AUA!

Peter Iwaniewicz wartet auf Lesererfahrungen mit Spinnenbissen

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 32/17   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Sommerzeit ist auch Leserbriefzeit! „Igitt, igitt“, schreibt Frau Ch. zu meiner Mutprobenaufgabe, eine Spinne mit der Hand zu fangen. „Kühe schrecken mich als Landkind ja nicht, aber was ich las, finde ich höchst beunruhigend! Bisher hieß es doch immer, dass nur Wasserspinne und Dornfinger Menschen gefährlich werden. Doch jetzt kann uns auch schon die Hauswinkelspinne und die Kreuzspinne beißen?“

Ja, auch ich war überrascht, in einem ärztlichen Journal über die Behandlung von Bissen der Hauswinkelspinne zu lesen. Diese große, dunkle Spinne, die gerne in dunklen Ecken und hinter Möbeln ihren Wohntrichter spinnt und mit ihren Beinen bis zu acht Zentimeter Spannweite erreicht, kennen die meisten Menschen. Die Tiere flüchten aber immer vor uns, nie attackieren sie uns gezielt. Insofern muss niemand mit seinen Kindern schreiend ins Freie laufen, wenn man sie sieht.

Bloß, auf die Frage, ob sie unsere Haut durchbeißen kann, kann man keine eindeutige Antwort geben. Zum einen deswegen, weil Zoologen über dieses Thema nicht forschen. Freiwillige Testteilnehmer, die sich von den ca. 1000 heimischen Spinnenarten versuchsweise beißen lassen, findet man sicher nicht so schnell. Und Selbstversuche sind schmerzhaft und waren nur bei Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, eine bereichernde Erfahrung. Der US-amerikanische Insektenforscher Justin Schmidt publizierte immerhin einen Schmerz-Index auf Basis seiner Biss- und Sticherfahrungen mit 150 verschiedenen Insektenarten. Dafür bekam er aber nur den Ig-Nobelpreis, eine satirische Auszeichnung für skurrile Forschungen. Diesen musste er sich mit Michael L. Smith teilen, der an 25 Stellen seines Körpers ausprobierte, an welcher Stelle ein Bienenstich am meisten schmerzt. Auf dem Podest: Nasenflügel, Oberlippe und Penisschaft. Eine offenbar nur für männliche Menschen geltende Erhebung.

Aber es gibt noch einen anderen Grund für die Unsicherheit, welche Spinnenart uns beißen kann: Die dünnsten Stellen der Hautbereiche befinden sich auf den nur 1,5 Millimeter dicken Augenlidern. Auf der Fußsohle ist die Haut dafür etwa vier Millimeter dick. Der Popo eines Babys ist noch zarthäutiger, und die gegerbten Hände eines Bauarbeiters widerstehen vermutlich dem Biss jeder österreichischen Spinne.

Und deswegen bleiben Erzählungen von Spinnenbissen nur individuelle Anekdoten.


Alle Artikel aus FALTER 32/17 finden Sie ab dem Erscheinungstag der Printausgabe im FALTER-Archiv!


ANZEIGE