Schau genau!

Peter Iwaniewicz ist lieber kapitolinische Gans als Kassandra

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 24/18   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

In der Medizin ist das Symptom der „Gesichtsblindheit“ bekannt. Menschen, die davon betroffen sind, können ihnen bekannte Personen lediglich anhand des Gesichts nicht erkennen. Die Ursache dafür liegt meist in Verletzungen bestimmter Bereiche des Gehirns.

Die mangelnde Fähigkeit, andere Tier- und Pflanzenarten wiedererkennen und benennen zu können, hat hingegen mehr mit Ignoranz und mangelnder Schulbildung zu tun.

2008 erhob eine Studie, die augenzwinkernd Bisa – Bird Identification Skill Assessment – genannt wurde, die Kenntnisse der häufigsten Vogelarten in Bayern von 3000 Schulpflichtigen. Im Durchschnitt erkannten die Schüler vier von zwölf Arten, 240 von ihnen sogar keinen einzigen Vogel.

Auch in Österreich ist die Kenntnis heimischer Vögel im Lehrplan der fünften Schulstufe vorgesehen. An einem steirischen Gymnasium wurde ein ähnlicher Test durchgeführt. Die mittlere Artenkenntnis lag bei zwei von zehn Vogelarten. 14 Prozent konnten keinen einzigen der gezeigten Vögel mit Namen benennen, und der am weitesten verbreitete (aber nicht der häufigste!) Vogel Österreichs, der Buchfink, war gerade einmal etwas mehr als zehn Prozent der Schüler bekannt. „Exotische“ Arten wie die Mönchsgrasmücke, die in Quizshows von den Kandidaten gerne für ein Insekt gehalten wird, kannten bloß zwei junge Steirer, wobei einer dieser beiden Sohn eines Ornithologen ist.

Sind das irrelevante Klagen über den Untergang des Abendlandes? Ein auf ein bestimmtes Thema zugeschnittener Befund, den man vermutlich mit ebenso schlechten Resultaten zu Fragen über Opernsänger, Hauptstädte anderer Länder und sonstige für die Bewältigung das Alltags und seiner Probleme irrelevante Themen erhält?

Dem gegenüber stehen neue öffentliche Aufgaben wie der Umgang mit invasiven Arten und dem Insektensterben sowie – um etwas Komisches unter diese Kassandrarufe zu mischen – die Schließung der Welpenroute. Dafür brauchte es auch in der Bevölkerung etwas mehr differenzierendes Wissen, als nur Hirsch und Kuh auseinanderhalten zu können. Artenkenntnis allein löst natürlich keine Probleme, doch sie ermöglicht es, dass man sich über eigene Wahrnehmungen überhaupt mit anderen unterhalten kann. Sonst bleibt man in seiner engen Welt der „grünen Dinger am Kohlrabi“ und „grauer Würmer, die einen vielleicht sicher gebissen“ haben, eingesperrt.

Artenblindheit kann man heilen! F


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