Geben und nehmen

Die Regierung reformiert die Mindestsicherung. Warum? Für wen? Wen will sie damit treffen – und wen trifft sie wirklich?

SIBYLLE HAMANN | aus FALTER 23/18   

Illustration: P.M. Hoffmann

Familie A. lebt im 20. Bezirk. Ein Ehepaar, fünf Kinder zwischen sieben und 15 Jahren. Sie kommen aus einer syrischen Kleinstadt, dort hatten sie ein Geschäft, im Krieg fiel eine Bombe drauf. Die A.s sind freundliche, ruhige Leute. Die Kinder gehen in die Schule, die Eltern gehen einkaufen, kochen, nehmen brav ihre vielen Termine bei Ämtern und Ärzten wahr, bezahlen ihre Rechnungen, nachmittags spazieren sie ein bisschen im Park, vormittags besuchen sie Deutschkurse. Sie bemühen sich, aber richtig viel geht da nicht weiter, es fehlen ihnen der Ehrgeiz und der Kontakt zu Einheimischen. Die lateinische Schrift war zu Beginn eine große Hürde, inzwischen sind sie, nach drei Jahren, auf Niveau A2 angelangt. Das ist nicht viel. Damit einen Job zu finden ist illusorisch. Doch Herr und Frau A. sind nicht ungeduldig. Aus ihrer Sicht passt alles. Sie sind dem Krieg entkommen und gesund, sie tun, was man von ihnen verlangt. Und sie bekommen jeden Monat 2459 Euro Mindestsicherung überwiesen, plus etwa 700 Euro Familienbeihilfe.

Familie A. tut niemandem weh. Trotzdem verletzt sie das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen. Die stehen womöglich um fünf Uhr früh auf, haben täglich mit grantigen Kunden oder cholerischen Chefs zu tun, hetzen als Taxler oder Pizzaboten durch den Verkehr oder mühen sich mit der Körperpflege dementer Patienten im Pflegeheim ab. Diese Menschen zahlen Einkommenssteuern und Sozialversicherungsbeiträge und kommen, trotz Überstunden, auf deutlich weniger als 2459 Euro Nettoeinkommen im Monat.

  2289 Wörter       11 Minuten
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