„Wir schaffen die siebte Million“

Die Burschenschaft des FPÖ-Spitzenkandidaten Udo Landbauer treibt ihre „Späße“ über die Schoah

POLITIK | NINA HORACZEK | aus FALTER 04/18   

Foto: Robert Jäger / APA / picturedesk.com

Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: ,Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.‘“ So steht es geschrieben auf Seite 182 des Liederbuchs der pennalen Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt, einer Mittelschulverbindung mit dem einschlägigen Leitspruch „Deutsch und treu in Not und Tod“. Die nächste Liedstrophe ist nicht weniger unappetitlich: „Da schritt in ihre Mitte ein schlitzäugiger Chines’: ‚Auch wir sind Indogermanen und wollen zur Waffen-SS.‘“

Die Germania hat in ihrem Liederbuch, das eigentlich nur Mitglieder haben dürfen, dem Sauflied „Es lagen die alten Germanen“ ein paar Strophen dazugedichtet, und das in einer Weise, die möglicherweise unter das Verbot nationalsozialistischer Wiederbetätigung fällt. Zumindest machen sie sich darin über die Schoah, den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch die Nazis, lustig.

Die Germania zu Wiener Neustadt ist nicht irgendeine Mittelschülerverbindung, sondern eine, die ihre Mitglieder besonders am Militärgymnasium in Wiener Neustadt rekrutiert.

Sie hat ein ganz besonders prominentes Mitglied. Laut Vereinsregister ist Udo Landbauer, der freiheitliche Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Niederösterreich, auch stellvertretender Vorsitzender der Germania. Dem Falter gelang es, an ein Exemplar des Germania-Liederbuchs zu kommen. Es ist ein kleines, dunkelrotes Büchlein mit Goldlettern, das mit sogenannten „Biernägeln“, wie die Burschenschafter die runden Messingknöpfe nennen, verziert ist.

Ein Lied zu Ehren der Legion Condor ist da zum Beispiel zu finden. Die Condor war die Luftwaffeneinheit der deutschen Wehrmacht, die auf Adolf Hitlers Befehl im Spanischen Bürgerkrieg aufseiten der Putschisten unter Francisco Franco kämpfte.

Die Germania ehrt diese Wehrmachtseinheit in ihrem Liederbuch. „Das war das erste Lied der deutschen Luftwaffe, die im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) erst geformt und ausprobiert worden war“, steht im von der Germania verfassten Begleittext dazu.

Die Condor flog massive Luftangriffe gegen die spanische Zivilbevölkerung, auch gegen die Stadt Guernica. Der spanische Künstler Pablo Picasso erschuf als Reaktion auf dieses Kriegsverbrechen sein weltberühmtes gleichnamiges Antikriegsbild.

Die Burschenschaft Germania besingt die Condor hingegen mit den Worten: „Wir sind deutsche Legionäre, die Bombenflieger der Legion, im Kampf um Freiheit und Ehre, Soldaten der Nation.“ Oder sie singen das „Burenlied“, das schon die Pimpfe der Hitlerjugend gerne trällerten.

Was sagt die FPÖ zu alledem? „Es stimmt, dieses Liederbuch gibt es“, bestätigt der Sprecher des niederösterreichischen Spitzenkandidaten. Es sei aber in den 1980er- und Anfang der 1990er-Jahren produziert worden, „lange vor Eintritt Udo Landbauers bei der Burschenschaft Germania. Seit er dort Mitglied ist, kennt er das Liederbuch nur mit herausgerissenen Seiten und geschwärzten Stellen.“

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit: denn das Liederbuch inklusive antisemitischen Inhalts wurde noch im Jahr 1997 neu überarbeitet in Druck geschickt. Das belegen datierte Zeichnungen in dem Büchlein. Landbauer wurde rund um das Jahr 2000 Mitglied der Germania.

Der Germania-Vorsitzende Philipp Wenninger bestätigt, dass es erst einige Jahre nach dessen Eintritt im Jahr 1997 eine Diskussion über gewisse Liedtexte gegeben habe. Kann Landbauer diese Diskussion verborgen geblieben sein?

Es ist jedenfalls nicht das erste Mal, dass Landbauer in diesem Wahlkampf auffällt. Erst vor kurzem verhöhnte er die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner als „Moslem-Mama“ und behauptete, diese würde in Niederösterreich eine „Zwangsislamisierung“ betreiben. Zuletzt erhielt der Falter Bilder des Wahlkampftrosses des freiheitlichen Spitzenkandidaten. Auf den Wahlkampfbussen der niederösterreichischen Freiheitlichen ist ein Bild von Mikl-Leitner mit jungen Männern mit Migrationshintergrund. „Ein großes Herz für Zuwanderer“ hat die FPÖ in großen Lettern dazugeschrieben.

Vergangenen Sonntag berichtete das Nachrichtenmagazin Profil, dass Landbauer 2010 ein Liederbüchlein der rechtsextremen Organisation „Junge Patrioten“ öffentlich bewarb, in dem unter anderem das „Bundlied“ der NS-Mädchenorganisation Bund Deutscher Mädel und weitere Lieder aus der Zeit des Nationalsozialismus zu finden waren. Die „Jungen Patrioten“ hätten es sich zur Aufgabe gemacht, dem „zerstörerischen Zeitgeist entgegenzuwirken und vor allem junge Menschen wieder mit ihren Wurzeln vertraut zu machen“, schrieb Landbauer damals.

Und das mit Liedern wie „Auf Kreta“, eine Hymne auf die Fallschirmspringer der deutschen Wehrmacht und deren Invasion auf der griechischen Insel Kreta. Dieses Lied findet sich sowohl im Liederbuch der Germania als auch in jenem der „Jungen Patrioten“, für das Landbauer warb.

Auf Kreta ermordete die Wehrmacht mehr als 8000 Inselbewohner und beging zahlreiche Kriegsverbrechen. Bei der Germania klingt das nun so: „Auf Kreta da wehen die Fahnen, wir Fallschirmjäger haben doch gesiegt. Und ist auch so mancher gefallen, der Ruhm der Fallschirmjäger aber blieb.“

Außerdem hat die Germania in ihrem Buch zahlreiche Lieder gesammelt, in denen ein Österreich beschworen wird, das Teil Deutschlands sei. „Was ist des Deutschen Vaterland? So nenne mir das große Land! Gewiss es ist das Österreich, an Ehren und an Siegen reich.“

Andere Lieder knüpfen an die Zeit des Nationalsozialismus an. Es sind Lieder wie „Hohe Nacht der klaren Sterne“ des Nazidichters Hans Baumann. Dieses Lied führten die Nazis 1936 in Deutschland und ab 1938 in Österreich als offizielles Weihnachtslied ein.

Manches in diesem Liederbuch ist nicht nur rassistisch, sondern auch noch beeindruckend infantil. Das Lied „Negeraufstand ist in Kuba“ klingt in der Germaniabude zum Beispiel so: „Und der Negerhäuptling Bermo hatte Durchfall im Gedärmo und entlässt ihn mit Gebello in die Hose von Flanello“.

Man habe 2017 ohnehin den Beschluss gefasst, ein neues Liederbuch der Germania zu erstellen, rechtfertigt Landbauers Sprecher. Auf die Frage, warum es mehr als 20 Jahre dauert, bis ein Liederbuch mit derart antisemitischen, NS-Verbrechen verherrlichenden und rassistischen Inhalten überarbeitet wird, meint der Sprecher: „Da die entsprechenden Seiten fehlen oder geschwärzt wurden, bestand kein akuter Handlungsbedarf.“

Aber der FPÖ-Spitzenkandidat habe sich „natürlich für neue Liederbücher ausgesprochen“.


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