LOVE – HATE

Peter Iwaniewicz stimmt sich ein auf die Saison heftiger Gefühle

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 15/18   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Saisonbeginn! Fort aus der Vitamin-D-Mangel-bedingten Winterdepression, herbei mit den wieder erwachenden, zurückkommenden, aus dem Ei schlüpfenden Tieren. Jedes Jahr um diese Zeit überlege ich, ob ich mir so wie Robert Mitchum im Film „Die Nacht des Jägers“ die Wörter LOVE auf die Finger der rechten und HATE auf die der linken Hand tätowieren lassen soll. So könnte ich dann wie der von Mitchum dargestellte Wanderprediger Harry Powell durch die Lande ziehen und die tierische Frohbotschaft mit passenden Gesten unterstreichen.

Im Gegensatz zur gefühlten Wirklichkeit ist das Sommerhalbjahr die Zeit des Hasses. Aktuelle Wehklage: „Millionen“ von Marienkäfern haben in Ritzen und Spalten von Wohnungen und Gartenschuppen überwintert und rieseln jetzt tot oder halblebendig dem Wutbürger entgegen. Die sonst als „süß“ eingestuften Insekten werden – wenn sie in homöopathischen Dosen vorkommen – als Blattlausjäger geschätzt.

Das heißt aber auch, dass sie auch uns mit ihren Beißwerkzeugen durchaus kräftig zwicken können. So ein vulgäres Verhalten macht sie dann gleich viel weniger süß. Zudem verschmutzen sie die gute Stube, da ihr orangerotes Blut ebenso unschöne Flecken wie ihre Bisse Schmerzen hinterlassen. Wenn dann noch über den zuwandernden Asiatischen Marienkäfer gesprochen wird und die englische Bezeichnung „Ladybug“ die geschlechtliche Orientiertheit dieser Tiere infrage stellt, dann befindet man sich in einem richtigen Hass-Rodeo.

Liebevoller geht es ab November zu. Nässende, haarende und stechende Lebewesen haben sich zurückgezogen, und man bildet sich in TV-Dokumentationen fort. Diese zeigen bevorzugt Tiere mit Fell, Nase und Ohren, also Säugetiere. Sind diese bei uns heimisch, wie zum Beispiel der Maulwurf, dann ballt sich die Hand in der Tasche des Kleingärtners wieder zur Faust, wenn er hört, dass diese Insektenfresser pro Stunde einen Gang von zwölf Meter Länge graben können.

Wir lieben also exotische Säugetiere, vorzugsweise solche, deren Name schon die Erinnerung an einen Longdrink auf der Hotelterrasse in der DomRep wachruft: Capybara oder Aguti. Also eine Art riesiges Wassermeerschweinchen und ein stummelschwänziges Rattennagetier. Selbstverständlich werden sie in ihrer mittel- und südamerikanischen Heimat als Schädlinge gehasst. Dafür liebt man dort unsere Murmeltiere.

Musiktipp: „Love Is the Drug“ von Roxy Music.


Alle Artikel aus FALTER 15/18 finden Sie ab dem Erscheinungstag der Printausgabe im FALTER-Archiv.


ANZEIGE


FALTER 4 Wochen testen
×