Salmas Wohnung

Eine syrische Frau wird in Wien von ihrem Ehemann ermordet, er setzt sich mit den vier Kindern ins Ausland ab und hinterlässt Polizei und Behörden ratlos

STADTLEBEN | SASKIA SCHWAIGER | aus FALTER 23/18   

Illustration: Bianca Tschaikner

Was ist zu tun, wenn das Allerschlimmste eintritt? Wenn man als Flüchtlingshelferin die Zeitungen aufschlägt und sich denkt: Bitte, lass das nichts mit unseren Familien zu tun haben. Wenn man am nächsten Morgen einen Anruf erhält von einem jungen Mann, dem man vor zwei Jahren eine Heizung in die kalte Wohnung gestellt hat und dessen Frau man nach der Geburt zur Seite gestanden ist, und dieser Mann sagt: „Bitte, kannst du helfen? Meine Schwester wurde ermordet.“

Das Schlimmste ist eingetreten. Eine syrische Frau ist mitten in Wien, im Netzwerk von Freunden und Helferinnen, in ihrer eigenen Wohnung erstochen worden. Es geschah Ende November letzten Jahres. Der mutmaßliche Täter, ihr Ehemann, hat sich mit den vier Kindern ins Ausland abgesetzt. Trotz internationaler Polizeifahndung ist er verschwunden.

Die Verstorbene, Salma* (* Namen von der Redaktion geändert), 31, war eine fröhliche, selbstbewusste und charismatische Frau. Ich lernte sie im Spital kennen, kurz nach der Entbindung ihrer Schwägerin, wir saßen gemeinsam am Bett der Wöchnerin auf der Station und teilten das Essen, das Salma in unzähligen Plastikdosen mitgebracht hatte. Sogar Kuchen war dabei. Es war ein lustiger, ausgelassener und besonderer Nachmittag, ein Nachmittag unter Frauen. Wir sprachen über Kinderkriegen in Syrien und was Kaiserschnitt auf Arabisch heißt. Sie erzählte vom Camp in Oberösterreich, und dass sie soeben eine Wohnung in Wien gefunden hatte, um in der Nähe ihrer Brüder zu sein. „Wir sind bald Nachbarinnen“, lachte sie. Das war Anfang Februar 2016.

Ich erfuhr erst später, dass sie tatsächlich bald darauf nach Wien gezogen ist. Dass die Kinder im Bezirk in die Schule gingen. Vielleicht habe ich die Mädchen in der Früh mit den Schultaschen gesehen, vielleicht Salmas Mann Said* am Gemüsemarkt, nicht wissend, dass da ein Mann steht, der daheim seine Frau schlägt und ihr auflauert, der ihr droht, mit den Kindern nach Syrien zurückzugehen. Ich wusste das alles nicht, bis zu diesem Anruf. „Ja“, sage ich. „Natürlich helfe ich dir. Was kann ich tun?“ Es gibt viel zu tun, wenn ein Mensch durch Gewalt stirbt. Telefonate mit der Polizei und dem Staatsanwalt, mit dem Notar und der Gerichtsmedizin. Unser Netzwerk startet einen Spendenaufruf für die Beerdigungskosten bis endlich – nach sieben Tagen – die Leiche freigegeben wird. Die Beerdigung ist Anfang Dezember. Wir sitzen lange im Bus, um zum islamischen Friedhof am Stadtrand zu gelangen. Es ist kalt an diesem Vormittag, der erste Schnee bedeckt die Wege, die zwischen den unscheinbaren Grabstellen angelegt sind. Die Freunde des Helfernetzwerks sind mitgekommen.

Im Friedhofsgebäude haben sich im Frauenbereich die engsten Verwandten eingefunden: Salmas Schwester aus Tirol, ihre Schwägerin, die Nachbarin und zwei österreichische Frauen, die – wie sich herausstellt – ehrenamtliche Helferinnen aus der oberösterreichischen Kleinstadt sind, in der Salma nach ihrer Flucht zwei Jahre lang gelebt hat. Die wartenden Frauen sitzen und flüstern leise. Stück für Stück ergänzen sich die Geschichten, ein schemenhaftes Bild entsteht über das, was geschehen ist: Said hat Salma getötet, als die Kinder in der Schule waren, er hat eine falsche Nachricht von ihrem Handy abgesetzt, um die Familie abzulenken, er hat die Pässe der Kinder unter einem Vorwand an sich genommen, er ist mit den Kindern unterwegs in die Türkei. Das letzte Lebenszeichen ist eine Whatsapp-Nachricht des ältesten Kindes am Tag nach der Tat: „Onkel, wo seid ihr?“, fragt der Elfjährige darin. „Wir sind bald in Istanbul, wo ist Mama?“ Seither sind alle Handys abgeschaltet.

Im Nebenraum findet die rituelle Waschung statt, zwei Frauen der Familie helfen dabei. Sie sind verstört, als sie wieder herauskommen. Sie tuscheln: Habt ihr die Einstiche gesehen? Die Verletzung am Mund? Was ist da bloß passiert? Draußen stehen die Männer. Sie rufen: „Ihr müsst sie fotografieren, sie glaubt es nicht, Mutter glaubt es einfach nicht.“ Die Trauergäste fahren zur Wohnung der Brüder zurück. Ali*, der ältere, versucht eine Verbindung über Skype nach Syrien herzustellen. Die jüngere Schwester hebt ab, sie ist tränenüberströmt, sie gibt den Hörer weiter an eine Frau mit schwarz-weißem Kopftuch. Sie bewegt den Kopf ruckartig. Sie spricht mich direkt an. Sie dankt. Wie sagt man herzliches Beileid? Ich fühle mich so hilflos.

Als zwei Wochen später noch immer keine Nachricht über den Verbleib der Kinder da und die Wohnung noch immer polizeilich versiegelt ist, gehen wir zum Staatsanwalt. „Leiche – dringend“ steht auf dem Akt, der zu diesem Zeitpunkt schon mindestens sieben Zentimeter dick ist. Die Polizei scheint mehrmals in der Wohnung Spuren genommen zu haben, ein erster Befund des Gerichtsmediziners ist beigefügt: 24 Stich- und Schnittverletzungen, vor allem am Oberkörper, massive Abwehrverletzungen. Zwei sichergestellte Messer, es sind Küchenmesser, rosa und grün. Eines davon ist Salmas Gemüsemesser. Klebebänder, blutige Wäsche. Aber hier steht auch: Keine der Stichverletzungen war tödlich. Salma ist verblutet.Hastig durchblättern wir die Polizeiberichte. „Vorsicht“, sagt die Kanzleibedienstete, als es bereits zu spät ist, „da sind Fotos drinnen.“ Ich klappe den Akt schnell zu. Salmas Bild begleitet mich durch die dunklen Wintertage. Wenn ich an ihrem Haus vorbeigehe, atme ich tief ein und schicke einen Seufzer nach oben. Die Wohnung ist dunkel, noch immer hat die Polizei die Ermittlungen nicht abgeschlossen.

***

Es war keine Liebesheirat gewesen zwischen Salma und Said, sondern eine arrangierte Ehe, wie sehr oft in Syrien. Die beiden waren Cousin und Cousine. Bei uns heiratest du keinen Mann, sondern immer eine Familie, erklärte mir einmal eine syrische Freundin. Familie, das ist soziale Orientierung und Versicherung für alle Lebenslagen, die Bank für die Betriebsgründung und die Pensionskasse. Sie mischt mit bei der Eheschließung und gibt frei, wenn geschieden werden soll. Und es gibt immer zwei Familien, die mitreden. Auch in Salmas Leben. Aber was wusste die Familie? Was war der Grund für die Tötung? Warum hat er nicht einfach die Kinder genommen und ist gegangen? Warum musste Salma sterben? War es wirklich die Krankheit, über die getuschelt wird?

Said hatte Anfang der Zweitausender in Dubai gutes Geld verdient und war nach Syrien zurückgekehrt, um zu heiraten. Die Wahl fiel auf Salma, die älteste von fünf Kindern seines Onkels. Sie war schön und jung und hatte ihre Ausbildung als Lehrerin gerade abgeschlossen. Anfangs sahen sich die beiden kaum: Said arbeitete weiter in Dubai und kehrte erst 2010 endgültig zurück. Hier tauchen erstmals Berichte über eine psychische Krankheit auf: Er sei in einer Klinik gewesen, habe halluziniert, Streit mit der Ehefrau, schon damals, in Syrien. Vier Kinder wurden geboren, dann kam der Krieg.

Herbst 2014

Salma wagt mit ihrer Familie die Flucht nach Europa. Der Weg ging lange übers Mittelmeer, vom Süden der Türkei bis nach Italien. Es muss dramatisch gewesen sein, was sich in dem völlig überladenen kleinen Boot am offenen Meer abspielt: zwölf Tage und Nächte auf dem Wasser, Salma hält abwechselnd die Kinder auf dem Arm, sie sind klein: zwei, drei, fünf und acht Jahre alt. Said hockt regungslos auf dem Boden, reißt sich irgendwann die Kleider vom Leib, schreit um sich und will sich ins Wasser stürzen, er wird von den anderen Männern zurückgehalten. Ein psychotischer Schub? Ein inszenierter Verzweiflungsakt? Tatsächlich ein Selbstmordversuch?

Er hatte seine Medikamente nicht, sagte Salma. Im italienischen Flüchtlingsheim folgt die nächste merkwürdige Aktion: Said nimmt heimlich die Pässe und das Geld der Familie und verschwindet. Erst Tage später findet Salma ihn in einem Heim. Sie bringt ihn in die psychiatrische Ambulanz. „Es war, als hätte Salma fünf Kinder“, beschreibt Erika, die die Familie im oberösterreichischen Flüchtlingsquartier aufnimmt und in den ersten Wochen und Monaten nach der Ankunft in Österreich betreut. „Sie hatte monatelang chronische Schmerzen in der rechten Schulter, weil sie ständig die Kinder auf dem Arm herumgetragen hatte.“ In der oberösterreichischen Kleinstadt kommt die Familie zur Ruhe. Es gibt ein stabiles Helfernetzwerk im Umfeld der Kirche, Schule, Sprachunterricht. Salma lernt rasch Deutsch und wird wichtig als Dolmetscherin, als einige Monate später viele neue Flüchtlinge aus Syrien ankommen.

Während Salma der Liebling aller ist, Freundschaften knüpft und als Vermittlerin unersetzlich ist, sitzt Said herum und wartet. Der Versuch, den österreichischen Führerschein zu erwerben, scheitert. „Ich bin nicht mehr wert für euch als ein Tisch“, sagt er einmal frustriert. In Oberösterreich lässt er sich in einer Ambulanz behandeln, wo ihm eine „akut psychotische Störung“ und „posttraumatische Belastungssituation“ attestiert und Medikamente verschrieben werden. Welche Medikamente er wirklich nahm, weiß keiner so genau. Er selbst gibt beim Antrag auf Führerschein-Zulassung nur Medikamente gegen Depressionen an. Sobald der positive Asylbescheid da ist, zieht die sechsköpfige Familie nach Wien, wo Salmas Brüder leben.

Weihnachten 2017

Ein Monat ist vergangen seit dem Mord. Es gibt Neuigkeiten aus Syrien: Nachbarn der Eltern von Salma erzählen, Said sei schon zwei Tage nach dem Mord über die Türkei nach Syrien eingereist und prahle, dass er alle ausgetrickst habe. Mittlerweile befinde er sich in seiner Heimatstadt. Es ist auch die Heimatstadt von Salma und ihren Eltern. Zwei Männer seien beim Haus der Mutter aufgetaucht, entfernte Verwandte von Said. Sie sagten, dass es den Kindern gut gehe, dass sie in Syrien seien. Und sie boten Geld an für den Verlust der Tochter. Allerdings: Die Familie solle dafür die Verfolgung des mutmaßlichen Mörders unterlassen.

In meiner Verwirrung recherchiere ich nach: freikaufen? Wie kann die Familie des Opfers den Täter auslösen? Tatsächlich gibt es offenbar ein entsprechendes Gesetz in der traditionellen Scharia-Rechtsprechung in Saudi-Arabien – aber das hier ist Syrien 2017, ein Land im Krieg, aber ein Land mit säkularem Rechtssystem. Und Mord ist in Syrien ein Offizialdelikt, das mit der Todesstrafe bedroht ist. Was ist hier Gesetz? Was ist Tradition? Was ist hier eigentlich los?

„Niemals!“, sagt Salmas Mutter zu den Männern, die ihr Geld anbieten. „Um kein Geld dieser Welt darf der Mörder meiner Tochter freikommen.“ Sie ist schon am Tag der Beerdigung zur syrischen Polizei gegangen, um den Mord an ihrer Tochter zu melden. Jetzt herrscht offene Konfrontation zwischen den beiden syrischen Familien.

Am 28. Dezember 2017 wird der internationale Haftbefehl auf Said und alle vier Kinder ausgedehnt. Die Kinder stehen unter Obsorge der österreichischen Jugendwohlfahrt.

***

Ich besuche Ali, den Bruder von Salma, dem wir vor zwei Jahren die Heizung organisiert hatten, und seine Frau Maryam*. Das Baby von vor zwei Jahren ist groß geworden und plappert schon, im Fernsehen läuft eine arabische Zeichentrickserie. Auf dem Sofa links bleibt immer ein Platz frei, es ist Salmas Platz. Fast täglich ist sie vormittags hier gesessen, es war ihr zweites Zuhause. In ihrer eigenen Wohnung fühlte sie sich in den vergangenen Monaten nicht mehr sicher.

Denn ab Jänner 2017 beginnt sich die Situation zwischen Said und Salma zuzuspitzen: Said verschwindet eines Tages spurlos mit dem gesamten Ersparten der Familie, darunter ein Teil von Salmas Mitgift. Es ist viel Geld, mindestens 5000 Euro. Er taucht nach wenigen Tagen wieder auf. Ohne Geld. Salma ist fassungslos und stellt ihn zur Rede: Er erzählt großspurig, dass er mit dem Taxi bis nach Norddeutschland zu seiner Schwester gefahren ist und den Neffen und Nichten jeweils 500 Euro in die Hand gedrückt hat. Sie beschimpft ihn, die Wogen gehen hoch, er fühlt sich bedrängt und klettert aufs Fensterbrett und droht hinunterzuspringen. Es ist das erste Mal, dass Salma die Polizei ruft, wobei die Situation nicht einer gewissen Komik entbehrt: vom Fensterbrett bis zum Gehsteig sind es zweieinhalb Meter. Doch so lächerlich seine Auftritte nach außen wirken, für Salma wird Said zunehmend gefährlich. Sie erzählt niemandem, dass er regelmäßig zuschlägt: „Ich bin ausgerutscht“, behauptet sie im Frühjahr gegenüber den Brüdern, als sie sich beim Hinsetzen voller Schmerz an die Hüfte fasst. Auch Erika, die Wahloma aus Oberösterreich, erfährt nicht davon. „Wir ahnten einfach nicht, in welcher Gefahr sie sich befand“, sagt sie heute bitter.

Die erste dokumentierte gefährliche Drohung erfolgt Anfang März 2017. Er setzt ihr das Messer an den Hals und kassiert daraufhin ein paar Tage U-Haft. Aufgrund der richterlichen einstweiligen Verfügung folgt ein längeres Betretungsverbot. Er zieht in eine Männer-WG in einen anderen Bezirk. Doch trotz des Betretungsverbots wird er im Umkreis der Wohnung gesehen, er kauert im Innenhof des alten Mietzinshauses oder wartet auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wenn es dämmrig wird, stundenlang, immer den Blick zum Fenster gerichtet.

Eine fixe Idee manifestiert sich in seinem Kopf: Seine Frau sperrt ihn aus, weil sie einen anderen hat. Es ist schwer zu sagen, ob er wirklich daran glaubt oder einen Grund sucht, um sein Handeln zu rechtfertigen. Er läutet mehrmals nachts Salmas Brüder aus dem Schlaf und will sie zwingen, zur Wohnung zu gehen, um den fremden Mann aufzuspüren. Eines Nachts geht Salmas Bruder tatsächlich zur Wohnung, um nachzusehen. Er findet Salma und die Kinder ruhig schlafend in ihren Betten. Denn da ist kein anderer Mann, da ist nur eine Frau, die ruhig schläft, weil sie sich endlich gegen ihren gewalttätigen Mann zur Wehr zu setzen weiß.

Salma will kein Opfer sein. Sie tut jetzt, was zu tun ist, um sich und die Kinder zu schützen. Sie nützt die Besuche der Sozialarbeiterin, um sich über ihre Rechte zu informieren, sie richtet ein eigenes Konto ein, auf das die Sozialhilfe und das Kinderbetreuungsgeld eingezahlt wird. Sie erkundigt sich über die Chancen, den Mietvertrag auf sie umzuschreiben. Sie beginnt, ihr Leben Stück für Stück von seinem zu entkoppeln. Ende Juni endet das polizeiliche Betretungsverbot. Noch am selben Tag taucht Said bei Salma auf und bedroht sie erneut mit dem Messer. Schreit sie an, mit wie vielen Männern sie geschlafen habe, während er fort war. Salma entwendet ihm das Messer. Doch die Polizei ruft sie erst beim nächsten Mal Anfang Juli, als er sie erneut mit dem Messer bedroht. Ich bring dich um! Die Aussage bringt ihn diesmal vier Wochen lang in U-Haft.

Endlich fühlt Salma so etwas wie Sicherheit. Es ist Sommer. Die Sonne scheint und die Kinder haben schulfrei. Sie fährt zum ersten Mal mit den Kindern allein auf Urlaub nach Tirol zur Schwester und zu Oma Erika nach Oberösterreich. Es geht ihr gut und sie fasst den Entschluss, sich endgültig zu trennen. Schritt für Schritt bereitet sie die Papiere für die Scheidung vor. Doch so wie Hochzeit in Syrien keine Zweierangelegenheit ist, ist es auch die Scheidung nicht. Sie berät sich mit ihrer Familie, wägt ab, was zu tun ist. Es wird wohl viel telefoniert zwischen Syrien und Österreich. Salmas Mutter bestärkt sie, dass sie die Scheidung einreichen soll, die Familie von Said macht Druck in die andere Richtung. Wir wissen nicht genau, was gesprochen wird. Aber es ist anzunehmen, dass es vor allem um die Kinder geht.

Der Scheidungstermin ist der 7. September 2017. Beide erscheinen vor Gericht, Said überraschenderweise mit einer Anwältin. Er bringt vor, dass er Beweise hätte, für Salmas Untreue. Doch die Tonaufnahmen, die das belegen sollen, enthalten Kindergeplapper und einen Streit zwischen ihm und Salma. Mehr nicht. Zwei Tage später, am 9. September 2017, erscheinen die Eheleute wieder vor Gericht und erklären, den Scheidungsantrag zurückzuziehen. Für die Richterin völlig unverständlich, für die Sozialarbeiterin ein schwerer Fehler. Hat die Familie in Syrien Salma überredet, die Scheidung zurückzuziehen? Was ist passiert zwischen 7. und 9. September?

Die Brüder sagen, sie habe Angst gehabt, das Jugendamt würde ihr die Kinder nehmen, wenn sie sich scheiden lässt. Doch dafür bestand kein Anlass: „Salma war though und gut organisiert, wir hatten keinen Zweifel, dass sie die Kinder allein erziehen kann“, erzählt die Sozialarbeiterin vom Jugendamt. Offenbar dürfte Saids Familie aber diese Angst bewusst geschürt haben. Ein Chat zwischen Salma und Said vom 8. September, dem Tag nach dem ersten Scheidungstermin, zeigt die Diskussion um die Obsorge: „15.000 und ich krieg die Kinder, du kannst sie jederzeit besuchen“, schreibt Said seiner Frau. „Um kein Geld dieser Welt gebe ich dir die Kinder“, schreibt Salma zurück. „Nie im Leben.“ Dieser Satz könnte ihr Todesurteil gewesen sein.

Salma erklärt, sie wolle es noch einmal versuchen. Said kehrt in die Wohnung zurück, unter strengen Auflagen: Er muss seine Medikamente nehmen und regelmäßig zum Psychiater, die Kontrollen durch das Jugendamt sind jetzt engmaschiger. Said bemüht sich – oder er gibt es zumindest vor. Er geht einkaufen, bringt die Kinder in die Schule, zeigt sich zuvorkommend. Nur in der Nacht sitzt er vor dem Fernseher und schaut amerikanische Crime Stories, blutrünstige Serien aus dem Internet, schlaflos, ketterauchend.

Jänner 2018

Die Ermittlungen der Polizei in der Wohnung sind abgeschlossen. Die Brüder dürfen in Salmas Wohnung, um ihre persönlichen Dinge zu holen, bevor sie an die Vermieterin zurückgegeben wird. In der Wohnung ist zwei Monate nach der Tat alles so, wie die Polizei es hinterlassen hat. Schwarzes Pulver, wo Spuren gesichert, kleine, aufgeklebte Pfeile mit Nummern, wo wichtige Beweismittel entnommen worden sind. Im Vorzimmer liegen noch die Schultaschen der Kinder, eilig hingeworfen, als könnten sie jeden Augenblick bei der Tür hereinkommen.

Die Schultaschen sind unberührt: Da stecken die leeren Jausenboxen drinnen, das zerknitterte Stanniolpapier, das Turnzeug, die Übungshefte. Das Heft ist in gestochener, gerader Volksschulschrift gehalten, kein Fleck, kein Tintenkiller. Salma war eine strenge Mutter: Sie hielt die Kinder zum Lernen an, sie bezahlte eine Nachhilfelehrerin, die mehrmals wöchentlich mit den Kindern zu Hause übte. Dann setzte sie sich dazu und schrieb selbst seitenlange Texte ab, um Deutsch zu lernen. Salma stammte selbst aus einer Lehrerfamilie und wusste, dass die Schule die einzige Chance für ihre Kinder ist. Sie wollte, dass der Älteste ins Gymnasium kommt, im Februar standen die wichtigen Zeugnisse an.

Im Wohnzimmer tanzen ein paar Staubkörner im Sonnenlicht. Links steht das große Familiensofa, auf dem Said gesessen ist, Tag und Nacht und geraucht hat, in der linken Hand die Fernbedienung, rechts die Zigarette. Der Aschenbecher ist am Tag des Mordes offenbar auf dem Sofa gestanden, er liegt jetzt umgekippt auf dem Teppich, die Asche verteilt sich in der Wolle. Rechts hinter der Tür ist der kleine Tisch mit einer Bank und niedrigen Hockern: Salmas Platz und der der Kinder. Ein karierter Collegeblock liegt auf dem Tisch mit Übungssätzen. Salmas B2-Deutschbuch. Unter „Ergänzen Sie die Sätze“ schreibt sie: Ich vergesse nie – mit meiner Mutter zu telefonieren. Und: Ich versuche immer – viel Information zu bekommen. Und: Ich habe selten Zeit – die Fenster zu putzen.

Und dann, ganz obenauf, liegt dieser Zettel, eines der Kinder hat ihn geschrieben: „Meine Mutter heißt Salma“, steht da mit Füllfeder geschrieben. „Sie trägt am liebsten ein blaues Kleid und ein blaues Kopftuch.“ Und: „Ich mag meine Mutter, sie ist immer nett und lieb.“

Im Schlafzimmer der Kinder sind die Vorhänge zugezogen, zwei Stockbetten, die flauschigen Überdecken sind zurückgeschlagen, darin noch die Kuscheltiere, am Boden liegen Jacken durcheinander, eine gepackte Reisetasche wurde durchwühlt, aber stehengelassen. Die Kinder haben an diesem Freitag ihr Zimmer in der Früh verlassen, nicht ahnend, dass sie nie zurückkehren sollten.

Am Küchentisch steht ein verschlossenes Kilo Mehl universal, daneben ein Packerl Mozzarella, mittlerweile prall und vergoren. „Said geht Mehl einkaufen, ich backe noch schnell was, wenn ich euch im Spital besuche. Wir treffen uns um elf“, schreibt Salma am 24. November um 7.30 Uhr kurz vor ihrem Tod via Whatsapp.

Dann bricht der morgendliche Chat zwischen ihr und ihren Brüdern ab. Die nächste Nachricht folgte um 10.45 Uhr. Sie könne doch nicht kommen, schreibt (vermeintlich) Salma. Erika, die Freundin, habe einen schweren Unfall gehabt, sie müsse zu ihr nach Oberösterreich. „Es geht ihr schlecht“, schreibt sie. „Vielleicht muss sie sterben.“ Im Nachhinein ist klar, dass Salma zu diesem Zeitpunkt selbst im Sterben lag. Vermutlich hat ihr Mörder diese letzte Nachricht abgesetzt und dadurch zwei Tage Zeit gewonnen, um der Polizei und den Grenzbehörden zu entkommen.

Der Geruch aus dem Kühlschrank ist unerträglich nach so langer Zeit, hier schimmelt alles vor sich hin. Am Elektroherd steht eine Teekanne aus Metall. Die Flüssigkeit darin ist gelb und dickflüssig. Was ist dieser Bodensatz? Zucker? Eine einzige Tasse steht daneben. Im Kühlschrank ein Glas, in dem Tabletten aufgelöst wurden. Hat er ihr im Tee, den sie so liebte, ein Betäubungsmittel verabreicht? Schlaftabletten vielleicht? Schmerzmittel?

Dann das Schlafzimmer. Das Bett. Das Blut. Ihr Blut. Es ist so viel Blut in der Mitte des Betts, im Leintuch, auf der Matratze, den zerwühlten Decken, am Holz beim Kopfende des Bettes. Schnitte im Vorhang. Ein einzelner Haargummi. Es ist ganz still.

Auf das Nachtkästchen wurde ein kleines Schälchen gestellt, feinsäuberlich mit Silberpapier ausgekleidet. Grillkohle liegt darin, sie ist halb verbrannt und daneben klebrige, bröslige Asche. Es riecht ein wenig nach Weihrauch.

Links im Kleiderkasten hängt Salmas blaues Jeanskleid. Meine Mutter heißt Salma. Sie trägt am liebsten ein blaues Kleid und ein blaues Kopftuch. Der Ärmel ist nach außen gestülpt, so, als hätte sie es soeben in den Kasten gehängt.

Mitte Februar 2018

Die Polizei in Deutschland vermeldet einen vermeintlichen Fahndungserfolg: Auf der Autobahn wird bei Leipzig ein Mann verhaftet, der sich mit dem Pass des international gesuchten Mörders ausweist. Die Familie kann es zunächst nicht glauben, dann kommt die Erleichterung. Vor der Überstellung nach Österreich aber bitten die österreichischen Fahnder die deutschen Kollegen, bei der Einvernahme gleich nach den verschwundenen Kindern zu fragen. Erst jetzt gibt der Mann zu, dass er den Pass in Griechenland von einem Schlepper gekauft hat. Es ist der falsche Mann mit Saids echtem Pass.

Die DNA-Analyse hat inzwischen bestätigt, dass Saids Spuren sich auf den Messern befunden haben und er damit höchstwahrscheinlich der Mörder von Salma ist. Die Polizei hat herausgefunden, dass Said zwei Tage vor der Tat in einem Reisebüro die Tickets für sich und die Kinder nach Griechenland gekauft und bar bezahlt hat. Es gibt – aufgrund der präzisen Vorbereitungen zum Zeitpunkt der Tat – für die Polizei keinen Zweifel daran, dass er zurechnungsfähig war.

Am 19. März wird das Ermittlungsverfahren gegen Said „wegen Abwesenheit des Beschuldigten“ unterbrochen, die internationale Fahndung nach ihm und den Kindern bleibt weiter aufrecht.

Salmas Wohnung ist ausgeräumt. Die blutigen Matratzen sind längst auf dem Sperrmüll, die Kinderkleidung und die Stofftiere, der ganze Hausrat bei der Caritas. Das Aussortieren und Putzen hat über zwei Wochen gedauert, dann sind auch die letzten Spuren getilgt. Es ist jetzt so, als ob diese Familie nie in Österreich gelebt hätte, sagt Salmas Bruder, Ali, traurig. Er will fortziehen aus der Gegend, in der ihn alles an seine verstorbene Schwester erinnert.

Sechs Monate sind vergangen seit dem Mord. Aus Syrien dringen Gerüchte, dass Said sich in einem Vorort ihrer Stadt aufhält, geschützt durch seine Familie. Es herrscht Gesetzlosigkeit in vielen Gebieten des Landes, die nicht durch die Regierung kontrolliert werden. Dort kommt die Polizei nicht hin, auch wenn man sie ruft. Nicht einmal, wenn es einen internationalen Haftbefehl wegen Mordes und der Entführung Minderjähriger gibt. Es ist Krieg in Syrien, hier gibt es Tausende, die schon getötet haben. Es heißt, Said habe nie bestritten, dass er Salma umgebracht hat. Es heißt weiters, dass er auf Fragen, warum er sie getötet habe, die Antwort gibt: „Gott hat es so gewollt“.

Said, so heißt es dieser Tage, habe abermals geheiratet. Es gebe viele alleinstehende Frauen, wegen des Krieges und der Diaspora nach Europa und den Rest der Welt. Die Kinder, so wird erzählt, wohnten derweil bei Verwandten ihres Vaters an einem anderen Ort, ein Dorf mitten in den Rebellengebieten ohne Fernsehen, ohne Internet, ja ohne Strom, auch ohne Schule. Die Kinder wüssten noch immer nicht, dass ihre Mutter tot ist.

Auf die Frage, wo denn seine Mutter sei, habe der elfjährige Mahmud den Leuten geantwortet: „Die Polizei hat sie nicht ausreisen lassen, sie lebt in Österreich. Sie wird bald kommen.“ Österreich sei so ein schönes Land. Er vermisse Wien, erzählt der Bub, sein Bett, seine Lehrerin und die Straßenbahn. In seiner Hosentasche trägt er ein kleines Foto. Es ist das Bild seiner Mutter. F


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