgenblick ist überaus praktisch, was man von der Röntgenbrille nicht sagen konnte. Durch sie sah die Welt wie ein Fernsehbild Anfang der 60er-Jahre aus: grau, verschwommen und mit Doppelbildern, die einem glauben ließen, unter den Konturen der Kleidung seines Gegenübers auch noch die Körperumrisse zu sehen.

Da weder die Hose noch die Brille das erwartete Ergebnis lieferten, wurden sie auf der inneren Wunschliste schnell durch andere, ebenso vergängliche Produkte wie die Zaubertafel, Slime und Klick-Klack-Kugeln verdrängt. F


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