Abschied von den Super Märkten

Fast ein Jahr nach Ulli Simas „Merkblatt“ sind viele Wiener Marktstandler vom Warten auf die neue Marktordnung zermürbt – wenn sie nicht überhaupt aufhören. Ein Stimmungsbild

STADTLEBEN | GEORG RENÖCKL | aus FALTER 20/18   

Foto: Georg Renöckl

Mit enttäuschten Gesichtern hatten sie gerechnet. Die Woge von Trauer, Wut und Verzweiflung, die über sie hereinbrach, traf Gerhard Zoubek und Elmar Fischer-Neuburger dann aber doch unerwartet. Zu Jahresbeginn verkündeten der Gründer des Adamah-Biohofs und sein Schwiegersohn den Stammkunden, die trotz der Aussicht auf noch mehr Rüben, Kohl und Kartoffeln ihrem Markt auch im Jänner die Treue hielten, dass sie aufhören werden. Da wurde es emotional. „Das könnt ihr nicht machen!“, schimpften manche Kunden lautstark. Eine alte Dame, die jeden Samstag am Adamah-Stand ihren Einkaufstrolley füllte, jammerte: „Aber weiter als bis hierher kann ich doch nicht mehr gehen!“ Eine Kundin holte ihre Gitarre und sang zur Melodie des STS-Klassikers vom Großvater: „Adamah, kannst du net dobleibm mit dei’m Super-Sortiment …“ Die meisten waren einfach traurig, wie die zwei Biobauern, denen beim Schildern des Abschieds auch heute noch die Stimme zittert. 20 Jahre lang betrieb der Biohof Adamah seine Stände auf Wiens Wochenmärkten, dazu kamen ein fester Stand auf dem Vorgartenmarkt und zwei im Alleingang bespielte Wochenmärkte im 9. Bezirk. Die traurige Bilanz: „Wir haben einfach zu viel Geld auf den Märkten gelassen.“ Die mit dem Wetter schwankende Kundenfrequenz, der hohe Wareneinsatz, die Konkurrenz der Supermärkte und zuletzt die Registrierkassenpflicht – es ist sich einfach nicht mehr ausgegangen. Wer die beiden samstäglichen Biomärkte auf dem Sobieski- oder dem Servitenplatz einmal besucht hat, wird die Emotion verstehen: Mit den Märkten ist der Gegend auch ein riesiges Stück Lebensqualität verlorengegangen.

Nüchterner sieht man die Angelegenheit beim Wiener Marktamt: „Dafür können wir nichts“, lautet der lapidare Kommentar von Marktamts-Sprecher Alexander Hengl. So richtig zuständig fühlt er sich auch nicht: Die meisten der Wochen- oder Bauernmärkte, die mittlerweile zahlreiche Wiener Grätzel beleben, wurden von Bezirken, der Gebietsbetreuung oder von Vereinen ins Leben gerufen. In der Wiener Marktordnung, die auf 79 Seiten von der Standvergabe bis zur Abfallentsorgung penibel regelt, wie Märkte zu funktionieren haben, werden sie nicht erwähnt. Auch auf dem Online-Auftritt der Stadt Wien erfährt man nichts von den Wochen- und Bauernmärkten abseits der offiziellen Marktgebiete.

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