Winterschlaff

Peter Iwaniewicz versteht, dass Guinness keine Rekorde für den längsten Schlaf akzeptiert

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 46/17   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Da mir jetzt der österreichische Frühwinter frostig um die bereits verrötzelte Nase bläst, habe ich mich entschlossen, die kunstlederbespannte Sitzbank im Wartezimmer meines Hausarztes mit einer dicken Cordhose zu polieren. Arztpraxen sind mein bevorzugtes Lesebiotop, in dem ich immer wieder neue, mir völlig unbekannte Zeitschriften entdecke. Wie zum Beispiel das Fachblatt Der informierte Patient. Doch weder ein Artikel über Exoneirogmus, den unwillkürlichen Samenfluss im Schlaf, noch ein Beitrag über die Auswirkungen von Mondphasen auf Operationstermine fanden mein Interesse, sondern die Serie „Sinnlicher Körper – Teil 3: Die Körpertemperatur“: Senkt sich die Körperwärme eines Menschen auf 34,5 Grad, beginnt dieser das Bewusstsein zu verlieren. Bei 29,5 Grad versagt das Wärmekontrollzentrum im Hypothalamus, die Pupillen weiten sich, der Puls sinkt unter 40 Schläge pro Minute ab, und bei 27 Grad wird die Atmung eingestellt.

Schade, denn ich beneide vor allem an Tagen mit gefrierendem Nieselregen und eingesalztem Schneematsch alle Tierarten, die diese Zeit im Zustand der Kältestarre überdauern können. Sich zu enzystieren wie ein Bärtierchen wäre da nicht meine bevorzugte Wahl, aber ein solider Winterschlaf bis Ende Februar hätte schon seine Reize. Warum schaffen es Tierarten wie Igel und Fledermäuse, ohne körperliche Schäden ihre Körpertemperatur auf nur wenige Grad Celsius über dem Gefrierpunkt abzusenken? Und dabei bis zu 99 Prozent der Energie einzusparen, die für den Wachzustand benötigt wird? Wer schon einmal einen Gips hatte, weiß, wie schnell Muskeln schon nach zwei Wochen Ruhe schrumpfen. Wundliegen ist bei Pflegepatienten ein großes Problem, und den Darm samt notwendigen Darmbakterien plötzlich stillzulegen ist auch kein, ähh … Lercherlschas. Und vor allem, wie können diese Lebewesen diesen Starrezustand dann wieder aus eigener Kraft verlassen?

Sogar einige Primaten, die mit dem Menschen näher verwandten Lemuren, können schlechte Zeiten im Winterschlaf überleben. Das hat dann auch gleich Nasa-Wissenschaftler auf die Idee gebracht, dass man das dafür verantwortliche Gen dieser Halbaffen Astronauten einbauen könnte, damit diese eine Reise zum Mars besser überstehen.

Mir würde aber auch schon ein würdiges Verschlafen der Schnubbfenzeit im hiesigen Frierland reichen.


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