„Die Wahrheit ist wie der Erdkern“

„Folgen Sie mir auffällig“: Kabarettist Florian Scheuba präsentiert sein zweites Soloprogramm

FALTER:WOCHE | STEFANIE PANZENBÖCK | aus FALTER 07/18   

Foto: Jan Frankl

Florian Scheuba ist mit seinem zweiten Soloprogramm zurück auf den heimischen Kleinkunstbühnen. Wie auch in „Bilanz mit Frisur“ geht es dem 52-jährigen Wiener um die Benennung von Missständen in Politik und Gesellschaft sowie um Satire als Befreiung von der Resignation. Im Mittelpunkt stehen Fake-News, aber auch Innenminister Herbert Kickl kommt vor. Ein Gespräch über die Sinnhaftigkeit des politischen Kabaretts.

Falter: Sie kündigen Ihr Programm mit dem Satz „Es ist ein Abend für Folger, Verfolgte und Unfolgsame“ an. In welche Kategorie fallen Sie?

Florian Scheuba: Verfolgt fühle ich mich nicht, weil ich die Freiheit habe zu machen, was ich will, gerade auf der Bühne. Bei den Folgern geht es mir darum, dass man mir bei meinen Gedanken folgen kann, weil ich noch immer den naiven Glauben habe, dass Satire nicht Selbstzweck ist, sondern etwas bewirken kann. Es ist ein nahezu rührender Glaube an die Aufklärung. Gleichzeitig bedeutet meinen Gedanken zu folgen nicht, dass man mir folgt.

Viele Kabarettbesucher sind mit dem Künstler auf einer ähnlichen Wellenlänge. Ist das dann noch Aufklärung?

Scheuba: Wahrscheinlich sind viele Zuschauer mit dem, was ich sage, einverstanden, aber ich würde das per se nicht abwerten. Jene Leute, die sich in den USA die Late-Night-Shows anschauen, sind in der Regel Gegner von Präsident Donald Trump. Trotzdem sind diese Shows sehr wichtig, weil die Zuschauer merken, dass sie nicht allein sind und dass es Menschen gibt, die nicht alles hinnehmen. Die Satire hat dort eine wichtige Oppositionsrolle übernommen. Lachen nimmt auch die Angst.

Gleichzeitig profitieren Satiriker von Figuren wie Trump oder einer türkis-blauen Regierung in Österreich.

Scheuba: Es ist ein bissl so, als ob man einen Arzt fragt, ob er sich auf die Grippewelle freut. So geht’s mir mit der neuen Regierung. Als Staatsbürger finde ich sie nicht gut, aber als Satiriker habe ich viel Arbeit. Was man tut, bekommt in diesen Zeiten mehr Gewicht. Man muss genau unterscheiden: Was ist wirklich ein Missstand und wo werden Nebelgranaten geworfen? Politische Satire muss immer auch einordnend wirken. Deshalb erstaunt es mich immer wieder, wie wenig thematisiert wird, dass der amtierende Innenminister Herbert Kickl Teilhaber einer Werbeagentur war, in der etwa Scheinrechnungen ausgestellt wurden. Als Satiriker denke ich mir, na dann muss man es halt noch einmal sagen und noch einmal, damit endlich etwas weitergeht.

Wer wird uns neben Kickl im neuen Programm noch begegnen?

Scheuba: Zum Beispiel eine Wiener Agentur, die gefälschte Postings verkauft hat. Firmen konnten dort Propagandapostings und Negativkampagnen bestellen. Die wurden dann in den sozialen Medien und in den Online-Foren großer Zeitungen eingesetzt. Das ist reine Manipulation. Doch kürzlich hat die Staatssekretärin im Innenministerium als Grund für Verschärfungen im Strafrecht Facebook-Postings genannt, denn die spiegeln ihrer Ansicht nach die öffentliche Meinung wider. Aber das ist Blödsinn. Diese Postings sind im Grunde die Nachfolger der Leserbriefseite der Kronen Zeitung. Der alte Dichand hatte sein Archiv und ein paar fixe Schreiber. Die, die nicht seiner Meinung waren, hat er aussortiert. So hat er seine Leserbriefseite gestrickt und die Illusion erzeugt, dass sie Volkes Stimme sei. Aber wenn das Volkes Stimme ist, dann ist eine Flatulenz von Anna Netrebko der Klang der Oper.

Wie halten Sie es mit den sozialen Medien?

Scheuba: Ich verwende sie sehr selten, in erster Linie, um meine Arbeit bekannt zu machen. Sie sind ein Zeitfalle und es liegt sehr viel Schmutz herum. Es ist also kein Wunder, dass die Politik sie für sich entdeckt hat. Soziale Medien bergen die Gefahr, dass ein gesamtgesellschaftlicher Konsens verloren geht, nämlich dass es keine verbindlichen Informationen mehr gibt, weil alles manipuliert ist. Das bedeutet dann: Ich kann genauso gut FPÖ-TV schauen wie „Zeit im Bild“, denn es ist um nichts weniger wahr. Dann wird’s eng.

Wie geht man mit dem Begriff „Wahrheit“ in so einer Welt um?

Scheuba: Wahrheit ist kein für den Menschen erreichbares Ziel, aber es ist eine Richtung. Die Wahrheit ist wie der Erdkern: Es ist nicht möglich, dorthin vorzudringen, aber wir wissen, wenn wir es versuchen wollen, müssen wir nach unten graben und nicht nach oben.

Wie sollen es Politiker besser machen?

Scheuba: Besser wäre zum Beispiel ein bissl Anstandsgefühl, ein bissl Humanismus, das ist nie falsch. F

Stadtsaal, Di 20.00 (Premiere)


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