Fremde Natur

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 41/17   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Die Sex and Crime verheißende Headline „Todesangst wegen Brunftschreien“ konnte sich meines Interesses todsicher sein. Die Story dahinter war dann eher flach: Zwei Tschechen hörten bei einer abendlichen Bergwanderung den Ruf röhrender Hirschbullen und flohen in eine nahe Hütte, weil sie glaubten, von brüllenden Bären verfolgt zu werden. Da mag man läppisch witzeln, dass Fremde eben von unserer Natur entfremdet wären. Aber wer solche Brunftschreie schon einmal selbst im dunklen Wald gehört hat, denkt dabei nicht an freundliche Hirschgesänge, sondern viel eher an einen Kampf zwischen Godzilla und King Kong.

Der aus den 1970er-Jahren stammende und schon leicht angestaubte Begriff der „Naturentfremdung“ erfährt, seitdem er auch in englischer Übersetzung als „nature deficit disorder“ vorliegt, wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Befeuert wird das auch durch den vom Natursoziologen Rainer Brämer in größeren zeitlichen Abständen herausgegebenen „Jugendreport Natur“. Vergangenes Jahr erschien eine solche „Studie“, die ich deswegen unter Anführungszeichen stelle, weil sie im Unterschied zu solider Forschung nur dazu dient, die feststehende Meinung der Autoren zu belegen.

Und diese ist: Jugendliche sind entweder fehlgeleitete Naturromantiker, weil sie mehrheitlich finden, dass man nur „kranke Bäume fällen sollte“. Oder sie besitzen immer weniger faktisches Naturwissen. Dazu fragt die „Studie“, wie viele Eier ein Huhn pro Tag legt, und beklagt, dass nur ein Fünftel die richtige Antwort (ein Ei pro Tag) nennt. Was das Legeverhalten von Hochleistungshühnern in der Legebatterie mit Naturwissen zu tun hat, wird aber nicht erklärt.

Und selbst wenn die Zwölf- bis 16-Jährigen plausible Antworten geben, finden die Autoren dennoch einen weiteren Aspekt der Naturentfremdung darin. Gefragt wurde nach gefährlichen Tieren im Wald. Und die Antworten – nach Bedrohungsgrad gereiht – waren: Wildschweine, Füchse, Wölfe, Bären, Dachse, Hirsche und Rehe. Sogar Zecken und Erdwespen wurden genannt. Was kann man daran bekritteln? „Dieses Wissen kommt nicht aus eigener Beobachtung, sondern stammt vor allem aus Schule oder Tierdokumentationen im Fernsehen.“

Echt jetzt! Wissen über gefährliche Tiere sollte hauptsächlich aus eigener Erfahrung erlernt werden? Wie heißt nochmals diese Art von Pädagogik?


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