Reiseführer

Peter Iwaniewicz findet, er ist im Falter ein echter Endemit

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 28/18   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Und da ist sie wieder, die Reisezeit. 2016 zählte die World Tourism Organisation weltweit 1,23 Milliarden grenzüberschreitende Reisen. Schließen wir bei der Definition des Begriffs Zeitreisen, Expeditionen und fluchtgetriebene Wanderbewegungen aus, dann werden global jährlich mehr als 1,2 Milliarden US-Dollar damit umgesetzt. Die beliebtesten Reiseziele dabei sind Frankreich, die USA und Spanien.

Auch Tiere reisen, werden verschleppt oder breiten sich aus. Ersteres tun sie nicht mit Absicht, aber so wurde die flugunfähige Südliche Eichenschrecke im Jahr 1900 in Wiener Neustadt in einem Eisenbahnwaggon eingeführt. Mittlerweile gibt es sie in allen Bundesländern, die Anreise erfolgt jetzt aber meistens mit den aus dem Mittelmeerraum kommenden Autos. Andere Zuwanderer wie Höckerschwäne, Fasane und Mandarinenten gelten bereits als akzeptierte Teile der österreichischen Fauna, während die Spanische Wegschnecke als regionsweise häufigste Schneckenart wohl nie unsere Molluske der Herzen werden wird. Tiere mit sehr großen Verbreitungsgebieten nennt man in der Biogeografie Kosmopoliten. Der Begriff ist seltsam ungenau, denn auf allen Kontinenten und Meeren kommt tatsächlich nur der Mensch – und seine in ihm reisenden Parasiten – vor. Der gegensätzliche Ausdruck dazu ist Endemit, also ein Lebewesen, dass nur in einem begrenzten Gebiet vorkommt. Wie immer bereitet diese Form von regionaler Kleindenkerei Probleme, weil es bedeuten kann, dass diese Tiere entweder nur in einem bestimmten Tal oder „nur“ auf einem Kontinent zu finden sind.

Die immer noch offene Frage ist, warum sich Lebewesen überhaupt ausbreiten. Im Mittelalter gab es die Vorstellung vom Horror Vacui, wonach die Natur keine leeren Räume duldet. Bloß warum bleiben Lebewesen nicht einfach dort, wo die Bedingungen freundlicher als in der Tiefsee, einer Höhle oder der Arktis sind? Und wieso kehren Zugvögel wie Störche nach einer Überwinterung in Afrika in genau dasselbe Nest wieder zurück? Kann es das gleiche Gen sein, das Pensionisten nach Reisen in den Süden wieder in ihr Häuschen in Mistelbach bringt?

Rätselhaft sind auch die Ausbreitungsgeschwindigkeiten der einzelnen Arten: Die Bisamratte eroberte Mitteleuropa mit sechs Kilometern pro Jahr, während die Hainschnirkelschnecke ihr Areal jährlich um nur drei Meter ausdehnt.

Letzte, leicht zu beantwortende Frage: Wer könnte diese Tierreiserouten schließen?


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