Die Karibik-Kanone

In den Paradise Papers findet sich auch eine absurde Tangente zu einem der größten Skandale der österreichischen Geschichte: der Noricum-Affäre

JOSEF REDL   

Am Abend des 22. März 1990 betritt der 62-jährige Wissenschaftler Gerald Bull sein Wohnhaus in Uccle, einem gediegenen Vorort von Brüssel. Die Tür zu seinem Appartement kann er nicht mehr aufschließen. Gerald Bull wird durch mehrere Schüsse in Genick und Hinterkopf ermordet. Die Täter werden nie gefasst. Es ist jedoch naheliegend, dass sie aus seinem beruflichen Umfeld stammen.

Gerald Bull war Rüstungsingenieur und zeit seines Lebens von der Idee getrieben, Kanonen von immer größerer Reichweite zu konstruieren. Wer diese kaufte, war ihm dabei herzlich egal. Seine Waffen wurden nicht nur an das Apartheidregime in Südafrika geliefert. Im ersten Golfkrieg kamen Kanonen aus der Entwicklung von Gerald Bull auf beiden Seiten zum Einsatz. Beliefert hatte die Kriegsparteien Iran und Irak die Noricum, eine Tochtergesellschaft des damals noch verstaatlichten Stahlkonzerns VOEST.

Die heimlichen Waffenlieferungen waren ein klarer Verstoß gegen das Kriegsmaterialgesetz und sorgten für einen der größten politischen Skandale der Zweiten Republik. Die Noricum-Affäre wurde vor Gericht und in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss verhandelt.

Nicht alle Details in diesem Dickicht aus illegalen Waffengeschäften, ungewöhnlichen Todesfällen und politischen Vertuschungen wurden restlos aufgeklärt. Und auch heute noch können niemals erzählte Geschichten nachgezeichnet werden. Aus Material, das im Datenleak Paradise Papers zu finden ist. Bis heute ist eine karibische Offshore-Gesellschaft aktiv, die einen Teil des Vermächtnisses von Gerald Bull enthält.

Wenn man so will, dann beginnt die Geschichte des Noricum-Skandals auf Barbados, wie so viele Geschichten aus den Paradise Papers. Der Rüstungsingenieur Gerald Bull hatte den karibischen Inselstaat für seine Zwecke entdeckt, lange bevor sich die Offshore-Industrie mit ihren intransparenten Briefkastengesellschaften und Steuersparmodellen hier niedergelassen hat.

„Bull war ein brillanter Ingenieur, er war sprichwörtlich einer jener Wissenschaftler, die bereit waren, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, um ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen. In seinem Fall waren das Kanonen mit extremer Reichweite“, sagt der Historiker Thomas Riegler, der sich intensiv mit der Noricum-Affäre und dem Leben von Gerald Bull beschäftigt hat.

Seinen Traum von der Superkanone wollte der Kanadier Bull zunächst mit Unterstützung des kanadischen Verteidigungsministeriums und der US-Army verwirklichen. Im Rahmen des Forschungsprogramms HARP (High Altitude Research Project) wurde Anfang der 60er-Jahre Land auf Barbados gekauft, um dort ballistische Experimente durchzuführen. Bull konstruierte eine 36 Meter lange Kanone mit enormer Reichweite.

Die „Barbados Gun“ gilt bis heute als die längste funktionierende Kanone. Ziel der Experimente war es, damit Satelliten bis in den Orbit zu schießen. 1967 drehten Kanada und die USA dem Projekt HARP den Geldhahn zu, die Raketentechnologie schien weit vielversprechender als Bulls Kanonen.

Gerald Bull blieb unbeirrt. Er machte sich mit einer Gesellschaft namens Space Research selbstständig und konnte sogar das Land auf Barbados günstig erwerben. Für die Weiterentwicklung der Barbados Gun fand Bull Investoren in Südafrika. Als seine gemeinsame Rüstungsentwicklung mit dem seit 1977 unter UN-Embargo stehenden Apartheidregime in Südafrika publik wurde, war Bull ruiniert. Der geniale Erfinder wurde wegen Verletzung des Waffenembargos zu sechs Monaten Haft verurteilt und kehrte seiner Heimat Kanada verbittert den Rücken.

In Europa fand er einen Partner, der seine wirtschaftlichen Nöte und sein Interesse an Rüstungsgeschäften teilte: Österreichs verstaatlichte Industrie. Ölkrise und Stahlkrise hatten der Verstaatlichten, insbesondere der VOEST-Alpine, schwer zugesetzt. „Die Regierung war daran interessiert, ganz gleich, ob das bei der VOEST-Alpine oder bei privaten Firmen war: Beschäftigung! Beschäftigung, Beschäftigung für die Menschen“, erklärte der frühere Gewerkschaftspräsident Anton Benya im Rahmen des Noricum-Prozesses 1990.

Der SPÖ-Regierung war bewusst, dass Rüstungsgeschäfte beinahe zwangsläufig der österreichischen Neutralität und dem Kriegsmaterialgesetz entgegenstehen würden. Trotzdem gab die Regierung ihre Zustimmung, als die VOEST-Alpine im Jahr 1979 Lizenzverträge mit Gerald Bulls Space Research Corporation abschloss. Zur Arbeitsplatzsicherung war beinahe jedes Mittel recht. Für nur zwei Millionen Dollar sicherte sich das verstaatlichte Stahlunternehmen die weltweite Lizenz zur Fertigung von Bulls Kanone unter dem Namen GHN-45 (Gun Howitzer Noricum Kaliber 45). Die Waffe war nicht nur für damalige Verhältnisse ein Spitzenprodukt in der Rüstungsindustrie: Die Reichweite der GHN-45 von rund 45 Kilometern wird bis heute von keiner Kanone übertroffen. Und es fanden sich rasch Abnehmer. 1981 schloss die VOEST mit dem jordanischen Verteidigungsministerium einen Vertrag über die Lieferung von (unter anderem) 200 GHN-45. Tatsächlich wurden die Waffen von Jordanien direkt in den Irak weiterverschifft, der seit 1980 mit dem Iran im Krieg war.

Das blieb im Iran nicht lange unbemerkt. Nun wollte auch Teheran die Kanonen aus österreichischer Produktion. Andernfalls drohte der Iran mit schmerzhaften wirtschaftlichen Sanktionen gegen Österreich. Und Österreich lieferte. 1984 unterzeichnete die VOEST einen Vertrag über die Lieferung von 200 GHN-45, Munition und Ersatzteilen an den Iran. Die Lieferung an einen kriegsführenden Staat war verboten, deswegen sollte offiziell Libyen als Empfänger aufscheinen.

Die VOEST befand sich ohnehin gerade in einer misslichen Lage: Das Werk in Liezen hatte in Erwartung eines Großauftrags aus Indien im großen Stil GHN-45 vorproduziert. Das Milliardengeschäft war jahrelang vorbereitet worden. Doch obwohl Bruno Kreisky Indira Gandhi angeschrieben hatte und sich auch Bundeskanzler Fred Sinowatz bei einem Staatsbesuch kräftig ins Zeug gelegt hatte, erhielt die schwedische Bofors-Gruppe den Zuschlag.

Am anderen Ende der Welt war auch Gerald Bull nicht untätig geblieben. Im Dezember 1985 ließ er eine Gesellschaft in Barbados registrieren. Die Balmoral Investments Ltd ist bis heute aktiv, wie aus den Daten der Paradise Papers hervorgeht. Was ist das für eine Gesellschaft, die sich da in den von der Süddeutschen Zeitung und dem International Consortium of Investigative Journalists bereitgestellten Daten findet? Gibt es etwa Hinweise auf Gelder aus Waffenschiebereien? Die Spurensuche von Falter, ORF, der belgischen Tageszeitung Le Soir und des belgischen Magazins Knack führen auch nach Wien-Sievering. Chairman der Gesellschaft ist Philippe Bull, Sohn von Gerald Bull. Philippe Bull arbeitet als Chirurg in Wien und erinnert sich mit trockenem Humor an das Noricum-Geschäft seines Vaters: „Damit war es aus mit meinem einfachen Studentenleben.“

Während Philippe Bull in Wien Medizin studierte, gab es nämlich die ersten Hinweise auf das illegale Waffengeschäft. Im Juli 1985 verschickte Herbert Amry, österreichischer Botschafter in Athen, mehrere Telegramme an die österreichische Bundesregierung. Er hatte Hinweise darauf erhalten, dass die VOEST-Lieferungen nicht für Libyen, sondern für den Iran bestimmt waren. Die Warnungen wurden schubladisiert, bald darauf starb Amry an einem Herzinfarkt. Wenige Wochen später fanden allerdings zwei Journalisten des Magazins Basta einen Beweis für Amrys Behauptungen. Im Hafen von Kardeljevo (heute das kroatische Ploče) konnten sie Fotos von einer der Noricum-Lieferungen machen. Die beigelegte Bedienungsanleitung für die angeblich für Libyen bestimmten Geschütze war nicht auf Arabisch, sondern auf Persisch abgefasst. Es sollte allerdings noch mehrere Jahre – und zahlreiche Enthüllungsstorys – dauern, bis ernsthafte Ermittlungen aufgenommen wurden. Erst 1989 kam es zu einer Anklage gegen Manager von VOEST und Noricum und zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Gerald Bull einen neuen Förderer gefunden: Saddam Hussein. Der irakische Kriegsherr hatte sich 1988 bereiterklärt, die Entwicklung einer Superkanone zu finanzieren. Ziel des „Projekts Babylon“: ein Geschütz, mit dem man vom Irak aus Israel angreifen kann. Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen. „Die Bauteile dafür waren 1990 schon unterwegs, sind teilweise vom Zoll abgefangen worden und Bull ist vor seiner Brüsseler Wohnung ermordet worden. Das hat dieses Projekt zum Scheitern gebracht“, sagt der Historiker Thomas Riegler. Unmittelbar nach Gerald Bulls Tod wurde das Unternehmen Space Research Corporation aufgelöst. Die Balmoral Investments Ltd auf Barbados hat ihren Gründer bis heute überdauert.

Aber was hat es mit dieser geheimnisvollen Gesellschaft auf sich? Offensichtlich steht sie in einem Zusammenhang mit dem Testgebiet, auf dem Gerald Bull seine Experimente auf Barbados durchführte.

„Balmoral besitzt Land auf Barbados, das mein Vater in den 70er-Jahren gekauft hat, um die dort ansässigen Bauern umzusiedeln. Die Kanonenschüsse haben die Hühner so erschrocken, dass sie angeblich daran gestorben sind. Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass mein Vater die Bauern für die toten Hühner entschädigt, kamen noch mehr Bauern mit noch mehr toten Hühnern“, erzählt Philippe Bull. Nachdem Gerald Bulls verbotene Geschäfte mit Südafrika öffentlich wurden, ist das Land konfisziert worden. „Das Land wurde als Mülldeponie genutzt und man hat Landbesetzer eingeladen, sich dort niederzulassen“, sagt Bull. Später wurde das Grundstück restituiert, mitsamt den illegalen Siedlern und dem radioaktiven Abfall aus dem nahegelegenen Krankenhaus. Verhandlungen mit der Regierung von Barbados über einen Grundstückstausch sind bisher erfolglos geblieben.

Philippe Bull: „Wenn jemand Interesse an einem wunderbaren, radioaktiv verseuchten Grundstück mit Meerblick und 450 Siedlern hat, geben Sie mir bitte Bescheid.“ F



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