Fliegengewicht

Peter Iwaniewicz findet, auch Veganer dürfen Fleischfliegen mögen

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 49/17   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Ich versuche seit gefühlten Stunden, eine korrekte und jegliche billige Witzelei vermeidende Antwort auf folgende Leseranfrage zu schreiben: „Die aktuelle Fliegenplage: Hat die Saison oder liegt’s an mir?“ Ja, diese Wuchtel lockt und will ins Netz gedrückt werden. Aber ich widerstehe allen Formulierungen, die Körperhygiene oder den Verbleib des Partners betreffen.

Ich lasse mich auch nicht von aktuellen irrlichternden Schlagzeilen wie „Hirsch mit Warnweste tritt Frau“ ablenken. Nein, ich frage mich nicht, wie man es schafft, einem Wildtier so etwas anzuziehen, und will auch nicht wissen, welche Firma derlei herstellt.

Hier steht statt leichter Unterhaltung eine interessante Beobachtung im Raum, die der Erklärung bedarf. Bei älteren Wienern heißen jene dicken Brummer, die sich vor den ersten Herbstfrösten in warme Stuben retten und dann gegen unsere Fensterscheiben wummern, „Antschi“.

Die in der Anfrage etwas ungenaue Bezeichnung „Fliegen“ muss zurechtgerückt werden: Es gibt zwar langbeinige Wintermücken, aber keine eigenen Winterfliegen. Von den etwa 6000 mitteleuropäischen Fliegenarten leben bloß zehn gemeinsam mit uns in Wohnungen. Neben der Großen und der Kleinen Stubenfliege finden sich hier vor allem die metallisch glänzende Schmeißfliege und die dunklere Fleischfliege. Die Larven Letzterer ernähren sich von totem Fleisch, was ihnen die wissenschaftliche Bezeichnung Sarcophagidae (griech.: sarx = Fleisch, phagein = fressen) eingetragen hat.

Fleischfliegen sind lebendgebärend, das heißt sie legen keine Eier, sondern gleich junge Maden ins Aas. Deswegen dachte man lange Zeit, Fliegen würden quasi durch Urzeugung spontan in faulem Fleisch entstehen.

Obwohl sich die erwachsenen, geflügelten Tiere nur von den zuckerhaltigen Säften matschiger Früchte ernähren, hilft ein solches Vorleben nicht dabei, Sympathie für diese Insekten zu entwickeln. Lieber zerquetschen wir sie gleich auf der Fensterbank, noch bevor wir die Schönheiten dieser Tiere wahrnehmen konnten. Bernhard Grzimek, Herausgeber der gleichnamigen Tierenzyklopädie, wusste, wie man einer Fleischfliege formvollendete Komplimente macht: „Der Glanz ihres Hinterleibs erinnert an Damastleinen.“


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