Grüne Gefahr

Peter Iwaniewicz sagt statt Yucca Riesen-Palmlilie

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 06/18   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Es ist auch schon wieder 28 Jahre her, dass der deutsche Volkskundler Rolf Brednich mit seinem Buch „Die Spinne in der Yucca-Palme“ den Begriff des urbanen Mythos bei uns bekannt gemacht hat. Die titelgebende Geschichte berichtete von einem Mädchen, das beim Gießen ihrer neuen Yucca-Palme ein seltsames Quietschen hörte und deswegen die Polizei verständigte. Beamte erschienen in Schutzanzügen und entfernten die im Topf lebende Vogelspinnenfamilie. So weit, so lustig und so auch nie passiert.

Diese modernen Volkssagen gleichen der Wettervorher-Sage, die ebenfalls nur ein Körnchen Wahrheit neben viel kurios Erfundenem enthält. Durch solche Geschichten will man typische Angst-Erfahrungen bewältigen und sich durch emotionale Verbalisierung psychisch entlasten und zur eigenen Alltagsbewältigung beitragen.

Deswegen erhalte ich auch viele Zuschriften, die von mysteriösen Spinnenbissen oder Lebensmittelvorräte unter das Existenzminimum wegfressenden Kleintieren so wie anderen in trüben Gewässern zupackenden Kreaturen berichten.

Ja, es sind immer wilde Tiere, die Ängste auslösen, aber nie werden wir von Pflanzen angegriffen. Ein Blick in die Forst-Unfallstatistik bietet jedoch ein anderes, nicht minder bedrohliches Bild: Im Jahr 2016 erlitten Waldarbeiter 7508 Verletzungen. Schließt man die Kategorien „Kneif, Sattlermesser, Rebmesser, Axt, Beil“ und die üblichen Verdächtigen wie „Motorsäge“ und „Spitzhacke“ aus, dann finden sich noch immer fast 3000 Attacken durch „Äste und Baumstämme“. Beunruhigend finde ich auch die 445 Verletzungen durch „Laub, Moos und Nadeln“. Als urbaner Mythiker weiß man ja gar nicht, welche Gefahren in der Natur auf einen lauern.

Lange Zeit galten zumindest Topfpflanzen als zivilisierte, ja fast schon apathische Zeitgenossen. Josef Hader textete über unsere grünen Mitbewohner sehr pointiert „ihr lasst euch hegen / lasst euch pflegen / und immer fetter werden eure Blätter“. Jetzt haben aber Mediziner des Royal Victorian Eye and Ear Hospital in Melbourne die beliebte Yucca-Palme als Verursacherin von Gehörschäden geoutet. In fünf Jahren hatten diese insgesamt 28 Menschen verletzt. 25 Personen hatten sich das Trommelfell durchlöchert, drei weitere kamen mit Abschürfungen im Gehörgang davon. Schuld daran waren die immergrünen, spitz zulaufenden und recht harten Blätter der Pflanze. Völker, hört die Signale!


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