„Diese Kinder sind in der Hölle gelandet“

Vor vier Jahren meldete sich eine Kinderkrankenschwester beim Falter, um über die Misshandlung von behinderten Kindern in Wiener Psychiatrien zu berichten. Die Stadt ließ die Vorwürfe systematisch untersuchen – und stieß auf ein unbekanntes System des Schreckens

POLITIK | BARBARA TÓTH | aus FALTER 11/17   

Foto: Hans Ringhofer / picturedesk.com

Hier war die schreckliche Zeit stehengeblieben. Als der Psychiater Ernst Berger am 15. März 1990 seinen Dienst als neuer Chef der „Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder“ am Rosenhügel antrat, fand er vier Netzbetten vor. Eines davon war mit vier Stahlträgern in Boden und Decke verankert, damit es nicht umfiel, wenn der Patient, der darin nicht nur schlief, es heftig hin und her schaukelte. Berger setzte dem Personal eine Frist von drei Monaten, die Netzbetten zu entfernen. Die Zwangsjacken, die auf der Station genauso wie Hand- und Fußfesseln eingesetzt wurden, ließ er sofort wegsperren.

Wenn Berger, heute 70, von seinem Dienstantritt erzählt, ist er immer noch fassungslos. In Wien war die neurologische Abteilung am Rosenhügel als „Rett-Klinik“ wohlbekannt, und sie galt als einer der besseren Orte, an denen man landen konnte, wenn man noch nicht erwachsen und behindert war. Besser jedenfalls als in den Pavillon 15 am Steinhof zu kommen, der war Verwahranstalt. Netzbetten, Zwangsjacken und Fesseln waren Alltag. Dazu kamen Schläge mit nassen Fetzen, vom Personal zugedrehte Wasserhähne, sodass die Patienten in ihrer Not aus den Toiletten tranken, brutales Untertauchen beim Waschen und ein Personal, dem das alles egal war. „Die sind wirklich in der Hölle gelandet. Die haben keine Entwicklungschancen gehabt, absolut keine“, erinnert sich ein Pflegender.

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