Duftwasser

Peter Iwaniewicz muss immer überall anekeln

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 10/18   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Was machen Kolumnisten eigentlich den Rest der Woche, nachdem sie eine überschaubare Anzahl von Wörtern in den Textkäfig gesteckt haben? Ich ziehe mir dann das von der Gewerkschaft vorgeschriebene Tweedsakko mit Lederflecken an den Ellenbogen aus, fülle vegane Gummibärchen nach (Brainfood für Tierkolumnisten) und setze mich ans Ufer des Nachrichtenflusses. Dort beobachte ich, wie das kalte Medienwasser zahllose Presseaussendungen in den Orkus spült und fische im Trüben nach jenen Meldungen, die mir wie Schuppen vor die Augen fallen.

Die Zentrale Arbeitsgemeinschaft österreichischer Rinderzüchter hat erhoben, dass die aktuell lebenden Kühe am häufigsten Susi, Bella und Alma heißen. Man darf sich aber nicht von den Namen ablenken lassen, aufschlussreich ist der Hinweis auf die zeitliche Begrenztheit dieser Meldung. Für die Fleischherstellung werden Kälber nämlich mit drei bis fünf Monaten geschlachtet, und nach spätestens 150 Tagen gibt es bereits wieder eine ganz andere Namenshitparade.

Dieses Memento mori der Nutztierwelt finden viele Menschen ekelig. Der Neurowissenschaftler Marco Tullio Liuzza hat dieses Gefühl der Abneigung erforscht und meint, dass starker moralisch-sozialer Ekel vor allem bei jenen Menschen vorkommt, die konservativen, autoritären Ideologien anhängen. Seine Probanden ließ er zuerst Körpergerüche wie Atem, Achselschweiß, Fußgeruch, Kot, Urin und Blähungen bewerten und konfrontierte sie dann mit Aussagen wie „Unser Land braucht unbedingt einen starken Führer, der tut, was getan werden muss, um die neuen Einflüsse zu eliminieren, die uns ruinieren“. Aus den Antworten schloss er, dass jene Leute, die den Kontakt mit unangenehm riechenden Mitmenschen meiden, eher in einer autoritären, sozial getrennten Gesellschaft leben wollen. Kühne These. Ich hoffe sehr, dass niemand auf die Idee kommt, diese Studie bei uns in der U-Bahn-Linie 6 zur Stoßzeit im Sommer zu wiederholen.

Noch kühner ist eine Meldung über eine Studie der portugiesischen Universität Minho: In 45 europäischen Staaten hatte man die Zahl der Heavy-Metal-Bands pro Einwohner und den Human Development Index, den Wohlstandsindikator eines Landes, erhoben. Erkenntnis: Je weniger Parasiten (im Sinn von Krankheiten), desto mehr Heavy-Metal-Bands gibt es, weil gesunde Gesellschaften toleranter gegenüber Außenseitern seien. Pfff …

Und der Fluss fließt weiter.


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