Die Vermessung des Du

Dank Big Data kennt die Werbung die Kunden so gut wie nie zuvor. Was heute bereits möglich ist und was es über Sie aussagt, wenn Sie auf Facebook „Der Pate“ liken

MEDIEN | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 28/17   

Illustration: Daniel Jokesch

Zu leben ist das Seltenste in der Welt. Die meisten Menschen existieren, das ist alles.“ Das schrieb Irlands großer Sohn Oscar Wilde vor mehr als hundert Jahren in seinem Essay „Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus“. Wilde existierte nicht bloß, er lebte. Der Dandy schrieb frech, streifte selbstbewusst durchs strenge viktorianische Zeitalter, mit seinem extravaganten Kleidungsstil fiel er aus der Norm. Weil er seine Homosexualität auslebte, obwohl das verboten war, verdonnerte ihn das Gericht Ende des 19. Jahrhunderts zu zwei Jahren Zuchthaus bei Zwangsarbeit. Der Schriftsteller starb 46-jährig an einer Hirnhautentzündung. Neben seinem literarischen Vermächtnis hinterließ er eine statistische Gewissheit: Wer Wilde toll findet, ist höchstwahrscheinlich ein ausgesprochen offener Mensch.

Das ist kein Vorurteil. Das ist, was der Facebook-Algorithmus über Wilde-Fans verrät. „Unser Onlineverhalten beinhaltet Informationen über uns“, sagt Vesselin Popov. Popov arbeitet als Direktor für die wirtschaftliche Entwicklung am „Psychometrics Centre“ der Elite-Universität Cambridge, das darüber forscht, was unser Onlineverhalten über uns aussagt. Wenn Ihnen Oscar Wilde oder der kanadische Sänger Leonard Cohen auf Facebook gefallen, gelten Sie aller Wahrscheinlichkeit nach als offen. Haben Sie dem Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart oder dem Mafia-Filmklassiker „Der Pate“ ein Like gegeben, gelten Sie als Mensch mit hoher Intelligenz. Bekennen Sie sich hingegen zur Luxusmarke Prada oder zum deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, haben Sie eine „niedrig ausgeprägte Verträglichkeit“. Übersetzt bedeutet das: Sie sind egozentrisch, misstrauisch und stehen auf Wettbewerb.

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