Von allein merkt der andere nie etwas

Frauen und Männer haben einen unterschiedlichen kollektiven Erfahrungsschatz. Wir müssen ihn teilen, um einander zu verstehen

SIBYLLE HAMANN   

The Affair“ heißt eine amerikanische Serie. Es geht, wie schon der Titel verrät, um eine Beziehungskiste zwischen einem Mann und einer Frau. Der Inhalt tut nichts zur Sache, interessant ist der dramaturgische Kunstkniff, dessen sich die Serie bedient: Jede Episode wird zweimal hintereinander erzählt. Einmal aus ihrer Perspektive, einmal aus seiner. Was die harten Fakten betrifft, passieren in beiden Versionen dieselben Dinge (Autofahren, Essen, Sex, Streit). Doch die beiden Versionen driften in entgegengesetzte Richtungen auseinander. Er erinnert sich an völlig andere Details, Worte und Gesten als sie. Was der eine auf ewig abspeichert, fliegt am anderen spurlos vorbei. Am Ende haben sie, Jahre hindurch, eine gemeinsame Geschichte erlebt – und doch gleichzeitig zwei völlig verschiedene.

Den „The Affair“-Effekt kennt jeder Mensch aus dem persönlichen Alltag. Was für den einen lustig ist, brennt sich beim anderen als demütigend ein. Eine achtlos hingeworfene Bemerkung kann, wenn sie im falschen Moment oder im falschen Zusammenhang fällt, eine tiefe Kränkung sein. Auch beim Sex kommt das vor. Was der eine Partner als besonders lustvoll empfindet, kann dem anderen besonders wehtun. Wenn man darüber nicht kommuniziert und jeder mit seinem Erleben allein bleibt, wird der andere das jedoch nie erfahren. Darauf zu warten, dass der andere „es doch irgendwie merken muss“, ist ein sicheres Rezept für ein Beziehungsdesaster. Scheidungsanwälte wissen das.

Erfahrungen prägen die Wahrnehmung: Was für individuelle Beziehungen gilt, kann man auf die Geschlechterbeziehung insgesamt übertragen. Gesellschaftlich gesehen verfügen Männer und Frauen über zwei kollektive Erfahrungsschätze, und je patriarchaler eine Gesellschaft organisiert ist, desto stärker unterscheiden sich diese beiden. Die #metoo-Kampagne hat in den vergangenen Wochen offenbart, wie sehr die Wahrnehmung über unsere gemeinsame Welt auseinanderklafft.

Ja, selbstverständlich habe ich sexuelle Übergriffe erlebt, wer denn nicht?, sagen Frauen. Kein Mädchen wächst in dieser Gesellschaft heran, ohne jemals erlebt zu haben, wie sich das anfühlt: diese Mischung aus Scham, Angst, Wut, Verletztheit und Wehrlosigkeit, samt dem nagenden Gefühl, irgendwas falsch gemacht zu haben, und an dem, was da mit ihr passiert, irgendwie selbst schuld zu sein. Ja, die Intensität, in der man das kennenlernt, ist höchst unterschiedlich. Ja, man kann das wegstecken, wenn man älter wird. Man kann lernen, es wegzulachen und abzublocken, und stolz drauf sein, dass es einen im Leben nicht beeinflusst. Aber als Grunderfahrung ist es da. Selbst jene besonders coolen Frauen, die sich damit brüsten, das Thema für unwichtig zu halten, wissen, wie es sich anfühlt.

Unbewusst spielt diese kollektive Erfahrung in viele Konflikte zwischen Männern und Frauen hinein, auch wenn diese Konflikte gar nichts mit Sex zu tun haben. Die Scham, die Angst, die körperliche Unsicherheit können aufpoppen, wenn wir im Beruf um Anerkennung kämpfen, wenn wir uns bedroht fühlen, wenn wir Risiken eingehen, wenn wir Rivalitäten austragen. Es ist ein Punkt, an dem Frauen ganz besonders verwundbar sind. Ohne das jedoch je offen auszusprechen – weil sie wissen, dass sie genau das noch verwundbarer machen würde.

So kommt es denn, dass sich Männer, auch aufgeklärte, von #metoo in den letzten Wochen derart überrascht und überrumpelt fühlen. Der kollektive Erfahrungsschatz, den plötzlich so viele Frauen anzapfen, ist ihnen fremd. Wie kann es denn sein, dass so viel passiert, von dem wir nichts mitkriegen? Da hätte ich doch etwas merken müssen! Und wenn es so viele Frauen angeht, dann müssen doch auch viele Männer beteiligt sein, das stellt uns doch quasi unter Generalverdacht! „Warum habt ihr das nicht schon viel früher gesagt?“ ist die häufigste Abwehrreaktion.

Jetzt will man, als Ausgleich quasi, alles ganz genau wissen, samt aller körperlichen Details, in beinahe voyeuristischem Enthüllungseifer. Und bemerkt damit gar nicht, dass die Tür zur Kommunikation zwischen den Geschlechtern, die grade einen Spalt weit geöffnet wurde, sofort wieder zugeschlagen wird.

Mit zwölf hatte meine Tochter ihr erstes Erlebnis mit einem übergriffigen fremden Mann in der Straßenbahn. Viel war nicht passiert. Es waren nur wenige Worte, wenige Gesten. Dennoch war sie völlig verstört. „Was habe ich denn falsch gemacht?“, fragte sie. Sie fühlte sich exponiert, vorgeführt, beschämt, hilflos. Es war eine existenzielle Erschütterung. „Du hast gar nichts falsch gemacht“, hörte ich mich sagen, „das passiert jeder Frau, es wird wieder vorkommen. Du musst laut sagen, dass das nicht okay ist, und dann machst du einfach weiter, was du wolltest.“

Dann erzählte ich ihr ein paar von meinen Geschichten. Und dann erzählte ich sie auch meinem Mann, und demnächst werde ich sie meinem Sohn erzählen. Weil es gleichermaßen Männer- und Frauengeschichten sind. Weil die Erfahrungen der einen die Wahrnehmung der anderen schärft. Und sich nie etwas ändern wird, solange wir Frauen sie hüten, als seien sie unser kleines, kollektives Geheimnis.


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