Erklärung zum Fall Pilz

FLORIAN KLENK   

Viele Leserinnen und Leser stellen mir in sozialen Medien die Frage, wieso wir die Vorwürfe gegen Pilz jetzt veröffentlichen, wie seriös die Zeugen sind und was wir wann wussten.
Ich versuche daher den Rechercheprozess -so weit wie es das Redaktionsgeheimnis erlaubt -transparent zu machen.

Am 23. 10. erfuhr meine Kollegin Nina Horaczek von dem Gerücht, dass Peter Pilz eine frühere Mitarbeiterin mehrfach sexuell belästigt haben soll, sowohl verbal, als auch körperlich. Sie ging diesen Gerüchten nach und fand heraus, dass es Belege für diese Vorwürfe gibt, unter anderem ein Schreiben der Gleichbehandlungsanwaltschaft, das Horaczek seit kurzem vorliegt.

Sie versuchte auf drei verschiedenen Wegen, mit der betroffenen Frau Kontakt aufzunehmen. Konkret ließ Horaczek der Frau mitteilen, dass sie von den Vorwürfen weiß, dass diese sicherlich bald an die Öffentlichkeit kommen werden und bat um ein Gespräch, gerne auch vertraulich. Die betroffene Frau war aber zu keinem Gespräch bereit und wollte auch auf keinen Fall, dass die Vorwürfe öffentlich gemacht werden.

Aus Opferschutzgründen verzichtete Horaczek auf eine Veröffentlichung, informierte mich aber von dem Fall. Und sie recherchierte daraufhin im Umfeld der Grünen weiter, ob es andere Fälle von sexueller Belästigung durch Pilz gab. Aus Gründen des Opferschutzes entschlossen wir uns auch dazu, Pilz erst mit dem konkreten Vorwurf der sexuellen Belästigung zu konfrontieren, wenn wir das Einverständnis des mutmaßlichen Opfers haben. Wir würden das auch heute wieder so tun.

Am Freitag veröffentlichten profil und Presse dann zeitgleich die Vorwürfe dieser ehemaligen Mitarbeiterin von Pilz, die diesen vor der Gleichbehandlungsanwaltschaft beschuldigte. Quelle des Berichts war offenbar nicht ein Interview mit der Betroffenen selbst.

Weiters bestätigten grüne Funktionäre in den Berichten, dass es die Vorwürfe gab. Zu einem Verfahren vor der Gleichbehandlungskommission oder dem Arbeitsgericht kam es nicht. Man habe in einer Mediation Stillschweigen vereinbart, so die Grünen.

Pilz nahm in den Berichten von profil und Presse merkwürdigerweise nicht Stellung. Er sei auf Urlaub gewesen, so die Erklärung von Pilz.

Laut profil wurde er am Donnerstag mit den Vorwürfen en detail schriftlich konfrontiert.
Horaczek und ich begannen nun wieder zu recherchieren.

Ich rief Pilz am Freitag Abend an und bat ihn um ein Statement. Er bestritt in einem längeren Telefonat die Vorwürfe, sprach von einem arbeitsrechtlichen Konflikt und kündigte an, sein Tagebuch und Mails vorzulegen, die seinen Standpunkt belegen würden. Auch eine Kollegin würde ihn entlasten. Weiters brachte er das Argument vor, dass ihn die grüne Führung wohl nicht zu einem Vorzugsstimmenwahlkampf animiert hätte, wenn die Vorwürfe stimmen. Pilz wollte noch nicht zitiert werden, weil er am nächsten Tag eine Erklärung abgeben wollte.

Wir entschieden uns daher, den nächsten Tag abzuwarten („audiatur et altera pars“).

In der Nacht erreichte mich dann via Twitter die Nachricht zweier “User” namens Chris Niedermüller und Oliver Stauber, die angaben, (mit zwei anderen) Zeugen eines Übergriffes von Pilz am EF in Alpbach 2013 gewesen zu sein. Die Zeugen erhoben die Vorwürfe nicht anonym. Das war ungewöhnlich. Ich bat die beiden um Kontaktaufnahme und bat weiters darum, sie mögen einen Kontakt zur Betroffenen herstellen.
Zunächst erhielt ich ein Mail weitergeleitet, das die betroffene Frau offenbar an Herrn Niedermüller schrieb. Darin heisst es: „Lieber Christian, habe gerade gelesen, was du auf Twitter geschrieben hast. Danke! Ich überlege eigentlich schon seit seiner Kandidatur, wie ich damit umgehen soll – mich nie getraut, die Sache aufzubringen, weil ich dachte, ich würde mich damit lächerlich machen. Ich stand ja wie versteinert da und konnte mich nicht mehr bewegen. Danke nochmal, dass ihr mich dann aus der Situation gerettet habt.(…) Ich will auch nicht an die öffentlich gehen – aber es tut mal gut zu wissen, dass es mir damals nicht übertrieben vorkam. LG“

Ich fragte nach, ob ich Pilz diese Nachricht anonymisiert vorhalten könne. Um ein Uhr Nachts erreichte mich dann eine Nachricht der betroffenen Frau, die den Vorfall so schilderte, wie ich ihn in meinem Artikel festhielt. Ich will die Details hier nicht nochmals wiederholen.
Die EVP-Mitarbeiterin stimmte einer Veröffentlichung unter Zusicherung von Anonymität ausdrücklich zu.

Um 7:45 konfrontierte ich Pilz mit den Vorwürfen via SMS und bat um seine Stellungnahme.

Pilz rief um 7:52 zurück und erklärte, er könne sich an den Abend nicht erinnern, er sei aber in Alpbach gewesen. Aber diese seine Vergesslichkeit sei – da es zwei Zeugen gebe – sein Problem. Er werde nun aufgrund dieses Vorwurfs zurücktreten, da er seine Ehefrau und den Klub nicht belasten wolle. Ich ging zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass die Vorwürfe stimmen. Sie sind weiters gegen eine Person des öffentlichen Interesses gerichtet, betreffen ein politisch unzumutbares Verhalten und waren gut dokumentiert. Sie waren ,fit to print‘. Das Opfer war auch einverstanden.

Nach einigen hektischen Telefonaten autorisierte Pilz seine Rücktritts-Zitate, die ich dann frühmorgens vor seiner PK veröffentlichte.

Ob Pilz wirklich nur aufgrund dieses Falter-Artikels über Alpbach zurücktrat, wie er in meinem Bericht behauptet oder ob auch die profil-und Presse-Artikel eine Rolle gespielt haben, kann und will ich nicht beurteilen.

Parteikolleginnen und Kollegen versichern heute in Mails an mich -unter Zusicherung von Anonymität -dass Pilz immer wieder mit Belästigungsvorwürfen von Kolleginnen konfrontiert worden sei. Vieles davon seien aber auch Gerüchte.

Die betroffene Frau werden wir selbstverständlich nicht nennen und auch nicht an andere Medien für Interviews vermitteln. Das haben wir mit der Betroffenen so vereinbart. Wir ersuchen von entsprechenden Anfragen Abstand zu halten. Es gilt der Redaktionsschutz.

Ich hoffe, den Rechercheprozess ausreichend offen gelegt zu haben. Meine Conclusio: Da wir Pilz eine glaubhafte Aussage einer Betroffenen und von zwei namentlich genannten Zeugen vorgelegt haben, blieb ihm nur der Rücktritt. Er hätte diesen auch von allen anderen politischen Mitbewerbern gefordert.

Florian Klenk, 4.11. 21:25 Uhr


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