Die Geschäfte eines Grenzgängers

Wieso kassierte der Wiener Rechtsanwalt Christian Hausmaninger über eine Briefkastengesellschaft eine halbe Million Euro von einem Zubringerfonds des Milliardenbetrügers Bernie Madoff? Eine Spurensuche

JOSEF REDL   

Foto: viennacontemporary / Jakob Polacsek

Wenn Anwaltskollegen über Christian Hausmaninger sprechen, fällt meistens ein Begriff: Grenzgänger. Kaum einer kennt sich besser mit Grenzen aus als Christian Hausmaninger. Es ist vor allem das Niemandsland zwischen Grenzen, in dem er sich zu Hause fühlt. Die Grauzonen zwischen Rechts- und Steuersystemen sind sein berufliches Heimatland. Auch Hausmaninger pflegte geschäftliche Kontakte zu der Offshore-Rechtsanwaltskanzlei Appleby, die im Zentrum der Enthüllungen der internationalen Recherchekooperation unter dem Titel „Paradise Papers“ steht. Dies geht aus dem Datenmaterial hervor, das der Süddeutschen Zeitung zugespielt wurde und das von hunderten Journalisten unter der Führung des International Consortium of Investigative Journalists weltweit durchforstet wurde.

Der Sommer 2008 war turbulent für Christian Hausmaninger. Im Bawag-Prozess vertrat er den Spekulanten Wolfgang Flöttl. Während das Verfahren sich in Wien dem Ende zuneigt, steht Christian Hausmaninger auch rund 7000 Kilometer weiter südwestlich vor einem großen Abschluss, auf den Bermudas. Hausmaninger hat auf den Inseln für Klienten mehrere Investmentfonds gegründet. Das ist nichts Ungewöhnliches. Fonds sind Vermögen mit Rechtspersönlichkeit. Natürlich gründet man diese an Orten, wo Steuern und Verwaltungsaufwand so gering wie möglich sind.

Einer dieser Fonds heißt Alpha Prime. Aufgesetzt wurde dieser Fonds von einer Gruppe Wiener Banker, darunter Ex-Börse-Chef Stefan Zapotocky. Vertrieben wird der Fonds hauptsächlich in Österreich. Und was damals nur Eingeweihte wissen: der Investmentfonds hat de facto nur eine einzige Funktion. Alpha Prime veranlagte das Fondsvermögen gar nicht selbst, sondern schaufelte das Geld der Anleger an einen New Yorker Finanz- und Börsenmakler namens Bernard L. Madoff weiter. Obwohl der Alpha Prime also ein reiner Zubringerfonds ist und keinerlei Investmententscheidungen trifft, werden hohe Management-Fees verrechnet.

Was damals noch niemand wusste: Madoff ist gar nicht der Investment-Guru, als der er an der Wall Street gilt, sondern einer der größten Finanzbetrüger der Geschichte. Seine Investments erzielen gar keine Gewinne. Die Renditen der alten Anleger werden aus den Einlagen der neuen Anleger bezahlt. Bis zu seiner Verhaftung am 11. Dezember 2008 ahnte niemand etwas von „Bernie“ Madoffs falschem Spiel. Noch heute, neun Jahre später, prozessieren Anleger, die ihr Geld verloren haben. Auch Anleger des von Christian Hausmaninger gegründeten Alpha Prime Fonds sitzen noch auf Verlusten.

Ein paar Monate, bevor der Milliardenbetrug von Madoff 2008 aufflog, kam es zu regen Aktivitäten auf den Bermudas. Dort hat Christian Hausmaninger nicht nur Fondsgesellschaft Alpha Prime Fund Ltd. und die dazugehörige Managementgesellschaft Alpha Prime Asset Management Ltd. gegründet, seit Mai 2008 hat Hausmaninger auch selbst eine eigene Offshore-Gesellschaft. Sie heißt USW Real Estate Holding Ltd. und wird von Mitarbeitern der Kanzlei Appleby geführt. 1500 Dollar erhält Appleby im Jahr für die Bereitstellung von Direktoren für die Firma, das ist eine der Standard-Dienstleistungen der Kanzlei. Einziger Aktionär der USW ist eine Sardagna Investment GmbH mit Sitz in Wien. Gesellschaft der Sardagna sind Christian Hausmaninger selbst, seine Ehefrau und die Familien-Privatstiftung.

Keine zwei Wochen nach der Registrierung am 16. Mai schließt das Hausmaninger Offshore-Vehikel USW ein „Agreement“ – ausgerechnet mit der Alpha Prime Asset Management Ltd., jener Fondsmanagementgesellschaft, die Hausmaninger gegründet hat und die er bis heute rechtsfreundlich vertritt.

In dem knapp gehaltenen Vertrag wird vereinbart, dass die USW als „Agent“, also Vermittler, für den Madoff-Zubringerfonds Alpha Prime tätig wird. Das Papier ist extrem vage gehalten. USW soll „verschiedene förderliche Aufgaben“ für den Alpha Prime Fonds übernehmen. Das Honorar soll „von Fall zu Fall“ vereinbart werden. In den Dokumenten der Paradise Papers finden sich weitere Unterlagen der USW Real Estate Holding. Nichts deutet allerdings auf irgendeine Geschäftstätigkeit hin. Es sind beinahe ausnahmslos bürokratische Formalitäten. Mit einer Ausnahme: Am 25. Oktober 2008 unterzeichnet einer der USW-Direktoren einen Beschluss mit dem Titel „Payment to the Shareholder“: Rückwirkend werden darin zwei Überweisungen vom 28. August 2008 von der USW an die Wiener Hausmaninger-Gesellschaft Sardagna in Wien genehmigt. Einmal 150.000 Euro und einmal 350.000 US-Dollar. Ob das Geld aus Provisionen für die vereinbarten „förderlichen Aufgaben“ für den Alpha Prime Fonds stammt, ist aus den Dokumenten nicht abzuleiten. Auch nicht, warum das Geld in zwei verschiedenen Währungen überwiesen wird.

Es gibt aber eine interessante zeitliche Koinzidenz. Wenige Wochen nach der Gründung der USW Real Estate wurde eine große Summe in den Alpha Prime investiert: Am 30. Juni 2008 veranlagte das Land Niederösterreich 40 Millionen Euro in dem Madoff-Zubringerfonds. Das Land Niederösterreich hatte unter dem damaligen Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka ab 2002 mit Landesmilliarden aus dem Verkauf von Wohnbaudarlehen am Finanzmarkt spekuliert. Der Rechnungshof konstatierte in einem Bericht aus dem Jahr 2010 einen Fehlbetrag von 996,79 Millionen Euro per Ende 2008.

Christian Hausmaninger sagt, es habe nie eine Vereinbarung über Vermittlungsprovisionen mit dem Alpha Prime gegeben, „nicht mit mir, der USW oder irgendeiner anderen, in meinem Einflussbereich stehenden Gesellschaft“. Und weiter: „Das Ihnen offenbar vorliegende Agreement ist weder vom Text noch vom Format her ein (…) Sales Agreement, sondern ein schlichter Dienstleistungsvertrag, dessen Leistungen von der USW nicht abgerufen wurden“, so Hausmaninger. Bei den Überweisungen handelt es sich laut Christian Hausmaninger um Anwaltshonorare. Diese wurden teilweise nicht über die Wiener Kanzlei verrechnet, weil Hausmaninger auch eine New Yorker Anwaltszulassung hat. „Ich habe für meine Klienten Alpha Prime Fund und Alpha Prime Asset Management seit 2003 Tätigkeiten als US-Anwalt und als österreichischer Anwalt erbracht“, so Hausmaninger. Das Geld, das im August 2008 von der USW an die Sardagna geflossen ist, sei „nachweislich als Anwaltshonorar in Österreich zum Höchststeuersatz versteuert worden“. Warum das Honorar den Umweg über eine Offshore-Gesellschaft genommen hat, kann Hausmaninger nicht schlüssig erklären. Die Gesellschaft habe er gegründet, um in ein Immobiliengeschäft auf den Bermudas zu investieren, das sich leider zerschlagen habe.

Bis heute lässt sich übrigens nicht genau sagen, was aus den Veranlagungen des Landes Niederösterreich geworden ist. Die niederösterreichischen Landesgelder wurden nämlich über ein kompliziertes System an Offshore-Gesellschaften und Stiftungen geschleust. Einer der Berater des Landes Niederösterreich bei diesen intransparenten Konstruktionen war Christian Hausmaninger. F



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